Kommentar

Eine schweigende Gesellschaft

Schade, dass es die Gewerkschaften nicht mehr schaffen, die Menschen am 1. Mai zu mobilisieren.

Nur 300 Frauen und Männer nahmen an der Demonstration durch die Lüneburger Innenstadt und der anschließenden Kundgebung auf dem Lambertiplatz nahe dem DGB-Haus teil. Viele bekannte Gesichter aus der Kommunalpolitik waren zu erkennen. Vom gemeinen Volk ohne politisches Mandat waren nicht viele zum Tag der Arbeit gekommen.

Das ist umso bedauerlicher, weil viel Wichtiges gesagt wurde über den Zustand in der heutigen Arbeitswelt. Es bleibt Spekulation, warum das Interesse daran so gering war.

Vielleicht haben die Menschen schon zu viel über Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge, Niedriglöhne, unbezahlte Überstunden, Lohndumping und Mindestlöhne gehört, ohne dass aber jemand sich ernsthaft daran macht, diese Wunden in der Arbeitswelt zu heilen. Vielleicht sind sie selber davon betroffen und ist es der Frust darüber, der sie schweigen lässt. Oder aber das Vertrauen in manche Gewerkschaften ist verloren gegangen, weil sie schon seit geraumer Zeit machtlos gegenüber Arbeitgebern wirken und den Eindruck eines zahnlosen Tigers vermitteln.

Es ist an der Zeit für die Gewerkschaften, Vertrauen zurück zu gewinnen, um die Menschen wieder mobilisieren zu können. Denn in einer schweigenden Gesellschaft ist keine Solidarität zu erwarten, die nötig ist, um Fehlentwicklungen in der Arbeitswelt zu korrigieren.