Geschichte

Zuflucht unterm Hakenkreuz

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Wentorf (st). Als Edith Günther 1943 heiratete und ihrem Mann in ein Zementwerk in Qixia, einem Vorort von Nanjing, der damaligen Hauptstadt Chinas, folgte, wusste sie noch nicht, dass ihr Carl ein Held war.

Denn der Bergbauingenieur machte keine großen Worte: "Mein Mann sprach nie davon, auch später nur sehr selten, als wir nach Deutschland zurückgekehrt waren." In China aber war und ist der Name Carl Günther in aller Munde. Allerdings als "Herr Kun aus Deutschland", weil die Chinesen den Namen nicht aussprechen können.

"Unsere Besucher kannten nur ein Thema: die Massaker der Japaner in Nanjing und Umgebung", berichtet die heute 90-jährige Wentorferin. "Die Gräueltaten der Japaner waren fürchterlich." Doch im Gegensatz zu ihrem Mann, der in China geboren war, sprach seine 18 Jahre jüngere Frau kein Chinesisch. Deshalb erfuhr sie erst nach und nach von den Massakern der japanischen Besatzungstruppen im Winter 1937/38 und von der Rolle, die ihr Mann damals gespielt hat: Der Direktor der Zementfabrik hatte gemeinsam mit seinem Partner, dem Dänen Sindberg, beschlossen, die deutsche sowie die dänische Staatsflagge zu hissen, um das Gelände, vor allem aber die Menschen dort zu schützen.

Tausende waren aus Nanjing nach Qixia geflüchtet, weil die japanischen Truppen im Dezember 1937 Nanjing erobert hatten. Sie töteten wahllos Menschen, brannten Häuser nieder, vergewaltigten Frauen und plünderten die Ställe. Die Flüchtlinge suchten Schutz im Qixia-Tempel. Doch bald bildete sich ein zweites Flüchtlingslager auf dem Gelände des Zementwerkes. Denn Günther und Sindberg boten ihnen Lebensmittel und Schutz. Die Flagge mit dem Hakenkreuz hielt die mit den Nationalsozialisten alliierten Japaner offenbar davon ab, das Lager zu überfallen. "China today" berichtete sogar, wie Günther mit der deutschen Staatsflagge in der Hand japanische Soldaten zurücktrieb, die das Dorf Sheshan nahe der Fabrik angegriffen hatten. Vor Angriffen auf den Tempel schreckten die Besatzer hingegen nicht zurück. Dort mordeten sie weiter, misshandelten sogar die Mönche.

"Mein Mann hat dort draußen im Grunde das Gleiche getan, was John Rabe als Leiter der Siemens-Fabrik in Nanjing getan hatte." In Deutschland ist der Wentorfer im Gegensatz zu John Rabe, dessen Leben sogar verfilmt wurde (siehe Text unten), jedoch weitgehend unbekannt geblieben.

Edith Günther war 1938 als Kindermädchen der Familie ihres Onkels nach China gekommen. Als der Zweite Weltkrieg begann, wollte ihr Onkel sie nach Deutschland zurückschicken. Doch das junge Mädchen wollte bleiben. "Unter diesen Umständen wollte ich nicht nach Hause zurück." Lieber suchte sie sich eine neue Familie als Arbeitgeber - mit Erfolg. Sie fand eine Familie in Shanghai. Als sie nach einem Bridge-Abend einen vergessenen Mantel der Hausherrin abholen sollte, begegnete sie Carl Günther und wurde fortan mit eingeladen.

"Das erste Jahr meiner Ehe war schwierig", erinnert sich die Wentorferin. "Denn mein Mann war zuerst mein einziger Gesprächspartner." Ihr blieb nichts anderes, als Chinesisch zu lernen. Der Abschied von China 1950 fiel jedoch beiden schwer. Aber als Mao Tse Tung im Land wütete, mussten Günthers mit mittlerweile zwei kleinen Kindern fliehen und wurden evakuiert.

Auch in China ist Carl Günther erst postum geehrt worden. Er starb 1984. 2002 wurden seine Frau und ihr Sohn zur Einweihung einer Gedenkstätte nach Nanjing eingeladen. "Als ich dort meinen damals über 90-jährigen Koch Chia Lao San wiedertraf, kamen mir die Tränen", erzählt sie. "Ich wünschte, Carl hätte das Interesse an seinem und dem Schicksal der Chinesen in Nanjing noch miterlebt."

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