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Auch der Weihnachtsmann macht mal Feierabend

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Wentorf (st). Wenn jemand heute einen rot gekleideten Kerl dabei beobachtet, wie er eine Tanne vom Balkon in die Wohnung zerrt, muss das keine optische Täuschung sein: Denn der echte Weihnachtsmann lebt seit 25 Jahren mitten in Wentorf und auch er feiert heute Abend. Nach getaner Arbeit - versteht sich.

Schließlich wird er von den kleinen Wentorfern sehnlich erwartet, die alle sorgsam in seinem goldenen Buch eingetragen sind. Sein arbeitsreichster Tag im Jahr beginnt damit, dass er seiner Gattin den Christbaum in die Stube stellt. Denn, wie jetzt bekannt wurde, ist der Weihnachtsmann vergeben: "Meine Frau kümmert sich um unser Fest", sagt der Endfünfziger mit Rauschebart zufrieden. "Sie schmückt den Baum, kocht Kaffee, backt Kuchen und bereitet das Abendessen zu."

Er kann sich so ganz auf seinen Tourenablauf konzentrieren, den er minutiös vorbereitet: "In Wentorf bin ich ohne Schlitten unterwegs, dafür haben wir zu selten Schnee." Für Kinder auf der Straße hat er immer etwas Süßes dabei. Doch bevor er in die schweren Stiefel steigt, gibt es noch eine Stärkung: Kaffee und ein Stück selbst gemachte Marzipantorte. "Das gehört sich so", sagt die Weihnachtsfrau.

Sobald es draußen schummrig wird, schultert der Mann im roten Mantel seinen Jutesack mit den Geschenken. Eine Rute aber hat er nicht im Gepäck: "Ich bin nicht dafür da, sämtliche Erziehungsfehler des Jahres auszugleichen", betont er. "Deshalb ermahne ich die Lütten wohl, in der Schule mal ein bisschen Gas zu geben oder sich nicht immer mit den Geschwistern zu zanken, aber ich strafe nie."

Wenn er von einem Haus zum nächsten zieht, verliert er nie aus den Augen, welcher kleine Wentorfer ihm im Vorjahr ein Bild gemalt hatte oder worüber sie gesprochen hatten. "Wie lange eine Bescherung dauert, kann ich nie sagen", erläutert der gute Mann. "Wenn ein Kind verängstigt ist und nur weint, bleibe ich nur ein paar Minuten. Um so etwas zu vermeiden, gehe ich in die Knie, begebe mich auf Augenhöhe mit den Kleinen." Die meisten seien aber offen, sängen Lieder vor und lauschten seinen Geschichten. "Dann bin ich auch mal 20 Minuten im Haus." Der ständige Wechsel zwischen warmer Stube und kalter Straße, die Sorge, ob alles klappt, all das sei ziemlich anstrengend.

Insgesamt habe er schon über 1000 Kinder beschert. In der Adventszeit kommt er auch in Kindergärten, beispielsweise nach Wohltorf, zu Betriebsfeiern oder zum Baumschlagen nach Kröppelshagen. Doch irgendwann sind alle Kinder glücklich und auch der Weihnachtsmann hat Feierabend - im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann kommt er nach Hause, legt Glocke und Goldenes Buch ab, zieht die schweren Stiefel aus und legt die Füße hoch. Dabei genehmigt er sich ein gemütliches Bierchen und eine Pfeife. Nach dem Duschen lässt er sich das Festmahl servieren. Die Weihnachtsfrau hat verraten, was es heute Abend gibt: Steak mit Pilzen, Kartoffeln und Gemüse. Dann erklingt im Hintergrund sein Lieblingslied, "De leve, gode Wiehnachtsmann", und auch Weihnachtsmann und -frau beschenken sich unter dem festlich geschmückten Tannenbaum - was es gibt, ist geheim. An Ruhestand denkt er noch lange nicht: "Für einen perfekten Heiligabend brauche ich die leuchtenden Kinderaugen."

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