Tatortreiniger Dirk Plän

„Gestorben wird immer – und einer muss sauber machen“

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Denise Ariaane Funke
Dirk Plähn (52) war Hamburgs erster Tatortreiniger, mittlerweile lebt er in Walksfelde bei Mölln. 

Dirk Plähn (52) war Hamburgs erster Tatortreiniger, mittlerweile lebt er in Walksfelde bei Mölln. 

Foto: Denise Ariaane Funke

Dirk Plähn (52) hat seit zehn Jahren einer der ungewöhnlichsten Berufe: Er ist Tatortreiniger

Walksfelde.  Noch bevor der „Tatortreiniger“ im Jahr 2011 erstmals ausgestrahlt wurde, hatte auch Dirk Plähn diese Idee – er wollte jedoch keine TV-Serie drehen, sondern fand den Beruf interessant. „Ich habe damals eine Reportage über amerikanische Tatortreiniger gelesen. Dann habe ich recherchiert, wie wir in Deutschland in Sachen Tatortreinigung aufgestellt sind und mich entschieden, den Job auszuprobieren“, erinnert sich der heute 52-Jährige.

Seit zehn Jahren ist Dirk Plähn, der mittlerweile in Walksfelde bei Mölln wohnt, in diesem Beruf unterwegs, seinerzeit als erster Tatortreiniger Hamburgs. Wenn er gerufen wird, ist er selten der Erste, meist der Letzte, der den Ort des Geschehen betritt. In der Regel beseitigt er menschliche Überreste erst, wenn die Leiche weg ist, alle Spuren gesichert und die Wohnung entsiegelt ist. Wenn aber Gefahr in Verzug ist oder ein Bestatter an einen Toten nicht herankommt, weil beispielsweise eine Wohnung so vermüllt ist, dass es kein Durchkommen gibt, ist er eher zur Stelle.

„Das sind Eindrücke, die man nicht vergisst“

Plähn packt an, wo den meisten Menschen übel wird. Es gibt wenig, was er noch nicht gesehen hat: Er beseitigt die Spuren von Morden und Suiziden, hat mit Blut, Knochenresten, Ungeziefer und Fäkalien zu tun und kämpft sich durch Wohnungen, in denen sich Müll und Unrat bis unter die Decke stapeln. Und manchmal tröstet er Hinterbliebene.

Im Gegensatz zur Fernsehserie „Der Tatortreiniger“ beseitigt er eher selten die Spuren von Mord und Totschlag. Es sind meistens Wohnungen von Menschen, die einsam starben, die er wieder bewohnbar macht. „Häufig kommt es vor, dass Verstorbenen sechs bis acht Wochen in ihrer Wohnung lagen – irgendwann bildet sich da natürlich ein starker Geruch“, berichtet der Mann mit dem Drei-Tage-Bart.

Seine Auftraggeber sind meistens Verwandte, Vermieter oder auch Behörden. Immer wieder kommt es vor, dass Angehörige mit in die Wohnung wollen, um sich alles anzuschauen. Andere wollen Einzelheiten wissen, um den Tod zu rekonstruieren. „Ich versuche, die Leute davon abzuhalten, denn das sind Eindrücke, die vergisst man nicht so einfach“, sagt Plähn. Sein Job ist hart – körperlich wie mental: Häufig sind Leichenflüssigkeiten in Polster, Matratzen oder sogar in den Boden gesickert. Dann müssen Teppiche entfernt werden. Nicht selten kommt schweres Gerät zum Einsatz, dann meißelt er Fliesen und Estrich weg. Für einen Quadratmeter braucht er etwa eine Stunde. Häufig kniet Plähn zehn Stunden im Schutzanzug und mit Atemschutzmaske auf dem Boden und schrubbt mit einer kleinen Büste in Millimeterarbeit Flächen wieder sauber.

Manchmal macht er auch Messiewohnungen bewohnbar

„Generell ist Arbeitsschutz für Tatortreiniger wie mich mit das Wichtigste - ohne meine Stiefel, meine Handschuhe und meine Spezialmaske geht nichts“, erklärt der Spezialist.

Doch nicht immer muss auch jemand gestorben sein: Nicht selten macht er auch so genannte Messiewohnungen wieder bewohnbar. In solchen Fällen ist er der erste, der die Wohnung betritt, ebenso ist es, wenn er zu einer Desinfektionsmaßnahme kommt.

Da ruft ihn die Polizei auch schon mal in die eigene Wache: Am 9. März musste Plähn die Polizeistation in der Alten Wache in Lauenburg desinfizieren (wir berichteten). Zwei Beamte hatten einer Frau aus dem Amt Lütau die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbracht, der als erster Deutscher am Coronavirus gestorben war – allerdings in Ägypten. Dass die Ehefrau mit ihm im Urlaub war und ebenfalls infiziert sein könnte, wussten die Polizisten damals nicht.

Ein Einsatz in der Lauenburger Polizeiwache

In seinem Einsatzfahrzeug ist alles ordentlich in Regalen sortiert. Hier stapeln sich bis unters Dach spezielle Desinfektions- und Reinigungsmittel, Lappen, Bürsten; dazu Teppichmesser bis hin zu schweren Geräten, die er zum Stemmen von Estrich benötigt. Ebenso wichtig sind seine Spezialbehälter, in die all die Dinge kommen, die eventuell kontaminiert wurden und speziell entsorgt werden müssen. Eine gut durchdachte Planung ist für seinen Job wichtig: Deshalb macht der Walksfelder bei der ersten Wohnungsbegehung Fotos, um genau abschätzen zu können, wie er vorgehen muss und wie lang die Arbeit dauern wird.

„Dreck ist nur Materie am falschen Platz“ – diesen Satz des TV-Tatortreinigers „Schotty“ (gespielt von Bjarne Mädel) zitiert Plähn gern, wenn er gefragt wird, wie er es schafft, in dem Beruf zu arbeiten. „Ich versuche so wenig wie möglich an mich heranzulassen. Etwa wenn sich jemand den Kopf weggeschossen hat und ich Knochenreste entfernen muss. Ich versuche so neutral wie möglich vorzugehen, ohne die einzelnen Schicksale zu nahe an mich heranzulassen. Ich arbeite nicht jeden Tag, einfach deshalb, weil ich das nicht schaffen würde“, sagt Plähn. Dass er mit seiner Arbeit anderen Menschen helfen kann, motiviert ihn, auch die schlimmsten Aufträge anzunehmen. Nicht selten, wenn er die Tür hinter sich schließt und alles frisch nach Zitrone riecht, danken ihm die Angehörigen persönlich und aus tiefsten Herzen.

Beschäftigung mit der Natur als Ausgleich

„Viele Menschen sind der Meinung, dass mein Beruf spannend sei, das ist er aber nicht. Ich sage dann gerne ‘Gestorben wird immer – ich mache einfach danach sauber’“, so Plähn. In seiner Freizeit ist er viel in der Natur unterwegs. Als Ausgleich zum Beruf kümmert er sich um seinen Garten, hegt exotische Pflanzen wie Eukalyptus- und Bananenbäume. Zudem sammelt er Pilze, kümmert sich um seine 20 Hühner und beschäftigt sich mit dem Buddhismus.

In seinem Büro in Walksfelde hängen mittlerweile viele Urkunden und Bescheinigungen über zahlreiche Lehrgänge und Qualifikationen, die er gemacht hat. Unter anderem zum staatlich geprüften Desinfektor. „Damit unterscheide ich mich von vielen, die angeben, Tatortreiniger zu sein. Eine geschützte Berufsbezeichnung gibt es nämlich leider nicht“, sagt Plähn.