Wer war der Täter - wer das Opfer?

Von Stefan Huhndorf

Schwarzenbek.
Widersprüchlicher könnten die Darstellungen kaum sein: Bis zum späten Nachmittag hat Amtsrichterin Insa Oppelland gestern versucht herauszufinden, was sich in der Nacht zum 22. Dezember 2014 im Wohngebiet um die Sesamstraße und den Kornweg in Schwarzenbek gegen 2.30 Uhr ereignet hat.

Fakt ist: Vier junge Schwarzenbeker, die einmal Freunde waren, gerieten in Streit. Ein Schuss soll gefallen sein, der 22-jährige Michael M. (Namen von der Redaktion geändert) wurde dabei zusammengeschlagen. Er tritt in dem Prozess auch als Nebenkläger auf.

Allerdings hat es sich wohl anders zugetragen, als es seinen drei Kontrahenten in der Anklageschrift vorgeworfen wird, die die Staatsanwältin gestern zur Prozesseröffnung verlas. Denn darin ist von dem Schuss nicht die Rede - und den soll Michael M. abgegeben haben. Der bestreitet allerdings vehement, seine Schreckschusspistole bei dem Streit an dem Abend dabeigehabt zu haben.

So viel kam zumindest heraus. Nils J. (21) wollte für einige Zeit ins Ausland und lud einige Freunde an jenem Abend zwei Tage vor Weihnachten zu einer Abschiedsparty ein. Michael M. erfuhr von dem Fest und wollte auch kommen. Als er anrief, lud Nils J. ihn aus, weil sein kleines Zimmer bereits übervoll mit den anderen acht Gästen war.

Darüber entbrannte ein Streit mit wüsten gegenseitigen Beschimpfungen via Telefon, SMS und WhatsApp. Dann soll noch ein Freund von M. - ein Mustafa aus Geesthacht - angerufen und den21-Jährigen Nils J. massiv bedroht haben. Am Ende kündigte Michael M. an, selbst vorbeizukommen, um den "Vorfall zu klären". Für Richterin Insa Oppelland klingt diese Ansage nach einer Ankündigung zur Schlägerei. Und genau die kam dabei am Ende auch heraus.

Nils J., sein Freund Oliver G. (21) und Michael M. prügelten sich oder rangelten. Wer wen geschlagen und wer angefangen hat, ließ sich nicht klären, weil alle Beteiligten unterschiedliche Aussagen machten. Dann soll M. zu seinem Auto gegangen sein. Und was dann passierte, blieb gestern im Nebel.

Nils J., Oliver G. und deren Freund Dominique R. (22), der wegen diverser Straftaten auf Bewährung auf freiem Fuß ist, haben zugegeben, Michael M. verprügelt zu haben. Allerdings soll der in sein Auto gestiegen, eine Waffe - vermutlich eine Schreckschusspistole - aus einem Ablagefach gezogen und auf Oliver G. geschossen haben. Danach haben die drei, in welcher Beteiligung auch immer, M. niedergerungen, getreten oder geschlagen. Auch hier gehen die Aussagen aller Beteiligten und der Partygäste auseinander.

Vivian B. und ihre Freundin Viktoria E. wollen die Waffe gesehen haben, andere wieder nicht. Die Polizei verständigte keiner. "Da sind wir nicht so drauf gekommen", sagte Vivian B. Und M. besitzt zwar eine Schreckschusspistole, will die aber nicht dabeigehabt haben. Einen lauten Knall hat es aber definitiv gegeben. Davon seien die Eltern von Nils J. wach geworden. Da in dem Wohngebiet öfter geböllert werde, legten sie sich wieder schlafen, als es kein zweites Mal knallte. M. erstattet jedenfalls Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung.

Der Prozess wird am Freitag, 2. Oktober, fortgesetzt.

"Auf die Idee, die Polizei zu rufen, sind wir nicht so drauf gekommen." Vivian B., Zeugin im Prozess wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung