10 Jahre Hochwasser

Der Altstadt droht weiterhin Gefahr

Lauenburg. Zehn Jahre ist es heute her, dass Landrat Gerd Krämer, damals ebenso wie Lauenburgs früherer Bürgermeister Harald Heuer erst ganz frisch im Amt, Katastrophenalarm für das südliche Kreisgebiet auslöste:

Die Elbe drohte Lauenburg mit einer "Jahrhundertflut" zu treffen. Weiter östlich hatten sich die Wassermassen schon ihren Weg durch Dörfer und Städte gesucht, eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Bis auf 9,80 Meter sollte der Pegel in Lauenburg steigen - eine Katastrophe drohte, denn der alte Deich war nur 9,60 Meter hoch und eher ein Sandwall als ein moderner Deich.

Dass es dann doch nicht so schlimm kam, lag nur an den maroden Deichen weiter elbaufwärts in Sachsen-Anhalt. Die brachen reihenweise und überschwemmten das Gebiet an beiden Ufern. "Wir hatten aber diese Bilder aus Dresden und Grimma im Kopf, wo ganze Häuser und Brücken von den Fluten weggespült wurden", erinnert sich Feuerwehrchef Thomas Burmester. Er leitete damals in Lauenburg den Einsatz von Feuerwehrleuten aus dem ganzen Kreisgebiet, die zur Unterstützung angerückt waren.

Wegen der Deichbrüche in Sachsen und Brandenburg kam die Flutwelle längst nicht so hoch in der Stadt an, wie man es anfangs prognostiziert hatte. Auf "nur" 8,70 Meter stieg der Pegel am 24. August, danach ging das Wasser zurück. Im Jahr 2006 wurden schon 9,12 und 2011 sogar 9,23 Meter registriert. Ganz ohne Katastrophenalarm, aber mit jeder Menge freiwilliger Helfer aus der Region, die die Stadt erfolgreich gegen die Elbe verteidigten. Der Elbdeich ist mittlerweile modernisiert, doch die Altstadt, in der 60 bis 80 Häuser akut gefährdet wären, muss den Fluten weiter schutzlos trotzen.

Der August 2002 war in Lauenburg ungewöhnlich heiß und sonnig. Doch weit elbaufwärts, im Einzugsgebiet des über 1000 Kilometer langen Flusses, entluden sich gewaltige Unwetter. Aus zahlreichen Bächen strömte das Wasser in die Elbe, ließ die Pegelwerte im Rekordtempo steigen. Eine Woche Vorlauf gibt es für Lauenburg, wenn in Sachsen Hochwasser herrscht. So lange braucht eine Flut von Dresden bis Lauenburg elbabwärts. Bis zu 4000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde flossen damals ab.

Um der drohenden Flutwelle zu begegnen, hüllten 2500 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Bundeswehr, Technischem Hilfswerk und Rettungsdiensten sowie Freiwillige den alten Elbdeich vor dem Industriegebiet in eine Kunststoffplane, und erhöhten ihn mit Tausenden Sandsäcken. So hoffte man, dem Wasserdruck Paroli bieten zu können. In Schwarzenbek bezogen 600 Soldaten der Bundeswehr ein Lager, sie waren außer in Lauenburg auch in Schnakenbek, Tesperhude, Krümmel und Geesthacht im Einsatz. Aus Sandsäcken errichteten sie Barrieren, zahlreiche Straßen in Uferlage wurden gesperrt. Es herrschte Ausnahmezustand. Viele Freiwillige packten mit an, um den betroffenen Menschen in dieser Zeit zu helfen. Möbel wurden in die oberen Etagen getragen, Türöffnungen notdürftig zugemauert.

Doch dann kam es längst nicht so dicke wie befürchtet. Am 25. August konnte der Katastrophenalarm wieder aufgehoben werden. Die Aufräumarbeiten zogen sich noch Wochen hin, wegen schwerer Schäden wurde der Rufer-Platz neu angelegt.

Seit der "Jahrhundertflut" die in Lauenburg gar keine war, wurden fast sechs Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert. In einen neuen Deich vor dem Industriegebiet an den Söllerwiesen, in eine Ertüchtigung des Bahndamms, in eine Deichverteidigungsstraße, in mobile Schutzwände an der Palmschleuse und in die Erneuerung des Stecknitz-Deiches. Doch die Altstadt konnte bisher nicht geschützt werden. "Hätten wir heute eine Prognose von 9,80 Metern, dann würde uns die Altstadt immer noch gnadenlos absaufen. Da könnten wir nichts machen", erklärt Feuerwehrchef Burmester. Vorgeschlagene Lösungen waren gegen den Widerstand einiger Anwohner nicht durchsetzbar oder zu teuer. "Sie würden zwischen fünf und 25 Millionen Euro kosten - bei 80-prozentiger Förderung durch das Land. Aber viele Alteingesessene stehen wohl auf dem Standpunkt, das Wasser kommt und es auch wieder geht", vermutet Bauamtsleiter Reinhard Nieberg und kündigt an, dass die Stadt auf eine schnelle Lösung dringen werde.

Burmester hatte vor zehn Jahren den Großeinsatz der Feuerwehrleute im Kampf gegen die Wassermassen von der mobilen Leitstelle am Schloss aus koordiniert. "Die Dimensionen, die zu leisten waren, hatte man sich vorher nicht vorstellen können, allein 1,2 Millionen Sandsäcke haben wir verarbeitet", erinnert er sich. "Damals wie heute hatten wir hervorragendes Wetter und man konnte sich gar nicht vorstellen, dass eine Flut droht", sagt er. Gestern plätscherte die Elbe auf normalem Niveau vor sich hin - der Pegel stand bei 4,32 Metern.