Pflege-TÜV

Bestnoten - trotzdem gibt's Kritik

Lauenburg. Oft passiert es von einem Tag auf den anderen: Der Gesundheitszustand eines nahen Angehörigen verschlechtert sich so dramatisch, dass die Wahl einer geeigneten Pflegeeinrichtung nicht mehr aufgeschoben werden kann. In der Praxis ist das aber schwierig, weil es für Außenstehende nahezu unmöglich ist, so kurzfristig die bestmögliche Entscheidung zu treffen.

Mit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz von 2008 wollte der Gesetzgeber deshalb die Pflegequalität einzelner Einrichtungen transparenter machen. Seit Juli 2009 nimmt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) alle Pflegeeinrichtungen in Deutschland regelmäßig unter die Lupe.

Am 12. Dezember vergangenen Jahres bekam der ambulante Pflegedienst der Awo-Sozialstation Lauenburg unangemeldeten Besuch vom MDK. Seit ein paar Tagen ist das Ergebnis auf der Internetseite www.pflegelotse.de für jeden Interessierten einsehbar. Was die Prüfer aufgeschrieben haben, liest sich wie das Zeugnis eines Musterschülers: Pflegerische Leistungen (Note 1,2), ärztlich verordnete pflegerische Leistungen (1,0), Dienstleistung und Organisation (1,0). Mit der Gesamtnote von 1,1 liegt die Awo-Sozialstation Lauenburg weit über dem Landesdurchschnitt von 1,8.

Trotz dieser Traumnote sieht die Leiterin der Einrichtung Sabine Wienke das MDK-Bewertungssystem kritisch: "Natürlich freuen wir uns, wissen aber auch, dass die guten Noten dafür vergeben wurden, weil wir täglich jede Minute unseres Handelns lückenlos darstellen. Eine Dokumentation kann aber das wirkliche Miteinander nicht abbilden."

Auch Rainer Staneck, Geschäftsführer vom Lauenburger "Askanierhaus" hat Probleme mit dem rein formalen Bewertungssystem des MDK. Dabei könnte auch er sich angesichts der Gesamtnote von 1,0 für den ambulanten Pflegedienst getrost zurück lehnen. "Um unsere Tätigkeit penibel zu dokumentieren, muss eine Pflegekraft gut ein Drittel ihres Arbeitstages verwenden, Zeit die für die Patienten fehlt", bemängelt er.

Bei der Awo geht man seit einiger Zeit einen neuen Weg: Zusätzlich zu der gesetzlich vorgeschriebenen MDK-Bewertung gibt es ein internes Qualitätsmanagement. "Weil wir die Pflegenoten ausgesprochen kritisch sehen, haben wir Qualitätsberichte entwickelt, bei denen Kunden und Mitarbeiter selbst zu Wort kommen und die Qualität der Dienstleistung aus ihrer Sicht beschreiben", so Uwe Braun, Unternehmensbereichsleiter der Awo Pflege in Schleswig Holstein.

Mit der Kritik stehen die Lauenburger Einrichtungen nicht allein da. Seit der Einführung des sogenannten "Pflege-TÜV" bemängeln Pflegebetriebe die geringe Aussagekraft der dokumentorientierten Bewertung. Dabei geht es auch anders: Dr. Klaus Wingenfeld vom Institut für Pflegewissenschaft in Bielefeld hat im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums eine Alternative entwickelt. Maßstab seiner Bewertung sind Veränderungen des Gesundheitszustandes und des Verhaltens von Patienten, die durch Pflege beeinflussbar sind. Gegenwärtig läuft beim Caritasverband Münster ein Praxistest. Jeweils zum 1. September jeden Jahres sollen dann bundesweit weitere Einrichtungen in das Modell einsteigen können.