Geesthacht

Wo sind die Stühle für die Friedensnobelpreisträger?

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Dirk Palapies
Diese fünf haben sie in ihrem Besitz. Aber wo sind die anderen Stühle? Gundel Wilhelm, Hilke Enders, Ursula Langhof, Renate Lefeldt und Freia Steinmann (v.l.) von der Ausstellungsgemeinschaft Lauenburgischer Künstler wüssten gern mehr über das Schicksal der Stühle von der Aktion 2012.

Diese fünf haben sie in ihrem Besitz. Aber wo sind die anderen Stühle? Gundel Wilhelm, Hilke Enders, Ursula Langhof, Renate Lefeldt und Freia Steinmann (v.l.) von der Ausstellungsgemeinschaft Lauenburgischer Künstler wüssten gern mehr über das Schicksal der Stühle von der Aktion 2012.

Foto: Dirk Palapies

Künstler erinnern an Projekt zum Kultursommer 2012 und fragen nach dem Schicksal der der 143 Kunstwerke. Wo sind sie abgeblieben?

Geesthacht. Wenn am Sonntag um 14 Uhr in Büchen der diesjährige Kultursommer am Kanal beginnt, bleibt Geesthacht bei Veranstaltungen diesmal außen vor. Das sei 2012 noch ganz anders gewesen, erinnert die Ausstellungsgemeinschaft Lauenburgischer Künstler. Damals war das erste Jahr, in dem Geesthacht beteiligt war. Sogar die Auftaktveranstaltung des Kulturfestivals am 16. Juni ging in Geesthacht über die Bühne.

Aus diesem Anlass hatten sich die Künstler eine spektakuläre Aktion einfallen lassen, an die nun noch einmal erinnert werden soll. Herzstück damals waren Stühle mit Motiven zu allen Friedensnobelpreisträgern seit 1901, die von der Büste Alfred Nobels vor dem Geesthacht Museum den Fußweg längs in Doppelreihe bis zum KTS in der Schillerstraße führten. Die Designer waren Geesthachter Schüler und Kita-Kinder. Die 143 Stühle wurden danach verkauft, ein paar wurden behalten für den eigenen Haushalt, auch die Schulen sicherten sich die Werke. „Die letzten haben dann zum Mitnehmen auf der Straße gestanden“, erinnert sich Renate Lefeldt. 1800 Euro kamen bei einem Stückpreis von 30 Euro pro Stuhl zusammen. „Viele haben gern mehr gegeben“, sagt Renate Lefeldt. Das Geld wurde an die teilnehmenden Schulen und Kitas verteilt.

Konsulate der Länder wurden angeschrieben

Auch die Konsulate der Länder, aus denen die Nobelpreisträger stammen, wurden angeschrieben. Aber nur das belgische Konsulat in Hamburg reagierte, nahm zwei Stühle ab. Zum Anliefern wurden die Künstler im Juli in die Vertretung eingeladen, im September kam Attaché Frank F. Compernolle zum Gegenbesuch ins Atelier auf dem Gelände im Edmundsthal.

Nun möchte die Ausstellungsgemeinschaft wissen: Wie viele von diesen Stühlen gibt es acht Jahre später eigentlich noch? Wo sind sie abgeblieben? Werden sie zum Sitzen benutzt? Welche Geschichte lässt sich zu ihnen erzählen? Renate Lefeldt ist auf den Einfall zur Auffrischung der Aktion gekommen, als sie eine Tischlerei an der Mercatorstraße aufsuchte und dort in einer Ecke ausgestellt einen der Stühle entdeckte.

Ausstellungsgemeinschaft wollte an Alfred Nobel erinnern

Künstlerkollegin Ursula Langhof hat auch einen gekauft. „Der Stuhl steht in der Küche“, erzählt sie. Aber sitzen könne man nicht drauf. „Er hat Teller auf der Sitzfläche.“ Kein Wunder, denn der Stuhl wurde passend zu John Boyd Orr gestaltet. Der Schotte erhielt den Friedensnobelpreis 1949 wegen seines Kampfes gegen den Hunger. Bei Weitem nicht der einzige Stuhl, der nicht zum Sitzen da ist. In einen etwa ist eine Weltkugel eingelassen, auf einem anderen sitzt schon jemand: die lebensgroße Figur von Jitzchak Rabin (Nobelpreis 1994).

Die Ausstellungsgemeinschaft hatte sich bereits seit längerem mit der Idee beschäftigt, Alfred Nobel, als Stifter des Friedensnobelpreises zu würdigen, der seit 1901 verliehen wird. Alfred Nobel hatte in Geesthacht in seiner Fabrik auf dem Krümmel eben nicht nur das Dynamit erfunden, sondern auch eine pazifistische Seite, daran sollte erinnert werden.

Ein Stuhl hatte keine wasserfeste Farbe

Die Idee: Schüler und Kita-Kinder gestalten zum Auftakt des Kultursommers Stühle mit den Trägern des Friedensnobelpreises bis 2011. Sechs Geesthachter Schulen und zwei Kitas machten mit, wer welche Preisträger gestaltet, wurde zugeteilt. Nach einem Aufruf in der Zeitung kamen schließlich 200 gespendete, völlig unterschiedliche Stühle zusammen. Für die insgesamt 19 Jahre, in den denen der Preis nicht verliehen worden war – meist in Kriegszeiten –, wurden die Stühle von den Künstlern komplett schwarz angestrichen und mit einer weißen Jahreszahl an der Lehne versehen. Am Gelenk hatte die Stadt Räume als Lagerplatz zur Verfügung gestellt.

Von dort wurden die fertigen Stühle später auch Stück für Stück zu Fuß zur Büste Nobels getragen und bei strömendem Regen in chronologischer Reihenfolge aufgestellt. Eine Panne gab es dabei: „Eigentlich sollten alle wasserfeste Farben verwenden“, erzählt Renate Lefeldt. „Doch einer hatte sich bei einem Stuhl nicht daran gehalten. Die Farben zerflossen regelrecht.“

In der Bücherei gibt es ein Buch zur Aktion mit Bildern

Nach den Verkäufen auf der Vernissage wurden die Stühle im August in Geesthachter Geschäften und Schaufenstern ausgestellt. Abschluss der Aktion war eine Ausstellung in der Treppenhausgalerie vom 25. März bis zum 20. April 2013. Anschließend waren die Stühle Geschichte.

Wer eine Auffrischung zu seiner Erinnerung benötigt: In der Stadtbücherei (Rathausstraße 55) gibt es ein Buch zur Aktion mit allen Stühlen und vielen weiteren Bildern. Renate Lefeldt hat es damals in Eigenregie als Fotobuch bei Cewe in Auftrag gegeben. Es lässt sich bei ihr ordern zum Selbstkostenpreis von 75 Euro.

Informationen über die Stühle bitte per E-Mail senden anrenate.lefeldt@web.de.

Wer der Menschheit den größten Nutzen brachte, bekommt den Friedensnobelpreis

Der Friedensnobelpreis wird seit 1901 am 10. Dezember in Oslo verliehen, dem Todestag Alfred Nobels (1833-1896). Nach dem Willen des Stifters an Personen oder Organisationen, die mit ihrem Engagement für den Frieden im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Manchmal gibt es auch keinen Preisträger, in den Jahren des Ersten und Zweiten Weltkriegs etwa. Die Ernennung fällt durch ein vom norwegischen Parlament ausgewähltes fünfköpfiges Komitee, dass sechs Jahre amtiert. Vorschläge für den Preis (spätestens zum 1. Februar) können u. a. die Mitglieder des Komitees einreichen sowie Staatsoberhäupter souveräner Staaten, Professoren der Fachrichtungen Sozialwissenschaft, Geschichte, Philosophie, Recht und Theologie, Leiter von Universitäten und Friedensforschungsinstituten. Deutsche unter den Preisträgern: Gustav Stresemann (1926), Ludwig Quidde (1927), Carl von Ossietzky (1935), Willy Brandt (1971).

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