Kernkraftwerk

Ohne Endlager wird Krümmel Atom-Ruine

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Kai Gerullis

Foto: Timo Jann

Geesthacht. Zwei Jahre nach dem beschlossenen Atomausstieg ist die Zukunft des Kernkraftwerks Krümmel weiter offen. Ohne Endlager droht jetzt eine Atom-Ruine an der Elbe. Wir sprachen mit Pieter Wasmuth, dem Generalbevollmächtigten von Vattenfall.

Vor genau zwei Jahren besiegelte Bundeskanzlerin Angela Merkel den endgültigen Ausstieg für die Kernkraft in Deutschland, für acht Kraftwerke inklusive dem Meiler in Krümmel verkündete die Regierung das sofortige Aus. Diskutiert wird seitdem heftig, getan hat sich überraschend wenig – bis heute hat Betreiber Vattenfall für Krümmel keine Rückbaupläne vorgelegt. Und da es in Deutschland bis auf Weiteres kein atomares Endlager gibt, könnte Krümmel dauerhaft Atom-Ruine bleiben.

Rückbau oder Einschluss?

So wird bei Vattenfall mittlerweile offen über einen sicheren Einschluss der strahlenden Altlasten nachgedacht. Statt die Anlage abzubauen, würden große Teile des Gebäudes verschlossen und dauerhaft erhalten bleiben. „Über 95 Prozent des Kraftwerks sind nicht kontaminiert, deshalb müssen wir uns die Frage stellen, was ist sicherer für die Menschen: ein Rückbau oder der sicherer Einschluss?“, sagte Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter der Firma Vattenfall für Norddeutschland, im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Wir können das Kraftwerk zurückbauen und sicher verpacken. Aber dann bleibt erst mal alles vor Ort stehen, weil Schacht Konrad als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sehr viel später zur Verfügung stehen wird als geplant und ein Endlager für hochradioaktive Abfälle noch nicht existiert“, so Wasmuth.

Vattenfall klagt gegen die Bundesregierung

Am Standort Geesthacht würde das wegen der räumlichen Enge zu neuen Problemen führen, schließlich müssten große Teile der abgebauten Anlagen in Castor-Behälter und Container verpackt werden. Der Raumbedarf wäre enorm. „Würden wir Krümmel sofort zurückbauen, müssten wir erst Platz schaffen. Das hieße, rund um das Kraftwerk fleißig Wald zu roden und dort drei große Lagerhäuser aufzubauen – ich weiß nicht, ob die Menschen das wollen.“

Egal ob sicherer Einschluss oder Rückbau: Wann Vattenfall einen Antrag auf Stilllegung bei der Atomaufsicht einreicht, ist völlig offen. So klagt der schwedische Konzern derzeit vor einem internationalen Gericht in Washington gegen die Bundesrepublik – und fordert Schadenersatz für den abrupten Atomausstieg. „Wir respektieren die Entscheidung zum beschleunigten Ausstieg aus der Kernkraft, das ist demokratisch“, sagt Wasmuth. Allerdings müsse Vattenfall dann angemessen entschädigt werden. So hatte man beispielsweise seit 2007 fast eine halbe Milliarde Euro in Krümmel investiert, im Vertrauen darauf, die von der rot-grünen Bundesregierung zugesagten Reststrommengen nutzen zu können.

Der jüngst entbrannten Diskussion, einen Kernkraftwerksstandort in Schleswig-Holstein als atomares Zwischenlager zu nutzen, bis in einigen Jahrzehnten ein Deutsches Endlager vorliegt, erteilte Wasmuth eine Absage: Grundsätzlich sind die Standortzwischenlager ausschließlich dafür genehmigt, Abfälle aus dem dazugehörigen Kernkraftwerk zu lagern“, betont Wasmuth. Für ein Zwischenlager in Brunsbüttel würde immerhin noch der kurze Weg mit dem Hafen vor der Tür sprechen. „In Krümmel bliebe aber nur der Transport über die Straße. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Politik Krümmel als Zwischenlager ins Gespräch bringen möchte.“

Pumpspeicherwerk läuft nur auf Sparflamme

Auch ein anderes Geesthachter Kraftwerk steht vor einer ungewissen Zukunft: Es wäre zwar das ideale Rückgrat für die Energiewende im Norden, im Geesthachter Pumpspeicherwerk könnte der Strom, der in riesigen Windparks vor der schleswig-holsteinischen Künste erzeugt wird, in Spitzenzeiten zwischengespeichert werden. Doch das Kraftwerk mit dem riesigen Becken und den markanten Rohrleitungen läuft seit Jahren lediglich im Reservebetrieb, wie Betreiber Vattenfall bestätigt.

Selbst eine Deckelung des so genannten Wasserpfennings – einer Gebühr für die Entnahme des Elbwassers – sorgte bislang nicht für eine Wiederbelebung des 60 Jahre alten Kraftwerks. „Faktisch ist die Nutzung des Pumpspeicherwerks nicht so umfangreich, wie sie im Rahmen der Energiewende sein sollte“, betont Wasmuth. So werde die Anlage fast nur noch genutzt, um Spitzen im Netz zu regeln – die Speicherfunktion des großen Sees spielt keine Rolle mehr – in ihn wird eigentlich mit überschüssigem Strom Elbwasser gepumpt, das dann bei Energiebedarf durch die Röhren zurückläuft und dabei Stromgeneratoren antreibt.

Hohe Kosten für die Nutzung des Stromspeichers

Die Gründe für die mangelnde Nutzung des Stromspeichers sind diffus: „Zum einen steht die Frage des Fischschutzes immer noch im Raum“, betont Wasmuth. So steht die Anlage im Verdacht, den wachsenden Fischbestand in der Elbe zu gefährden – ein Beweis dafür steht aber noch aus, eine Untersuchung läuft derzeit. „Der Hauptgrund ist aber, dass wir für den dort erzeugten Strom Netznutzungsentgelte zahlen müssen. Sie machen Pumpspeicherwerke weitgehend unwirtschaftlich“, betont Wasmuth. Diese Kosten für die Weiterleitung der Energie sind eine Folge des liberalisierten Energiemarkts.

Eine Änderung der Auslastung ist im Pumpspeicherwerk derzeit nicht erkennbar. Der in den vergangenen Jahren im Zuge der Energiewende diskutierte Bau eines zweiten Pumpspeicherbeckens und eines weiteren Generators stehe bei Vattenfall derzeit nicht zur Diskussion. „Ein Ausbau macht betriebswirtschaftlich für uns derzeit keinen Sinn“, so Wasmuth.

Krümmeler Wasserturm: Zukunft offen

Auch ein weiteres Geesthachter Thema ist bei dem Energiekonzern derzeit in der Schublade verschwunden – die Sanierung des alten Krümmeler Wasserturms am Elbhang: „Wir können verstehen, dass der Wasserturm weiter von Interesse ist“, so Wasmuth. „Wir würden weiterhin 200.000 Euro für eine Grundsicherung geben – wenn wir dafür aus allen weiteren Verpflichtungen entlassen werden.“ Das Angebot stehe, doch bei Vattenfall warte man weiter auf eine Antwort des Denkmalschutzamtes.

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