Zusammenschluss

Tausende feiern Fusion der Kirchen im Norden

Ratzeburg. Fast 20.000 Menschen haben am Pfingstsonntag in Ratzeburg die Gründung der Nordkirche gefeiert. Der Zusammenschluss der drei evangelischen Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern wurde mit Bundespräsident Joachim Gauck im Ratzeburger Dom gefeiert.

„Diesen Schwung werden wir mitnehmen und in die mehr als 1000 Gemeinden hineintragen“, sagte der zum Vorsitzenden der Vorläufigen Kirchenleitung gewählte Schleswiger Bischof Gerhard Ulrich. Die Nordkirche, die offiziell die Bezeichnung Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland trägt, ist in 13 Kirchenkreise eingeteilt und hat 1045 Kirchengemeinden. Sie wird einen Jahresetat von 420 Millionen Euro verwalten. Einen Großteil machen davon die Personalkosten aus. Kritiker des neuen Kirchenkonstrukts befürchten, dass zu viel Geld aus der ehemaligen Landeskirche Nordelbien in die finanziell noch schwächeren Teile Mecklenburg und Pommern fließen könnte.

„Diese Kirche könnte es gar nicht geben, wenn die Grenzen noch so wären wie vor 23 Jahren. Was hier geschieht, ist Folge und Beispiel der Deutschen Einheit“, sagte Gauck. Der Bundespräsident sagte, es beginne ein neues Kapitel des vertrauensvollen Miteinanders von Ost- und Westdeutschen. Er warnte gleichzeitig aber vor Illusionen über den Zustand der inneren Einheit. „Mentalitätswandel braucht länger“, sagte Gauck in seinem Grußwort nach dem feierlichen Gründungs-Gottesdienst im Ratzeburger Dom. Zwei Generationen, rund 40 Jahre, seien notwendig, „um von dem Status der Abhängigkeit und der Unterdrückung in den Status eines freien Menschen zu gelangen“.

Der Bundespräsident erinnerte vor 700 Gästen des Gottesdienstes daran, dass die Menschen zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung ein Leben ohne Kirche leider gewohnt gewesen seien. Knapp 20 Prozent der Bevölkerung in Mecklenburg und Pommern sind Mitglieder der evangelischen Kirche. In Schleswig-Holstein sind es 60 Prozent, in Hamburg 41 Prozent.

Die Fusion der ehemaligen Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern soll der evangelischen Kirche in Deutschland künftig mehr Gewicht verleihen und den Kirchenteilen Mecklenburg und Pommern zu einer besseren Einnahmenstruktur verhelfen.

Für die drei Landesregierungen überbrachte Schleswig-Holsteins scheidender Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen (CDU) den Vertretern der neuen Nordkirche Glückwünsche und würdigte die Planungsarbeit als „bedeutsame Leistung und einen großartigen Schritt“. Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, nannte die Gründung der Nordkirche eine „großartige Leistung“.

„Das ist wie ein kleiner Kirchentag“, sagte Ratzeburgs Bürgermeister Rainer Voß. Bereits am Vormittag hatte sich Gauck in das Goldene Buch der Stadt eingetragen. Polizeisprecher Holger Meier bezeichnete den Verlauf des Festes als „völlig stressfrei“.

Die Nordkirche wird künftig rund 2,2 Millionen Gläubige von Flensburg bis Usedom vereinigen. Bisher war die evangelische Kirche Nordelbien mit 1,97 Millionen Mitgliedern die mit Abstand stärkste der drei Kirchen.

Kirche im Norden setzt Segel

Offen und freundlich präsentierte sich die Kirche beim Festgottesdienst. Unter dem Motto „Segel setzen“ wurden drei große Segel im Altarraum zusammengeführt, um die Kirchenfusion zu veranschaulichen. Die Pfingstgeschichte wurde frei als erlebte Begebenheit geschildert.

Im Anschluss kamen die Besucher zu einem gemeinsamen Essen unter freiem Himmel zusammen. Rund 300 Pfadfinder verköstigten an weiß gedeckten Tafeln 5.000 Gäste mit 10.000 Würsten, 500 Kilogramm Käse und 550 Kilogramm Erdbeeren. Strahlendes Sommerwetter sorgte dafür, dass mehr Besucher als erwartet durch Straßen und auf Uferpromenaden entlang zogen. In 60 Pagodenzelten informierten die Kirchenkreise und überregionalen Werke über ihre Angebote. Auf dem Marktplatz war eine 20 Meter lange begehbare Karte der Nordkirche ausgelegt, auf der die Besucher zu ihrer Heimatgemeinde spazieren konnten.

Bläser spielten nicht nur in den Straßen, sondern auch in einem Ruderboot auf dem Küchensee. Da passte es, dass beim „Bischofstalk“ vor dem Rathaus die Nordkirche als Deutschlands neue Urlaubskirche präsentiert wurde.

Rund 850 Kilometer ist die Küstenlinie an Nord- und Ostsee lang. Rechnet man Inseln und Halligen mit, kommt man auf rund 3000 Kilometer Küste. Dazu kommen die Mecklenburgische Seenplatte, die Holsteinische Schweiz und die Metropole Hamburg als Attraktionen. Menschen für spirituelle Fragen im Urlaub zu erreichen, sei ein Schwerpunkt der Nordkirche, sagte daher auch der Schleswiger Bischofsbevollmächtigte Gothart Magaard. Immerhin würden 40 Prozent der Deutschland-Touristen ihren Urlaub auf dem Territorium der Nordkirche verbringen.