Fundstück

Dokument der Geschichte

Kai Gerullis

Geesthacht. Wer den frisch gedruckten Handzettel im Oktober 1933 weitergab, riskierte in Haft zu kommen. Wenig verwunderlich also, dass ein Geesthachter das Flugblatt mit dem Titel "Die Rote Fahne" gut in seiner Wohnung versteckte: 75 Jahre überdauerte die Verlautbarung der Kommunistischen Partei Deutschlands so hinter einer Türzarge an der Hugo-Otto-Zimmer-Straße.

Jetzt tauchte das dicht bedruckte Papier bei Bauarbeiten auf - und wurde über Heinz Niemann vom Heimatbund und Geschichtsverein ins Stadtarchiv weitergeleitet. "Für uns ist das ein besonderes Dokument", sagt Stadtarchivar Dr. William Boehart. "Es ist der erste Beleg für Aktivitäten des kommunistischen Widerstands in Geesthacht nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933."

Boehart geht fest davon aus, dass das Flugblatt bewusst versteckt wurde. "Es war sehr sauber gefaltet und es hätte so ansonsten keinen Sinn gemacht, damit den Türrahmen zu füllen", sagt Boehart.

Texte zur Situation in Geesthacht enthält das vergilbte, aber gut lesbare Flugblatt nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Sonderausgabe mit Berichten über den Reichstagsbrandprozess und die damit einhergehende Verfolgung von Kommunisten. "Das Blatt scheint aus Hamburg zu kommen - und immerhin gehörte Geesthacht damals zu Hamburg", sagt Boehart. Auf den dünnen Seiten fordern die Herausgeber etwa "Maske herunter von den Leipziger Justizverbrechern!". Weiter heißt es "Genosse! Denke daran, daß diese Zeitung hinter dem Rücken von Tausenden von Spürhunden der faschistischen Reaktion geschaffen ist. Lese sie aufmerksam durch. Gib sie weiter an Deine Arbeitskollegen."

Ein damals hoch gefährlicher Protest: "Besitz und Weitergabe dieser Flugblätter waren auf jeden Fall ein Grund, verhaftet zu werden", so Boehart.

Für die Geschichtsforscher hat die Arbeit mit dem Fund erst begonnen. "Anhand alter Einwohnermeldekarteien können wir nun versuchen herauszufinden, wer damals in der Wohnung gelebt hat. Vielleicht lässt sich ja eine Verbindung zum Widerstand nachvollziehen", so Boehart.

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