Prozess

Gericht verhandelt fatale Promillefahrt

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Timo Jann

Geesthacht. Eigentlich sollte nach 90 Minuten das Urteil fallen. Doch nach zwei Stunden Verhandlung waren sich die Beteiligten vor dem Schwarzenbeker Amtsgericht gestern einig, dass vor einer Entscheidung zunächst weitere Zeugen angehört werden sollten.

Ein 42-jähriger Geesthachter ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Völlig betrunken hatte er am 1. Mai 2008 zwischen Geesthacht und Wiershop einen Motorradfahrer tot gefahren. Der polnische Erntehelfer hinterlässt Frau und vier Kinder im Alter zwischen zwei und 15 Jahren.

Ein tödlicher Unfall ereignete sich am Morgen gegen 6.55 Uhr auf der Landesstraße 205. Jens B. aus Geesthacht war mit seinem Ford Mondeo unterwegs. Woher er tatsächlich kam und wohin er überhaupt wollte, das wurde gestern nicht definitiv geklärt. B. gab an, in der elterlichen Laube im Kleingartengebiet am Worther Weg übernachtet zu haben, nachdem er dort am Vortag handwerklich im Garten gearbeitet hatte. Von dort war er morgens aufgebrochen, fuhr über Feldwege nach Hamwarde und Wiershop. Dabei wollte er eigentlich an der Bergedorfer Straße einen Anhänger mit Pflastersand abholen. "Ich wollte vielleicht nur ein bisschen Luft schnuppern", sagte B. vor Gericht zum Grund seiner merkwürdigen Fahrt.

Auf gerader Strecke kam dem 42-Jährigen dann Janusch K. auf einem Motorrad entgegen. Weil B. auf die Gegenfahrbahn geriet, wich K. aus. Doch dann lenkte auch B. seinen Ford wieder zurück und stieß frontal mit dem Motorradfahrer zusammen. Der Pole flog in der Folge gut 15 Meter weit durch die Luft in den Knick am Straßenrand. Der Ford wurde erst von einem Alleebaum gestoppt. Der Biker (35) starb wenig später an schweren inneren Verletzungen im Krankenhaus. Der Unfallverursacher erlitt nur leichte Verletzungen.

Jens B. gab an, am Tag vor der verhängnisvollen Autofahrt zehn Dosen Bier (0,5 Liter) und drei bis vier "normale Mischungen" Cola-Korn getrunken zu haben. Eine Analyse seines Blutes - eine Stunde nach dem Unfall entnommen - ergab 1,63 Promille. "Ich hätte mich doch nicht ins Fahrzeug gesetzt, wenn ich der Meinung gewesen wäre, ich hätte zu viel getrunken" , versicherte der 42-Jährige im Gericht. Doch sowohl Amtsrichterin Dr. Anna Pfister, wie auch der Staatsanwalt und die beiden Anwälte der Familie des Toten, konnten das nicht glauben. "Zehn Halbe und noch Cola-Korn drauf, das ist beachtlich", sagte der Staatsanwalt. Dass B., wie er selbst ausführte, nicht regelmäßig trinkt, nahmen ihm die Prozessbeteiligten nicht ab.

Eine Zeugin, die jetzt bei der Prozessfortsetzung am 6. Februar (Beginn: 9 Uhr) im Amtsgericht Schwarzenbek gehört werden soll, sagte gegenüber der Polizei aus, dass ihr die Schlangenlinien des Ford-Fahrers aufgefallen waren. Deshalb hätte sie extra schon Abstand gehalten. Doch dann musste sie den schrecklichen Zusammenstoß mit ansehen. B. berichtete, er könne sich an das Geschehen nicht mehr erinnern. Er habe Herzstiche gespürt, dann sei ihm schwarz vor Augen geworden. Erst als es knallte, fand er sich am Baum neben der Straße wieder.

"Die Geschichte ist abenteuerlich", sagte ein Anwalt der Nebenkläger, die Familie des Opfers könne das als Erklärung für die "Tötung", wie es der Anwalt nannte, nicht akzeptieren.

Jens B., der bis zum Unfall selbstständig einen Hausmeisterservice betrieb, ist mittlerweile völlig mittellos und lebt wieder bei seinen Eltern. Bisher bekommt er nicht einmal Geld über Hartz IV. "Am liebsten bin ich den ganzen Tag alleine, verkrieche mich in einer einsamen Ecke", sagte er vor Gericht.

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