Theater

Wenn Anstand und gute Sitten verloren haben

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Julika Meinert

Geesthacht. Annette reißt die Tulpen aus der Vase, schleudert sie durch das Zimmer. Ihr Mann Alain trinkt den Rum kurzerhand direkt aus der Flasche. Michel macht sich über das Engagement seiner Frau für die "Neger" in Afrika lustig und auch Veronique lässt sich völlig gehen.

Wenn die Menschen erst einmal aufhören, sich um ihren Anschein bei anderen zu sorgen, haben gute Sitten, Erziehung und Moral längst verloren. Das zeigt der intelligente und unterhaltsame Schlagabtausch in Yasmin Rezas Drama "Der Gott des Gemetzels". Bernd Mottls Inszenierung sahen am Dienstagabend mehr als 250 Zuschauer im Kleinen Theater Schillerstraße.

Es beginnt trivial: Zwei Ehepaare treffen sich, um ein Versicherungsformular auszufüllen - ihre Sprösslinge waren in Streit geraten, einem von beiden fehlen in der Folge zwei Schneidezähne. Diesen "bestialischen Akt" wollen die Eltern nun durch die hohe Kunst der zivilisierten Konversation wieder gut machen. Doch in alltagsnah gestrickten Dialogen schaukelt sich die Stimmung der beiden Paare hoch zu diversen handfesten Kontroversen.

Als der Vater des Opfers dann auch noch die Rumflasche auf den Tisch stellt, sind Zurückhaltung, Höflichkeit und Anstand der zunächst so korrekten Eheleute vollends vergessen. Nach und nach bröckelt die bürgerliche Fassade und die vier Figuren hacken verbal ungebremst aufeinander herum.

Die tatsächliche Handlung geht in Yasmin Rezas Drama gegen Null. Und gerade deshalb ist es so interessant. Kommunikation wird zur eigentlichen Handlung, in den hitzigen Diskussionen kämpft plötzlich jeder gegen jeden. Zum Genuss machen das Stück jedoch erst vier fabelhafte Schauspieler, die ihre Rollen nuancenreich ausfüllen und den immer zwischen Anstand und Abgrund schwankenden Figuren eine absurde Komik verleihen.

Anna Stieblich, bekannt aus der preisgekrönten Serie "Türkisch für Anfänger", verkörpert die sich effektvoll übergebende Karrierefrau Annette, die mal mit, mal gegen ihren stressgeplagten Gatten Alain (Frank Seppler) kämpft. In "Türkisch für Anfänger" Stieblichs Serienehemann, verkörpert Adnan Maral hier auf der Bühne den geduldigen Choleriker Michel. "Theater heute"-Nachwuchsschauspielerin des Jahres 1995 Jacqueline Macaulay steigert sich als seine Ehefrau Veronique galant von der netten Gastgeberin zur Superzicke, bevor sie wie eine Furie durch das Bühnenwohnzimmer tobt. Das Stück benennt die Ehe als größte "Herausforderung Gottes" und zeigt dies in alltagsnaher Dramatik auch gleich auf. Das immer wieder gefährlich nah an die Grenzen von Klamauk und Boulevardtheater rückende Drama halten die vier großen Schauspieler unter Regie von Bernd Mottl auf Kurs und bescherten so dem Geesthachter Publikum einen intelligenten und unterhaltsamen Abend.

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