Zeitgeschichte

Auf Spurensuche in Russland

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Kai Gerullis

Seinen Patenonkel hat Dr. Dietmar Boyksen nie kennengelernt. Der jüngste Bruder seines Vaters fiel am 16. März 1944 in den Wirren des Zweiten Weltkriegs im russischen Gora an der Ostfront im Alter von 21 Jahren.

Mithilfe eines armenischen Freundes machte sich der Arzt auf die Suche nach dem Grab von Broder Boyksen, der im Zweiten Weltkrieg fiel.

Geblieben sind dem Arzt aus Geesthacht nur Briefe und einige Fotos, die Broder Boyksen in die Heimat schickte. "Vier Wochen bevor Broder Boyksen fiel, schrieb er meinen Eltern und bedankte sich in seinem letzten Brief dafür, dass er mein Patenonkel sein durfte", sagt Dietmar Boyksen. Das Schicksal des Mannes, der direkt nach dem Notabitur zur Wehrmacht eingezogen wurde, ließ dem 65-Jährigen bis heute keine Ruhe - vor allem, weil die letzte Ruhestätte seines Familienmitglieds bislang unbekannt war. Boyksen begann zu recherchieren. "Durch eine Anfrage beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erfuhr ich, dass der Friedhof schwer zu finden sei und der heutige Zustand dort völlig unbekannt ist", erzählt Boyksen. Er entschied sich, das Grab seines Patenonkels selbst zu suchen. Boyksen: "Ich erfuhr nur, dass der Friedhof in der kleinen Ortschaft Beresawez sein soll und das Grab die Nummer 172 hatte."

Begleitet von seinem armenischen Freund Artusch Galojan und den Kofferraum voll mit Kleiderspenden aus Geesthachts für die Bevölkerung vor Ort, machte sich Boyksen jetzt mit dem Auto auf ins 1870 Kilometer entfernte Sebez. Das 12 000 Einwohner zählende Städtchen liegt im westlichen Zipfel von Russland, nahe der Grenzen zu Lettland und Weißrussland. Hier wurde 2006 ein zentraler Soldatenfriedhof eingerichtet, auf dem viele Soldatengräber aus der Umgebung zusammengelegt wurden. "Doch vom Friedhof aus der Ortschaft Beresawez wurde dort bislang noch kein Grab umgebettet", so der Arzt.

Der Geesthachter entschied sich, den Friedhof zu suchen. In dem seenreichen und sumpfigen Gebiet kein leichtes Unterfangen, vor allem, weil einige Wege nicht mehr existierten. "Zum Glück konnte Artusch Galojan mit seinen Russischkenntnissen und seinem Charme schnell einen guten Kontakt zu den Menschen aufbauen", erzählt Boyksen. So kamen die beiden Besucher unter anderem mit Zeitzeugen wie einem 75-Jährigen ins Gespräch, der einst in Beresawez geboren wurde - und sich genau an die Lage des Friedhofs erinnern konnte. "Allerdings ist dieser nur noch über Schneisen durch den hoch gewucherten Wald auf einem 6,5 Kilometer langen Weg erreichbar." Eine Strecke, die die Gäste aus Geesthacht am nächsten Tag mit Unterstützung der hilfsbereiten Russen meisterten: "Wir fuhren mit Traktoren und einem geländegängigen Mannschaftswagen bis 200 Meter an den Friedhof heran", sagt Boyksen. Doch vor Ort erwartete ihn eine Enttäuschung: Auf der Suche nach Orden und Zahngold waren Teile des Friedhofs von Unbekannten geplündert worden. Auch das Grab 172 ließ sich nicht mehr entdecken. "Doch ich habe den Friedhof gefunden, das war für mich die Reise wert", sagt der Geesthachter.

Dietmar Boyksen hat seine Eindrücke mit genauen Lagebeschreibungen dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge übermittelt und hofft, dass man sich des Friedhofs annimmt. "Denn nicht alle Gräber wurden geplündert. Die erhaltenen sollten nach Sebez umgebettet werden." Er selbst möchte dabei helfen. "Die hilfsbereite Bevölkerung würde das Vorhaben unterstützen."

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