Branchenriese

Logistik-Mitarbeiter fordern bessere Arbeitsbedingungen

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Sabine Lepél
Branchenriese Rhenus Logistics: Der Logistikdienstleister beschäftigt nach eigenen Angaben rund 37.500 Mitarbeitern an 970 Standorten. In der Niederlassung im Gewerbegebiet Mienenbüttel an der A1 fordern die Beschäftigten nun die Einführung eines Tarifvertrags – ihre Chancen stehen nicht schlecht.

Branchenriese Rhenus Logistics: Der Logistikdienstleister beschäftigt nach eigenen Angaben rund 37.500 Mitarbeitern an 970 Standorten. In der Niederlassung im Gewerbegebiet Mienenbüttel an der A1 fordern die Beschäftigten nun die Einführung eines Tarifvertrags – ihre Chancen stehen nicht schlecht.

Foto: Sabine Lepél / HA

Beschäftigte von Rhenus Logistics fordern Tarifbindung für Standort in Neu Wulmstorf. Welche Gehälter dort aktuell bezahlt werden.

Neu Wulmstorf/Mienenbüttel.  Die Logistikbranche ist nach Zahlen aus dem aktuellen „Marktspiegel Logistik“ des Landes Niedersachsen in Deutschland nach der Automobilwirtschaft und dem Handel der drittgrößten Wirtschaftsbereich – mit mehr als drei Millionen Beschäftigten. Wobei Logistik mehr ist als nur der Transport von Waren: Sie umfasst die gesamte Lieferkette, von der Bestellung, Planung, Steuerung, Kontrolle, Bewegung und Lagerung bis hin zur Auslieferung von Gütern. In diesem Prozess spielen Logistikdienstleister eine wichtige Rolle.

Auch im Hamburger Süden sind in diesem Bereich viele Investitionen getätigt worden, immer mehr und immer größere Hallen an den Verkehrsknotenpunkten zeugen davon. Die Nähe zum Hafen Hamburg sowie die verkehrsgünstige Lage hat auch viele Dienstleister nach Neu Wulmstorf gelockt, wo im Kernort aktuell zwei weitere große Logistikparks entstehen.

Tausende Stellen unbesetzt: Die Branche sucht händeringend nach Mitarbeitern

Der eigentliche Logistik-Hotspot der Gemeinde liegt allerdings im Ortsteil Mienenbüttel direkt an der Anschlussstelle Rade zur A1, wo sich im vergangenen Jahrzehnt zahlreiche Unternehmen aus der Logistikbranche angesiedelt haben – darunter auch der international agierende Branchenriese Rhenus Logistics.

In diesem bis dato tariflosen Unternehmen spiegelt sich aktuell eine Entwicklung wider, mit der die rund 230 Mitarbeitenden Maßstäbe setzen könnten für ihre Kollegen in anderen Betrieben der Branche ohne Tarifbindung. Bei Rhenus Logistics kämpfen die Mitarbeiter gerade gemeinsam mit der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi um bessere Arbeitsbedingungen und fairere Löhne. Ihre Chancen stehen gut: In der drittgrößten Branche der Bundesrepublik sind Tausende Stellen nicht besetzt: Der Wirtschaftszweig sucht händeringend nach Mitarbeitern. „Wir fordern als Gewerkschaft einen Flächentarifvertrag“, sagt Jonas Lebuhn.

Viele Mitarbeiter haben nur 20 Tage Urlaub im Jahr – das gesetzliche Minimum

Der Gewerkschaftssekretär ist mit dem Landesbezirk Niedersachsen und Bremen bei Verdi für etwa 1900 Unternehmen mit 50.000 Mitarbeitern zuständig und führt für Verdi die am heutigen Donnerstag beginnenden Verhandlungen bei Rhenus. Die großen Logistiker in Lebuhns Zuständigkeit sind in aller Regel bereits tarifgebunden – Rhenus als weltweit operierender Logistikdienstleister mit nach eigenen Angaben rund 37.500 Mitarbeitern an 970 Standorten stellt in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar.

Bei den am heutigen Donnerstag beginnenden Verhandlungen fordert Verdi eine Einmalzahlung in Höhe eines Monatsgehalts, zwei zusätzliche freie Tage für Gewerkschaftsmitglieder und die Anwendung der niedersächsischen Logistik-Tarifverträge. Durch den Abschluss eines ordentlichen Tarifvertrags würden die Beschäftigten in der Regel sechs bis zehn zusätzliche Urlaubstage erhalten, dazu erstmals Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie eine Erhöhung der Gefahrenzulage von sechs Prozent auf 15 Prozent Zuschlag auf das Stundenentgelt.

Verdi geht inzwischen fest von Warnstreiks in Mienenbüttel aus

Das Einstiegsgehalt für die Mitarbeiter – darunter inzwischen viele Litauer und Ungarn - liegt laut Lebuhn „knapp über dem Mindestlohn“ bei 1800 bis 1900 Euro brutto bei einer 40-Stunden-Woche. Ein Gabelstaplerfahrer verdiene etwa 2200 Euro brutto, so Lebuhn. Viele Mitarbeiter haben nur Anspruch auf 20 Tage Urlaub im Jahr – das gesetzliche Minimum. „Das ist das Problem, wenn man keinen Tarifvertrag hat. Die Arbeitsverträge werden individuell ausgehandelt. Das ist Wildwest“, sagt Lebuhn.

Sollten die Verhandlungen am heutigen Donnerstag zu keinem Ergebnis kommen – ein Angebot des Arbeitgebers liegt laut Verdi bislang nicht vor – drohen erste Warnstreiks. Die zweite Verhandlung soll voraussichtlich am 26. Januar stattfinden. „Ich gehe relativ fest davon aus, dass wir in den Tagen dazwischen zu Warnstreiks aufrufen müssen“, so Lebuhn. Die Mitarbeiter seien bereit: „Wir sind außerordentlich stark im Betrieb in Mienenbüttel vertreten und können richtig Druck machen“, sagt der Gewerkschaftssekretär.

Den Kollegen gehe es um mehr Wertschätzung ihrer Arbeit

„Es war ein weiter Weg, den wir bis zu den jetzt anstehenden Verhandlungen zurücklegen mussten“, ergänzt El Sayed El Nagi. Er ist der Vorsitzende des Betriebsrats und Mitglied der Verdi-Verhandlungskommission. „Wir haben erst im Jahr 2018 gemeinsam mit Verdi einen Betriebsrat gegründet. Anschließend sind mehr und mehr Kollegen und Kolleginnen in die Gewerkschaft eingetreten. Und jetzt wollen wir endlich einen ordentlichen Tarifvertrag“, sagt der Betriebsratsvorsitzende.

Rhenus sei ein großes Logistikunternehmen mit rund 230 Beschäftigten am Standort. „Die wirtschaftliche Lage ist sehr gut – ein Tarifvertrag ist überfällig“, meint Lebuhn. Den Kollegen gehe es um mehr Wertschätzung ihrer Arbeit. „Im gewerblichen Bereich arbeiten weiterhin viele nur knapp über dem Mindestlohn“, so der Gewerkschafter. Er sieht seine Verhandlungsseite angesichts von Inflation, Teuerung und Arbeitskräftemangel in einer guten Position. „Ein Tarifvertrag ist auch für das Unternehmen ein Aushängeschild“, ist Lebuhn überzeugt.

Die Rhenus Gruppe wurde 1912 in Deutschland gegründet und verfügt damit über eine über 100-jährige Unternehmensgeschichte. Rhenus ist einer der führenden weltweit operierenden Logistikdienstleister mit einem Jahresumsatz von rund sieben Milliarden Euro, nach eigenen Angaben. Die rund 37.500 Beschäftigen sind an 970 Standorten vertreten.