Katastrophengebiet

Harburger im Einsatz für die Menschen im Flutgebiet

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Hanna Kastendieck
Ehrenamtlich in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten im Einsatz: Tobias Könecke (l.) und Christian Klinke von den Johannnitern Regionalverband Harburg.

Ehrenamtlich in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten im Einsatz: Tobias Könecke (l.) und Christian Klinke von den Johannnitern Regionalverband Harburg.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Die ehrenamtlichen Helfer der Johanniter sind mit Sanitätern, Feldköchen und Technikern in Bad Neuenahr-Ahrweiler tätig.

Seevetal. Johanniter aus allen Landesverbänden haben in den vergangenen Wochen in den Hochwasserregionen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geholfen. Mehrere tausend Einsatzkräfte sind seit dem 14. Juli im Einsatz.

Nachdem die Einsatzkräfte der Verbände vor Ort unmittelbar nach der Katastrophe in den betroffenen Gebieten für Notfallrettungen und Evakuierungen zur Stelle waren, ist in den Tagen und Wochen darauf bundesweite Unterstützung aus allen Johanniter-Verbänden hinzugekommen. Auch aus dem Landkreis Harburg.

Einsatzauftrag für 46 Helfer aus dem Landkreis

Tobias Könecke wusste, dass ein Einsatzauftrag kommen würde. Er wusste es in dem Moment, als er am 15. Juli in den Nachrichten die Bilder aus den überfluteten Gebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sah, die Wassermassen, die Autos und Menschen mit sich rissen, Häuser und ganze Straßenzüge zerstörten.

Der Zugführer des Johanniter Einsatztrupps im Regionalverband Harburg war also vorbereitet, als am 31. August dann auch tatsächlich der Einsatzauftrag für die Johanniter im Regionalverband Harburg kam. 24 Stunden später starteten die 46 ehrenamtlichen Helfer aus dem Landkreis Harburg ins Flutgebiet Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Punkt 8.45 Uhr setzte sich der Einsatztrupp mit 17 Fahrzeugen im geschlossenen Marschverband von Hittfeld aus in Bewegung. Knapp neun Stunden dauerte die 461 Kilometer lange Fahrt. 48 Stunden waren die Helfer anschließend in der von der Überflutung besonders stark betroffenen Region im Einsatz – von Sonntag 20 Uhr bis Dienstag 20 Uhr.

Helfer kümmerten sich um medizinische Basisversorgung

Tobias Könecke und Christian Klinke sind zwei der 46 ehrenamtlichen Helfer, die vom 1. bis 4. August im Rahmen des Seevetaler Ortsverbandes der Johanniter im Flutgebiet im Einsatz gewesen sind, um den Menschen vor Ort in ihrer Not zu helfen. „Unsere Aufgabe war die medizinische Basisversorgung der Helfer mit unseren Sanitätskräften sowie die Verpflegung von 250 Menschen täglich mit Essen und Trinken“, sagt Einsatzleiter Könecke, der mit seinem Team vier Unfallhilfsstellen vor Ort aufgebaut hatte, um Versorgungslücken zu schließen und einen Teil der hausärztlichen Grundversorgung im Katastrophengebiet wiederherzustellen.

Manchmal ging es um kleine Dinge des Alltags wie eine Wanne warmes Wasser

Neben den 22 Sanitätskräften, den sieben Feldköchen und fünf Helfern aus dem Bereich Logistik und Technik, waren zudem Helfende aus dem Kriseninterventionsteam dabei, um traumatisierten Opfern der Flutkatastrophe zur Seite zu stehen. „Wir haben Gespräche mit den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Menschen sowie den Helfern geführt, zugehört, Trost gespendet“, sagt Johanniter Christian Klinke. „Allein die Frage, wie es dem Einzelnen geht, hat vielen die Tränen in die Augen getrieben.“ Ein höchstemotionaler Einsatz sei das gewesen, bei dem es häufig nur um ganz kleine Dinge gegangen sei.

„Eine Dame bat uns um warmes Wasser, damit sie ihren pflegebedürftigen Mann nach zwei Wochen endlich einmal waschen könne“, so Klinke. „Wir sind mit Gerätewagen und Stromaggregat zu ihr gefahren und haben Strom für den Wasserkocher bereitgestellt, um wenigstens eine kleine Wanne mit heißem Wasser füllen zu können.“ Denn die gesamte Infrastruktur sei an einigen Orten zerstört. „Es gibt kein Wasser, keinen Strom in den Häusern.“ Auch hier konnten die Johanniter helfen. Der Gruppe Logistik & Technik gelang es, mit anderen freiwilligen Helfern einen ganzen Straßenzug mit einer provisorischen Stromversorgung auszustatten.

Johanniter sind es gewohnt, in Krisenzeiten Hilfe zu leisten

Für Tobias Könecke, der als Zivildienstleistender 2006 bei den Johannitern angefangen hat und inzwischen als Zugführer in der Regel für einen Einsatzzug von 32 Helfern verantwortlich ist, war der Einsatz in Bad Neuenahr-Ahrweiler bereits der dritte größere. 2012 organisierte er im Rahmen der Johanniter beim Chemieunfall der Firma Kraft Foods in Fallingbostel eine Betreuungsstelle für 500 Personen. Ein Jahr später half er beim Elbehochwasser, sorgte mit seinem Team für die Evakuierung eines Altenheims und kümmerte sich als Sanitäter unter anderem um die medizinische Versorgung der Menschen, die Sandsäcke füllten.

Auch Christian Klinke, der 2013 über die Reiterstaffel zu den Johannitern gekommen ist und inzwischen als Sanitäter die erste Sanitätsgruppe im Ortsverband Seevetal führt, hat schon Erfahrungen mit dem Ernstfall gemacht. 2015 war er beim missglückten Massenrausch von Heilpraktikern in Inzmühlen als Retter zur Stelle. Dort hatten sich 29 Teilnehmer eines Heilpraktikerseminars mit illegalen Substanzen, die ihr Bewusstsein erweitern sollten, vergiftet.

„Es tut gut zu sehen, dass alles so funktioniert, wie wir es immer üben“

Im Vergleich dazu sei der Einsatz in Ahrweiler – auch, weil es sich nicht „um eine dynamische Situation“ gehandelt habe –, eher ruhig gewesen. „Alles hat gut geklappt“ sagt Tobias Könecke, dessen Aufgabe als Zugführer darin bestand, die Abläufe zu planen und zu koordinieren. „Es war auf jeden Fall ein guter Einsatz“, sagt der 34-Jährige. „Es ist gut, zu sehen, dass alles so funktioniert, wie wir es regelmäßig üben.“

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Auch während der Corona-Pandemie hatten sich die Helfenden im Kata­strophenschutz fortgebildet, damit sie im Ernstfall einsatzfähig sind. Ausbildungsinhalte wurden in Form von Onlineschulungen vermittelt. Im Frühsommer gab es zudem im Regionalverband Harburg einen Katastrophenschutz-Ausbildungstag mit einem strengen Hygienekonzept, um auch praktisch zu üben. „Insbesondere der praktische Umgang mit dem Material muss geübt werden, da sich eben nicht alles über Theorie und Simulation abbilden lässt“, sagt Tobias Könecke.

Bis zu 1000 Stunden im Jahr investieren die Helfer in ihr Ehrenamt

Bis zu 1000 Stunden pro Jahr investiert der zweifache Vater, der als Gesundheits- und Krankenpfleger im Universitätsklinikum Eppendorf arbeitet, in das Ehrenamt bei der Johanniter-Unfall-Hilfe. Nicht, weil er ein Helfersyndrom habe, sondern Spaß daran, etwas mit und für Menschen zu machen, sagt er.

Auch Christian Klinke, der mit seinem 18-jährigen Sohn Julian in Ahrweiler geholfen hat, ist froh, in seiner Freizeit etwas Sinnvolles machen zu können. Mehrfach im Monat ist er als Sanitäter für die Johanniter mit dem Rettungswagen unterwegs. Der Einsatz in Ahrweiler war auch für den 46-Jährigen etwas ganz Besonderes. Zum einen, weil er körperlich sehr belastend gewesen ist. Zum anderen, weil er auch seelisch Spuren hinterlassen hat. „Wenn man das Ausmaß der Zerstörung in den Gebieten sieht, wird einem erst bewusst, wie schnell alles vorbei sein kann“, sagt er. „Eine warme Dusche, ein Dach über dem Kopf? – Nichts ist selbstverständlich.“