Nach Modernisierung

„Wehenterrassen“ sind der Clou in Winsens Klinik

| Lesedauer: 6 Minuten
Lena Thiele
Die neuen Kreißsäle haben jeweils eine eigene Wehenterrasse auf dem Dach. Hebamme Cornelia Franke zeigt eine davon.

Die neuen Kreißsäle haben jeweils eine eigene Wehenterrasse auf dem Dach. Hebamme Cornelia Franke zeigt eine davon.

Foto: Lena Thiele

Im modernisierten Kreißsaalbereich haben werdende Mütter Zugang zu den Ruhezonen. Partner sind trotz Corona bei der Geburt dabei.

Winsen.  Das Krankenhaus Winsen hat seinen Kreißsaalbereich erweitert und umfassend modernisiert. Zwei der drei Kreißsäle wurden in einem Anbau auf dem Dach des Gebäudes eingerichtet. Sie haben jeweils eine eigene „Wehenterrasse“, auf der die schwangeren Frauen und ihre Partner frische Luft schnappen, sich erholen und bewegen können.

Mit großen Schritten geht Johannes Klemm durch einen der beiden neuen Kreißsäle, die Begeisterung ist dem Chefarzt der Abteilung Geburtshilfe trotz des Mund-Nasen-Schutzes anzumerken. Er breitet die Arme aus, deutet auf das großzügige Bad mit Dusche, die speziellen Wandfarben, die Türen nach draußen und die kleinen Details, die den Frauen und ihren Partner die Zeit der Geburt erleichtern sollen. „Die Frauen haben hier viel Platz und können sich wohlfühlen.“

Das Kreißsaalteam hat die Modernisierung von Anfang an begleitet und viele Ideen eingebracht. Die beiden neuen Räume sind recht groß, 26 und 43 Quadratmeter messen sie. Die Wände sind in einem Gelbton gestrichen, eine klassische Farbe zur Entspannungsförderung, einige Bereiche sind rot hervorgehoben. Dieselben Farben finden sich bei Kreißbett, Gebärstuhl und Pezziball. Über den Betten hängen lange, bunt gestreifte Tücher, an denen sich die Gebärenden festhalten können. Mit Hilfe von unterschiedlichen Lampen kann die Beleuchtung in den Kreißsälen an die jeweiligen Bedürfnisse der Frauen angepasst werden. „Warme Farben und das richtige Licht machen viel aus“, sagt Klemm.

Grünpflanzen machen die Terrassen zum Ort der Erholung

Eine Besonderheit sind die beiden Terrassen, deren Gestaltung mit Unterstützung der Bürgerstiftung Winsen durch Spenden in Höhe von 25.000 Euro finanziert wurde. Sie sind direkt von den neuen Kreißsälen im dritten Stockwerk des Gebäudes zu erreichen. „Durch die Außenbereiche haben wir die Kreißsäle so gestaltet, dass die Frauen unter der Geburt hier ein Gefühl von Weite haben“, sagt Klemm.

Er tritt durch die Glastür ins Freie. Von hier oben fällt der Blick auf die Stadt, wer sich hinsetzt, sieht nur noch den Himmel. Auf der Terrasse steht eine Sitzgruppe aus Holz, daneben große Grünpflanzen in Kübeln. Auf dem Boden steht eine große Leuchte, durch deren türkisgrüne Streben warmes Licht strömt. Auch im Dunkeln soll der Außenbereich ein angenehmer Ort zum Durchatmen sein.

Denn auch nachts gibt es im Kreißsaal naturgemäß meistens etwas zu tun. 13 Hebammen arbeiten hier im Schichtdienst, sie alle sind freiberuflich tätig. Im vergangenen Jahr haben sie im Krankenhaus Winsen etwa 730 Kindern auf die Welt geholfen, in desem Jahr sind es bisher etwa 550 Babys gewesen. Seit die Geburtsstation in der Asklepios Klinik Harburg vor einigen Jahren geschlossen wurde, ist Winsen auch bei schwangeren Frauen außerhalb des Landkreises stärker in den Fokus gerückt. „Es kommen jetzt vermehrt auch Frauen aus dem Seevetaler Bereich“, sagt Hebamme Cornelia Franke, die ebenfalls eine Maske trägt. Darüber hinaus entschieden sich zunehmend mehr Frauen aus Lüneburg für eine Entbindung in Winsen.

Das Krankenhaus ist nach den Richtlinien von WHO und Unicef als ein „babyfreundliches“ zertifiziert. In der Geburtsklinik wird viel Wert auf eine sanfte Geburt und die Förderung der Bindung von Mutter und Kind, das sogenannte Bonding, gelegt. Auch in Coronazeiten dürfen die werdenden Väter bei der Geburt dabei sein. „Wir schauen, dass die Familien einen guten Start haben. Nach der Geburt bleiben die neugeborenen Kinder für mindestens eine Stunde bei der Mutter auf der Brust“, sagt Cornelia Franke und betont: „Diese Philosophie wird von allen Hebammen und Ärzten im Team gelebt.“

Außer den beiden neuen Kreißsälen gibt einen bereits 2013 modernisierten Entbindungsraum mit Sternenhimmel. Zudem wurde ein Raum mit einer Gebärwanne geschaffen. In Winsen brächten etwa sechs bis acht Prozent der Frauen ihr Kind in der Wanne zur Welt, sagt Hebamme Cornelia Franke. Dies sei deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt, der bei etwa zwei Prozent liege. Ein Großteil der werdenden Mütter nutze die Badewanne in der Wehenphase zur Entspannung.

Die Modernisierung ist nun fast abgeschlossen

Die Planung für den Anbau, der in Holzbauweise gefertigt wurde, begann bereits im Jahr 2012. Nach knapp zwei Jahren Bauzeit ist die Modernisierung nun fast abgeschlossen. Genutzt wird der Bereich bereits seit Mai, auf eine große Eröffnung musste wegen der Pandemie verzichtet werden.

Bis Ende des Jahres soll auch der sogenannte Notfalleingriffsraum fertiggestellt sein. Dieser ist für unvorhergesehene Eingriffe, wie beispielsweise Notkaiserschnitte, unter der Geburt gedacht. Auf einer der Terrassen könnte zudem mit weiteren Spenden noch ein kleiner Pavillon gebaut werden, sagt Klemm. Damit würde ein zusätzlicher geschützter Raum im Freien geschaffen.

Dass die neuen Kreißsäle mit viel Platz und direktem Zugang an die frische Luft ausgerechnet im Jahr der Corona-Pandemie fertig gestellt wurden, ist Zufall. „Das ist natürlich optimal für diese Situation“, sagt Klemm. Abstandsregeln könnten gut eingehalten werden, auch regelmäßiges Lüften sei zusätzlich zur Klimaanlage problemlos möglich. Von allen Paaren, die im Kreißsaal ankommen, werde ein Abstrich auf das Corona-Virus gemacht. Eine Geburt, bei der die Mutter infiziert war, habe es bisher nicht gegeben, sagt Klemm. „Wir sind aber darauf eingestellt."

Corona-Regeln in der Geburtshilfe

In der Geburtsklinik gelten wegen der Corona-Pandemie zurzeit besondere Regeln: Väter dürfen ihre Frau bei der Geburt begleiten. Danach erhalten sie einen Besucherausweis, mit dem sie ihre Frau und das Neugeborene jederzeit besuchen können. Auch zu Vorgesprächen können sie mitkommen, zu Standarduntersuchungen kurz vor der Geburt sollten die Frauen jedoch nach Möglichkeit allein kommen.


Für alle anderen Besucher gelten die aktuellen Regeln. Außer dem Vater ist somit eine andere Besuchsperson pro Tag erlaubt, allerdings nur für eine halbe Stunde zwischen 13 und 17 Uhr. Auch solche Besuche sollten soweit wie möglich reduziert werden.


Informationsabende
für werdende Eltern finden momentan nicht statt, auf der Internetseite der Fachabteilung Geburtshilfe sollen demnächst Fragen zu verschiedenen Themenschwerpunkten beantwortet werden.


Bereits jetzt können ist dort ein Video vom Kreißsaalbereich zu sehen: www.krankenhaus-winsen.de