Molfsee

Streifzug durch den Alltag in Schleswig-Holstein

| Lesedauer: 7 Minuten
Friederike Ulrich
Museumschef Wolfgang Rüther und Kuratorin Babette Tewes.

Museumschef Wolfgang Rüther und Kuratorin Babette Tewes.

Foto: Thorsten Ahlf

Das Jahr100Haus schlägt eine Brücke vom Freilichtmuseum ins Hier und Heute im Norden. Worauf die Besucher sich freuen können.

Molfsee. Was tut ein Freilichtmuseum, das historische Häuser aus vier Jahrhunderten zeigt, aber nicht im 20. Jahrhundert aufhören will? Das, wie das Freilichtmuseum Molfsee, Katen, Bauernhäuser und Windmühlen auf rund 40 Hektar hügeligem Land zeigt – dazwischen aber keine Gründerzeitvillen oder 70er-Jahre-Bungalows aufbauen will?

Museumsdirektor Wolfgang Rüther und sein Team haben die Lösung gefunden: das Jahr100Haus, das nach dreijähriger Bauzeit im März eröffnet wurde und Exponate aus dem Alltagsleben des letzten Jahrhunderts zeigt. „Wir Menschen von heute“, so Rüther, „gestalten die Geschichte schließlich mit!“

Geschichte des Jahr100Hauses begann 2014

Die Geschichte des Jahr100Hauses begann 2014, als die Stiftung Schleswig-Hosteinische Landesmuseen, zu dem das 1965 gegründete Freilichtmuseum gehört, einen Architektenwettbewerb zur Gestaltung des geplanten Gebäudes ausrief.

Von 150 teilnehmenden internationalen Büros kamen 22 in die engere Wahl. Und als die Jury schließlich aus den anonymisierten Entwürfen den Sieger auswählte – war dieser ein Schleswig-Holsteiner, der als Kind im Freilicht­museum gewesen war: Architekt Klaus Petersen mit seinem Büro Petersen Pörksen Partner (PPP).

Verflechtung von Tradition und Moderne

„Diese Verbundenheit hat man dem Entwurf angemerkt“, sagt Projektleiterin und Kuratorin Babette Tewes. Das unterirdisch miteinander verbundene Gebäudepaar fügt sich trotz – oder gerade wegen seiner skulpturalen Form perfekt in das Museumsgelände ein. Die mächtigen Dächer sind tiefgezogen und nehmen Bezug auf die Form der alten Bauernhäuser im Umfeld, der für die Verkleidung verwendete Baustoff Cortenstahl greift mit seiner typisch rostigen Patina die Farbe von Reet und Lehm auf.

Wer das Jahr100Haus betritt, fühlt sich durch die Weite im Inneren und das hölzerne Rautenfachwerk an der imposanten Decke an eine historische Scheune erinnert. Diese Verflechtung von Tradition und Moderne hat nicht nur etwas sehr Zeitgenössisches, sondern bildet auch genau das ab, was das Jahr100Haus sein soll: eine Brücke vom Freigelände in das Hier und Heute Schleswig-Holsteins.

Die Ausstellung ist in sechs Bereiche gegliedert

Im großzügigen Eingangsbereich befinden sich der Museumsshop und der Ticketschalter. Darüber hängt eine In­stallation aus historischen Heugreifern, die an sich abseilende Spinnen erinnert. „Wir haben lange überlegt, wie wir unter diesen räumlichen Bedingungen Moni­tore anbringen können und freuen uns über diese Idee“, sagt Babette Tewes, die uns gleich durch die Ausstellung führen wird.

Die ist trotz Corona geöffnet: 55 registrierte Besucher können sich hier gleichzeitig umschauen und haben dafür eineinhalb Stunden Zeit. Davor oder danach kann man so lange man will über das Außengelände schlendern. Dort sind 800 Personen zugelassen.

Dauerausstellung ist im Untergeschoss untergebracht

Die gesamte Dauerausstellung ist im Untergeschoss untergebracht. Über einen verglasten Innenhof fällt Licht durch große Fenster. Draußen erhebt sich ein für Schleswig-Holstein typischer Feldahorn aus dem mit Kies bedeckten Boden. Zu seinen Füßen liegen zwei große Findlinge. Einer stammt aus der Feldmark – der andere vom elterlichen Hof des Architekten.

Die Ausstellung „Ein Jahr100 in Schleswig-Holstein“ umfasst 900 Quadratmeter und ist in sechs Bereiche unterteilt. Bevor der Besucher jedoch in die Vergangenheit taucht, betritt er einen dunklen Raum. Eine Medienin­stallation zeigt auf neun Bildschirmen neun Menschen, die in der typischen Landschaft Schleswig-Holsteins spezielle Tätigkeiten vorstellen, etwa Schafe hüten oder das Feld bestellen. Bestens eingestimmt gelangt man also in den ersten Bereich.

Im zweiten Bereich geht es um Mobilität

„Hier geht es um den Rhythmus, der unser Leben bestimmt: Ebbe und Flut, Sturm und Flaute, Kindheit und Erwachsenwerden“, erklärt Babette Tewes. Zu den Exponaten, die hier jeweils einen bestimmten Abschnitt in der Geschichte darstellen, gehören eine altmodische Schultüte, ein vorsintflutlich erscheinender Computer, die Olympiafackel von 1972, ein historisches Badekostüm oder ein 1939 von Seemännern aus Tauwerk geknüpfter, entzückender Weihnachtsbaum.

Im zweiten Bereich geht es um Mobilität: Hingucker ist ein Kinderwagen mit verchromten Stoßdämpfern und Faltverdeck, in einer Ecke steht eine Zapfsäule der Lübecker Ölfirma Boie, ein Stück weiter ein alter, flacher Schlitten mit simplen Holzrädern drunter. „Den hat eine junge Frau 1945 für ihre Flucht aus Ostpreußen benutzt“, weiß die Kuratorin. „Sie war im Winter bis nach Berlin gekommen – und weil kein Schnee mehr lag, als sie weiterwollte, hat sie Räder dranmachen lassen.“

Alle 350 Exponate erzählen eine eigene Geschichte

Zu jedem der 350 Ausstellungsstücke im Jahr100Haus hat Babette Tewes mit dem Kuratorenteam und Kollegen aus dem Bereich Bildung und Vermittlung einen kurzen Text verfasst. Ein eGuide, der aufs Smartphone geladen werden kann, gibt ausführlichere Beschreibungen. „In allen Texten steckt viel Herzblut, denn wir wollen die Besucher emotional berühren“, sagt die Kuratorin.

Dinge, die eine Geschichte erzählen

Das gilt auch für die Raumgestaltung, die mit dem Büro Demirag Architekten erarbeitet wurde. „Der Fokus soll auf den Objekten liegen und auf den Menschen, die sie benutzt haben. Daher zeigen wir auch nur Dinge, die eine Geschichte erzählen.“

In den weiteren Bereichen geht es um die Themen Arbeit und Freizeit – mit Exponaten wie einer historischen Windfege, um die Spreu vom Korn zu trennen, einem tragbaren Plattenspieler und einem 50 Jahre alten Surfbrett – dann folgen die Bereiche Konsum, Kommunikation und Beziehung sowie, als Letztes, das Thema Sicherheit.

Mal heiter, mal bewegend

Hier sind gleich mehrere Exponate besonders eindrücklich: die Pistole, mit der Marianne Bachmeier 1981 im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschoss, ein „Schild“ aus einem mit Lederschlaufen versehenen Mülleimerdeckel, der in den 80er-Jahren von Demonstranten in Brokdorf verwendet wurde, und ein verkohlter Holzbalken aus einem der Häuser in Mölln, in denen 1992 bei Brandanschlägen neun Mitglieder zweier türkischer Familien verletzt und drei getötet wurden. Auch ein alter Teddy ist zu sehen, der mit seinem Besitzer die Sturmflut von 1962 überstand. Der Junge von damals erzählt davon in einem Audio-Beitrag.

Um die Besucher nach der mal heiteren, mal bewegenden Ausstellung nicht „einfach wieder in die freie Wildbahn zu entlassen“, wie Direktor Rüther sagt, haben sie zum Abschluss die Möglichkeit, eine Zeit lang selber Teil der Ausstellung zu werden. In einer großen Fotobox können sie sich fotografieren lassen und dabei ein Schild mit einer selbstverfassten Botschaft hinterlassen. Nach wenigen Minuten erscheint das Foto in einem der virtuellen Bilderrahmen an der Wand.

„Jahr100Haus“ im Freilichtmuseum Molfsee, Hamburger Landstraße 97; www.freilichtmuseum-sh.de; Di bis So, 9–18 Uhr; Eintritt Erw. 10 Euro, Ki. 3 Euro, Fam. 21 Euro; Tickets unter:

landesmuseen-sh.ticketfritz.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Region