Schifffahrt

Hintergrund: Die großen Werften in Norddeutschland

Das Dock 10 von Blohm+Voss im Hamburger Hafen. Im Vordergrund ist der Anleger Altona (Fischmarkt) zu sehen.

Das Dock 10 von Blohm+Voss im Hamburger Hafen. Im Vordergrund ist der Anleger Altona (Fischmarkt) zu sehen.

Foto: Georg Wendt/dpa

So sieht die Lage der größeren Werften in Norddeutschland aus - eine Übersicht

Meyer-Werft Papenburg: Bangen um die Ozeanriesen

Hamburg. In guten Jahren stehen die riesigen Kreuzfahrtschiffe der Meyer-Werft nach Tonnage für 70 Prozent des deutschen Schiffbaus. Im Stillstand der Kreuzfahrtbranche wegen Corona sind bei der größten deutschen Werft Hunderte Jobs in Gefahr. 1,2 Milliarden Euro will die Leitung um Seniorchef Bernard Meyer bis 2025 einsparen. Planspiele reichen von 600 bis 1800 Arbeitsplätzen weniger in und um Papenburg, noch sind es mit der Logistiktochter EMS 4500 Jobs.

Das über 500 Meter lange Baudock II gilt als längste Dockhalle der Welt. Handicap ist die Lage 40 Kilometer von der Nordsee entfernt. Überführungen der Ozeanriesen auf der schmalen Ems sind spektakulär, doch bei Länge und Breite sind Grenzen gesetzt. Noch größere Kreuzfahrtschiffe baut die unabhängige Tochter Meyer Turku in Finnland. Die frühere Neptun-Werft in Rostock gehört auch zu Meyer. Sie liefert zu und baut Flusskreuzfahrtschiffe.

Fassmer-Werft: Rettungsboote auf Halde

Bei der Fassmer-Werft in Berne an der Unterweser mit etwa 600 Beschäftigten hat Corona ein wichtiges Standbein getroffen: den Bau hunderter Rettungsboote für Kreuzfahrtschiffe. Diese Aufträge werden gestreckt, Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Besser sieht es für den 1850 gegründeten Familienbetrieb bei kleineren Behördenschiffen aus: Im Bau sind ein Seenotrettungskreuzer, ein Forschungsschiff und ein Boot der Bundespolizei.

Lürssen-Werftengruppe: Megajachten und Marine

Aus Bremen-Vegesack hat sich die familiengeführte Lürssen-Werft zu einer Schiffbaugruppe mit sechs Standorten in Deutschland entwickelt. Nach Firmenangaben gibt es mehr als 2800 Beschäftigte. An der Weser baut Lürssen vor allem Megajachten für die Reichen der Welt, ein sehr verschwiegenes Geschäft. Von den 25 längsten Luxusjachten stammt etwa jede zweite von Lürssen, darunter die mit 180,6 Metern derzeit längste Jacht „Azzam“.

Drehscheibe für den Lürssen-Marineschiffbau ist die 2016 übernommene Werft Blohm+Voss in Hamburg (600 Beschäftigte). Deren Docks kennt jeder Hafenbesucher. Laufender Großauftrag: Blohm+Voss fügt für die Deutsche Marine aus Schiffshälften fünf neue Korvetten vom Typ K130 zusammen. Zwei Vorschiffe stammen von Lürssen aus Bremen, drei von German Naval Yards (GNY) aus Kiel. Fünf Heckteile entstehen auf der Peenewerft-Werft in Wolgast, übernommen 2013.

Dort haben etwa 300 Beschäftigte in den vergangenen Jahren auch Patrouillenboote für Saudi-Arabien gebaut. Als diese Rüstungsexporte gestoppt wurden, fanden zehn fertige Boote 2020 Ägypten als neuen Käufer. Unter Federführung der niederländischen Damen-Werft spielen Lürssen und Blohm+Voss auch eine wichtige Rolle beim nächsten Auftrag der deutschen Marine über vier Fregatten des Typs F126.

Flensburger Schiffbau-Gesellschaft: Alter Name, neue Firma

Die neue FSG ging im September 2020 unter Regie der Tennor Holding des Investors Lars Windhorst ohne Altschulden, aber mit zunächst leeren Auftragsbüchern und halbierter Mannschaft an den Start. Für die alte FSG wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet. Aktuell gibt es rund 360 Beschäftigte - ein Großteil davon war im Februar - wie schon seit Neustart - in Kurzarbeit.

Seit dem 1. März fährt die Werft den Betrieb wieder hoch. Kiellegung des ersten fest bestellten RoRo-Schiffs war am 30. Dezember. Auftraggeber ist IVP Invest, ein Unternehmen von Windhorst. Es gibt eine Option für ein zweites Schiff. Das Gesamtvolumen beträgt 140 Millionen Euro. Künftig will die FSG auch im internationalen Marineschiffbau wirken.

Nobiskrug: Spezialisten für Jachten am Nord-Ostsee-Kanal

Die Rendsburger Werft hat seit ihrer Gründung 1905 weit über 750 Schiffe gebaut. Nobiskrug gehört zur internationalen Schiffbaugruppe Privinvest. 2020 kündigte die Werft 120 Mitarbeitern betriebsbedingt. Aktuell gibt es 330 Jobs.

Die Werft sieht sich „solide aufgestellt“. Sie ist auf den Bau von Luxusjachten ab 60 Metern Länge spezialisiert. Aktuell liegen vier Aufträge für Neubauten und zwei sogenannte Refit-Aufträge beziehungsweise Reparaturen vor. Zu den bekanntesten Neubauten vergangener Jahre gehörte die Mega-Segeljacht „A“. Sie wurde von Nobiskrug aber in Kiel gebaut und ist knapp 143 Meter lang.

Pella Sietas: Traditionswerft im Hamburger Hafen

Die Werft Pella Sietas im Hamburger Hafen zählt zu den ältesten Schiffbaubetrieben weltweit. Erstmals 1635 urkundlich erwähnt blieb sie über neun Generationen hinweg in Familienbesitz. Seit 2014 gehört sie zur in St. Petersburg sitzenden russischen Pella Shipyard und firmiert als Pella Sietas GmbH. Am Südufer der Elbe im Stadtteil Neuenfelde arbeiten rund 350 Menschen. Hinzu kommen bis zu 800 Leih- und Werkvertragsarbeiter.

Die Werft arbeitet derzeit an einem Laderaumsaugbagger mit 7500 Kubikmetern Kapazität, einem Fährschiff mit LNG-Antrieb und einem Eisbrecher. Hinzu kommen Reparatur- und Wartungsaufträge. Ein Teil der Belegschaft ist in Kurzarbeit. Probleme bereitet die Verschlickung des Hafenbeckens: Ohne Baggerarbeiten oder regelmäßige Spülungen können fertige Schiffe die Werft nicht verlassen.

Thyssenkrupp Marine Systems: Kieler U-Boot-Schmiede

Die Kieler Werft Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS, ehemals HDW) ist vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen. Größere wirtschaftliche Probleme hat die Werft nach eigenen Angaben nicht. Durch pandemiebedingte Auftragsverschiebungen sei es in den vergangenen Monaten lediglich in kleinem Umfang zu Kurzarbeit gekommen. Im Februar waren demnach rund 100 Stellen betroffen.

In Sichtweite der Kieler Innenstadt entstehen ausschließlich Militärschiffe und U-Boote. Vor allem dank des Exports der mit Brennstoffzellen-Antrieb ausgestatteten U-Boote hat die Werft gut zu tun. „Wir sind gut ausgelastet“, heißt es. Allein am Standort Kiel gibt es aktuell mehr als 3000 Mitarbeiter. Weitere 510 Beschäftigte arbeiten am Standort Hamburg, 193 in Emden. Hinzu kommen 1385 Jobs bei der Tochter Atlas Elektronik in Bremen und andernorts sowie 156 Beschäftigte bei Hagenuk in Kiel.

German Naval Yards: Marineschiffe und auffällige Jachten

Auf die Kieler Werft German Naval Yards hat die Pandemie bereits durchgeschlagen. Mitte Februar wurde bekannt, dass dort 134 der aktuell 511 Arbeitsplätze wegfallen sollen. Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft haben sich auf einen Sozialtarifvertrag verständigt. Im Gegenzug will der Besitzer Privinvest Holding in den Standort investieren. Deren Vorstandsvorsitzender ist Iskandar Safa, ein französischer Geschäftsmann libanesischer Herkunft.

Die Werft ist hervorgegangen aus dem Überwasser-Schiffbau von HDW. Sie ist auf den Bau von Marineschiffen spezialisiert. Derzeit entstehen in Kiel gemeinsam mit TKMS vier Korvetten für Israels Marine. Gemeinsam mit TKMS und Lürssen wird an Korvetten für die deutsche Marine gearbeitet. 2020 hat die Werft Mittel in niedriger zweistelliger Millionenhöhe vom Wirtschaftsstabilitätsfonds erhalten. Im Gegenzug verpflichtete sich der Eigentümer, mit derselben Summe zur Stabilisierung beizutragen.

MV Werften: Riesige Kreuzfahrtschiffe

Der Genting-Konzern mit Sitz in Hongkong kaufte 2016 die drei Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund. Er setzte auf den damals weltweit boomenden Kreuzfahrtmarkt und hatte Verträge über den Bau von zehn Schiffen im Wert von 3,5 Milliarden Euro unterzeichnet. Dazu gehörten zwei Schiffe der „Global Class“, speziell für den asiatischen Markt konzipiert und mit Platz für bis zu 10 000 Passagiere. Für Stralsund waren Schiffe der „Endeavor“-Serie vorgesehen, die weltgrößten Megayachten mit Eisklasse.

Nach diversen Eigentümer-Wechseln mit Entlassungen und massiven Unsicherheiten setzte Mecklenburg-Vorpommern voll auf Genting. Der Konzern investierte Hunderte Millionen Euro, ließ die Mitarbeiterzahl mit Tarifbindung auf 3200 anwachsen - bis zur Corona-Krise. Die Werften haben Kurzarbeit angemeldet, der Bau teilweise fast fertiger Schiffe stockt und seit Monaten laufen Verhandlungen über mögliche Kredite aus dem Wirtschaftsstabilitätsfonds. Es geht um Kreditbürgschaften in Höhe von etwa 500 Millionen Euro, die zum Teil bereits bewilligt wurden. 1200 Jobs stehen auf der Kippe.