Lübeck 

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

| Lesedauer: 2 Minuten
Elisabeth Richter
Der Dirigent Paavo Järvi stammt
aus Estlands Hauptstadt Tallinn

Der Dirigent Paavo Järvi stammt aus Estlands Hauptstadt Tallinn

Foto: picture alliance / dpa

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi mit einem Schumann-Programm beim Schleswig-Holstein Musik Festival.

Lübeck .  Bei Robert Schumann kann einem schon mal schwindlig ­werden. Man hört in seiner Musik, dass da ein rastlos Getriebener gegen irgendetwas ankämpft. Und am Ende doch verliert. Schumann starb in der Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn, verhungert wegen Verweigerung von Nahrungsaufnahme, seelisch zerstört von manisch-depressiven Hochs und Tiefs. Paradox und bizarr, dass diese Qualen zugleich künstlerische Antriebsfeder für den genialen Künstler waren, der ja auch Musikschriftsteller und Musik­redakteur war. Die von ihm gegründete „Neue Zeitschrift für Musik“ existiert bis heute, und seine Musik macht ihn unsterblich.

Schumann schrieb um sein Leben. Seine Seelenqualen spiegelte das ganz dem Komponisten gewidmete Programm beim SHMF-Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in der Lübecker Musik- und Kongresshalle sehr deutlich wieder. Zum Auftakt eine Rarität: die selten aufgeführte Ouvertüre zu „Die Braut von Messina“, einem Schiller-Drama um eine tödlich ausgehende Familienfehde. Dirigent Paavo Järvi ließ wuchtige Orchester-Akkorde zu brutalen Schlägen werden, kontrastierte düstere Lethargie und gewaltig auftrumpfenden Heroismus aufs Schärfste. Katastrophenstimmung pur.

Innere Seelenkämpfe

Weniger brutal geht es beim Cellokonzert a-Moll zu. Die Seelenkämpfe finden hier mehr im Inneren statt. Solist Steven Isserlis spürte der resignierten Stimmung besonders im langsamen zweiten Satz intensiv nach. Dabei punktetr er mit spannungsvollen langen Melodiebögen, aber auch mit kammermusikalischem Austausch mit einzelnen Orchester-Solisten, Fagottist, Hornist oder Cellist etwa.

Im ersten Satz hatte Isserlis’ Celloton noch ein wenig matt geklungen, doch dann überzeugte der Brite mit technischer Souveränität und Brillanz in den zahlreichen virtuos herausfordernden Passagen. Den Finalsatz überschrieb Schumann zwar mit „Sehr lebhaft“, aber muss das gleichbedeutend mit „extrem rasend“ sein? Und mit dem Verlust der für Schumann so existenziellen Poesie? Da wirkte vieles nicht ausgespielt und ging im Eifer des Gefechts unter. Mit einer berührend gespielten Zugabe – dem katalanischen Volkslied „Der Gesang der Vögel“, für Solo-Cello von niemand Geringerem als Pablo Casals bearbeitet – war das aber vergessen.

Spannungsvoller Kontrast

Nach der Pause dann die zweite Sinfonie C-Dur. Zur Zeit der Entstehung 1845 war Schumann erst Mitte dreißig und hatte mit seiner ersten großen ­psychischen Krise zu tun. Permanente, nie zur Ruhe kommende Nervosität, nachdenkliche Stimmungen und wie mit dem Hammer verordnete Zuversicht erzählen hier von den Seelennöten dieser durchaus ins Schizophrene tendierenden Psyche. Ein spannungsvoller Kontrast, den die Deutsche Kammerphilharmonie und Paavo Järvi – abgesehen von einigen zu forschen Tempi, die die Musik manchmal gehuscht wirken ließen – ebenso sensibel wie energisch vermittelten.

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