Lüneburg

Hitzewelle: Höchste Alarmstufe in der Waldbrandzentrale

Immer wieder brennen in diesem Jahr in Norddeutschland wie hier im Juli trockene Stoppelfelder. Bisher konnte die Feuerwehr schnell genug zur Stelle sein – auch dank der Waldbrandzentrale

Immer wieder brennen in diesem Jahr in Norddeutschland wie hier im Juli trockene Stoppelfelder. Bisher konnte die Feuerwehr schnell genug zur Stelle sein – auch dank der Waldbrandzentrale

Foto: Danny Gohlke / dpa

In Lüneburg überwachen jetzt täglich Forstleute die trockenen Wälder Nordostniedersachsens – mit Weltraumtechnik.

Lüneburg.  An diesem Sonntagmorgen ist es zunächst ruhig, als Toni Jankowski und seine Kollegen die Monitore anschalten. Doch wieder wird es nicht regnen, wieder sind Temperaturen von fast 30 Grad angesagt, und wieder hat der Deutsche Wetterdienst für manche Stationen in den Wäldern Nordostniedersachsens die höchsten Warnstufen herausgegeben.

„Das ist jetzt brandgefährlich – im doppelten Sinn“, sagt der erfahrene Forstwirt, der heute mit drei Kollegen die Schicht in der Lüneburger Waldbrandzentrale übernommen hat. Die von den niedersächsischen Landesforsten betriebene Einrichtung überwacht mit ferngeschalteten Kameras an solchen Tagen ein riesiges Gebiet zwischen Lüneburger Heide, Lüchow-Dannenberg, Celle und Uelzen: eine Waldfläche, die immerhin einer halben Million Fußballfeldern entspricht.

Auf den trockenen Sandböden wachsen dort zu fast 65 Prozent Nadelbäume, meist Kiefern, die besonders schnell Feuer fangen können. Vor allem wenn das einst grüne Gras drumherum in Hitzeperioden welk und trocken geworden ist. Ungewöhnlich trocken ist es in diesem Jahr: Seit März ist die Waldbrandzentrale immer wieder besetzt, in den vergangenen Wochen nahezu täglich. 78 Einsatztage waren es bisher und damit schon fünf mehr als im ganzen Jahr 2013, das für die Forstleute in Lüneburg die bisher meiste Arbeit gebracht hatte.

In erster Juli-Woche 81 Feuer an fünf Tagen

Besonders viel zu tun gab es dabei in der ersten Juli-Woche: 81 Feuer an nur fünf Tagen meldete die Waldbrandzentrale an die örtlichen Feuerwehren. „Dabei stehen die heißen Tage im August noch bevor“, sagt Jankowski und schaut auf die Prognose für die nächsten Tage. Warnstufen von 1 bis 5 meldet der Wetterdienst in der Regel, ab Stufe 3 wird die Waldbrandzentrale tagsüber mit drei Leuten besetzt.

An etlichen Stationen ist von Mittwoch an aber schon jetzt Stufe 5 angesagt, Temperaturen von deutlich mehr als 30 Grad sollen auf den Norden zukommen – dann arbeiten hier sogar fünf Leute. „Da braucht man nur an Feuer zu denken, und schon brennt es“, sagt Knut Sierk, der Sprecher der Landesforsten und Waldbrandbeauftragter in der Lüneburger Heide ist.

Wie schnell ein Feuer jetzt zur Katastrophe werden kann, zeigt gerade das Beispiel Schweden, wo die Waldbrände außer Kontrolle geraten sind. Aber auch in der Lüneburger Heide kennt man die Gefahr. Bei großen Bränden im August 1975 wurden 8000 Hektar Wald vernichtet, sieben Menschen kamen in den Flammen um.

Vieles hat man seitdem effizienter gemacht, Meldewege und Zuständigkeiten geregelt und Wassertanks angelegt, sagt Sierk. Vor allem aber wurde die Prävention verstärkt. „Wichtig ist, dass ein Brand schnell erkannt wird, wenn er noch klein ist.“ Bis 2011 haben das an Tagen wie diesen Forstleute von hohen Türmen aus gemacht. Mit dem Fernglas in der Hand spähten sie über die Wälder und Felder, um Rauch zu entdecken. Seit 2011 nutzten sie nun in der Lüneburger Zentrale hochauflösende Kameras, die ursprünglich vom deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt wurden.

20 Kameras überwachen betroffene Landkreise

20 solcher Apparate sind – verteilt über die sechs betroffenen Landkreise – auf hohen Masten in­stalliert und scannen bei permanenter Drehung um die eigene Achse kreisrunde Gebiete, die bis zu 20 Kilometer, bei trockener Luft auch noch deutlich weiter reichen und sich damit auch überschneiden. Mit einer Kreuzpeilung von zwei Kameras lässt sich so der genaue Brandort ausmachen. Dabei arbeiten die Kameras mit Graustufen, erklärt Sierk. Durch leicht zeitversetzte Aufnahmen ließe sich so eine optische Bewegung automatisch erkennen.

Wie zur Bestätigung meldet jetzt ein Monitor eine solche Situation, während Sierk das System erläutert. Einer der Forstwirte zoomt sich den gespeicherten Ausschnitt noch einmal heran, klickt wieder auf das Echtzeitbild, dann steht sein Urteil: Es ist kein Rauch, der dort aufsteigt, sondern Wasser einer Beregnungsanlage, die plötzlich eingeschaltet wurde. Auch aufgewirbelter Staub oder der Schatten einer Wolke können solche Alarmmeldungen erzeugen. „Wichtig ist, dass jemand mit Erfahrung das genau anschaut, bevor man die Feuerwehr rausschickt“, sagt Sierk.

Im Durchschnitt brechen 4,3 Feuer pro Tag aus

Oft aber sind es eben keine Fehlalarme, 330 echte Brandmeldungen zeigt die Statistik der Zentrale bereits für dieses Jahr; im Durchschnitt 4,3 Feuer pro Tag – das jedes für sich auch das Potenzial zu einem Großfeuer gehabt hätte.

Nicht selten entdeckten die Brandmelder dabei Rauch auf Stoppelfeldern. Ein heißgelaufenes Lager am Trecker, Funkenflug, wenn die Mähdrescher-Schneidwerkzeuge auf Steine treffen – das sind dann die Ursachen. Häufig aber sind es auch Zigarettenkippen, die achtlos weggeworfen wurden: ins trockene Gras oder aus dem Auto, wobei sie der Fahrtwind noch einmal richtig gefährlich aufglühen lässt, wie Sierk sagt.

Immer wieder aber entzünde sich Gras auch, weil ein Pkw mit heißem Auspuff oder Katalysator an einem Waldweg geparkt wurde. Oder ein Blitzschlag trifft bei einem Sommergewitter ins trockene Holz. „Von allein entsteht eben kein Waldbrand“, sagt Sierk. Es sind also viele Ursachen, die ein Feuer auslösen können: In der Lüneburger Waldbrandzen­trale wird man daher auch in den nächsten Wochen noch viele Stunden auf die grauen Videobilder von der Waldlandschaft starren müssen.