Tourismus

Das Tor nach Sylt hat ein Zimmer frei

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Geneviève Wood
Wasserturm Niebüll

Wasserturm Niebüll

Foto: Eugen Heimböckel

Niebülls historischer Wasserturm am Bahnhof wurde saniert. Nun kann man als Besucher in dem alten Bauwerk übernachten.

Niebüll. Urlaub in Niebüll? Viele kennen den Ort vor allem vom Autozug aus, wenn sie mit der Bahn nach Sylt fahren. Im Vorbeifahren ist auch das heimliche Wahrzeichen des Ortes zu sehen: Der historische Wasserturm am Niebüller Bahnhof. Dieser ist nach aufwendiger Restaurierung nun für jeden zu buchen – als Ein-Zimmer-Hotel. Ein Beispiel für die Aufbruchstimmung in Niebüll. Denn das schlafende Kleinstadtidyll soll touristisch wachgeküsst werden.

Bahnfans haben den Wasserturm bereits für sich entdeckt. Im August eröffnet, haben schon zahlreiche Touristen dort übernachtet. So steht im Gästebuch: „Als Bahn-Fans finden wir es ausgesprochen toll, dass bestehende Bauwerke so eine neue Nutzung erfahren“, schreibt Familie Rose aus Thüringen. Da stört es kaum, dass der Hotelgast früh morgens von der Ansage rund zehn Meter weiter unten am Bahnsteig geweckt wird. Das Bahnhofsgebäude, die Gleise und Bahnsteige, die Züge – das ist alles vom Turmzimmer aus acht riesigen Fenstern zu sehen.

Niebüll ist Hotspot für Eisenbahnfreunde

Beinahe wäre dieses Kleinod abgerissen worden. Doch ein Bauunternehmer richtete gemeinsam mit der Kreishandwerkerschaft Nordfriesland-Nord und den Auszubildenden den Turm wieder her. Im Sommer 2012 begannen die Arbeiten, die teilweise kompliziert waren – wie der Abbau des Turmkopfes, der Ausbau des Wasserbehälters oder das Einbringen der Zwischendecken und das Aufsetzen der 25 Tonnen schweren Kopfplatte. Ein Jahr später war Richtfest und niemand wusste, wie es mit dem Wasserturm weitergehen sollte. Er drohte wieder zu verfallen.

Der Sylter Architekt Henning Lehmann und der Sylter Unternehmer Öger Akgün erfuhren davon, kauften den Turm und wandelten ihn in ein Hotel um. „Industriearchitektur hat mich immer gereizt. Das Schmuckstück hat man immer im Auge, wenn man in Richtung Sylt fährt“, sagt Lehmann. Boy Oldigs vom Hotel Insel Pension vermietet das Ein-Zimmer-Hotel. Und die Vermietung läuft gut. Denn Niebüll ist ein Treffpunkt für Eisenbahnfreunde. „Die stehen an den Gleisen mit Schaffnermütze und Kelle“, sagt Boy Oldigs. Verschiedene Eisenbahngesellschaften steuern den Bahnhof Niebüll an – darunter die Deutsche Bahn, die NEG. Der Bahnhof ist Eisenbahnknoten und verbindet die Marschbahn Westerland-Hamburg mit der neg-Strecke nach Dagebüll. Auch Züge nach Dänemark starten und enden hier.

In der Stadt herrscht Aufbruchstimmung

„Es ist spannend für Eisenbahnfans, die alten Dieselloks zu beobachten. Auch der Güterverkehr nach Dänemark mit kleinen Triebwagen läuft über Niebüll“, sagt Peter Schumann, Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt und Wirtschaft in Niebüll. Von dem restaurierten Wasserturm verspricht sich die Gemeinde, für die Touristen spannender zu werden. „Das ist natürlich eine Attraktion und ein Blickfang“, sagt Peter Schumann. Schon jetzt nutzen Urlauber die günstige Lage Niebülls. „Sie wohnen hier und machen Tagesausflüge nach Sylt, Amrum und Föhr, zu den Halligen, nach Flensburg, Dänemark und Glückstadt“, sagt Hotelier Boy Oldigs.

In der 10.000-Einwohner-Stadt herrscht Aufbruchstimmung, noch allerdings eher friesisch zurückhaltend. „Unsere Gäste finden die Stadt ,hyygelig‘, also gemütlich. Wenn auch klein, ist Niebüll eine prima Einkaufsstadt. Es gibt alles, richtige Schlachter zum Beispiel, und die Wege sind kurz. Das ist für Großstädter manchmal ganz angenehm“, sagt Holger Heinke vom Stadtmarketing Niebüll.

Zentraler Stellplatz für Ausflüge

Mit dem Ausbau der Ferienhaussiedlung im benachbarten Dagebüll hoffen auch die Verantwortlichen in Niebüll, von den Gästen zu profitieren. Die Übernachtungszahlen steigen nur langsam an und lagen vor zwei Jahren bei 70.000 im Jahr. Der Fokus hier liegt bei den Tagesgästen. Eine Analyse der touristischen Situation durch die AG Wirtschaft im Juli 2017 hat unter anderem ergeben, dass die Stadt Niebüll zwar über ein umfassendes Angebot verfügt, die Information und Kommunikation dieser Angebote jedoch schlecht ist. Anja Wollesen, Tourismus-Fachfrau, in der Analyse: „Niebüll muss seine touristischen Qualitäten stärker hervorheben.“

Holger Heinke vom Stadtmarketing versucht genau das und preist den Ort an: „Wir haben drei Museen, das Richard Haizmann Museum für Moderne Kunst, das Naturkundemuseum und das Friesenmuseum.“ Wohnmobilisten schätzen Niebüll als zentralen Stellplatz für Ausflüge. Und nun auch noch das vielleicht kleinste Ein-Zimmer-Hotel im Norden.

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