Suizid oder Mord?

Die letzten Rätsel um CDU-Politiker Uwe Barschel

Uwe Barschel bei
der „Ehrenwort“
Pressekonferenz,
auf der er alle
gegen ihn erhobenen
Vorwürfe von
sich weist

Uwe Barschel bei der „Ehrenwort“ Pressekonferenz, auf der er alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe von sich weist

Foto: Gunnar Brumshagen

Vor 30 Jahren starb Barschel. Obwohl die meisten Rechtsmediziner Suizid für erwiesen halten, bleibt die Familie dabei: Es war Mord.

Hamburg. Der Tod ist das größte, finale Geheimnis. Was nach dem Eintritt des Todes kommt, wissen wir nicht. Manchmal aber sind auch die Umstände des Ablebens eines Menschen noch Jahrzehnte danach mysteriös. Wer wollte Kennedys Tod? Starb Marilyn Monroe wirklich durch eigene Hand? Auch einer der spektakulärsten Todesfälle, die Deutschland je erlebt hat, ist noch nicht vollständig geklärt – und wird es vielleicht nie sein: der des CDU-Politikers Uwe Barschel. Das Foto des toten Mannes, der bekleidet in der Badewanne eines Genfer Hotels lag, ging um die Welt. War es Suizid oder Mord? 30 Jahre sind seit dem Ableben des 43-Jährigen mittlerweile vergangen, und noch heute gibt es glühende Anhänger beider gegensätzlicher Theorien.

Lesung und Diskussion

Den Umständen eines Todes auf die Spur kommen: Das ist eine der Facetten seines Berufs, die Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel antreiben und faszinieren. Wie ist ein Mensch gestorben? Warum? Wie können wir auch den betroffenen Hinterbliebenen Gewissheit geben, was genau passiert ist? Der Direktor des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin ist an dem Fall so nah dran wie kaum ein anderer: Er hat Barschel seinerzeit zusammen mit seinem damaligen Chef Werner Janssen obduziert. „Die Fakten liegen auf dem Tisch: Sie werden bekanntlich sehr unterschiedlich interpretiert“, sagt Püschel heute. „Im Fall Barschel gibt es eine schier unendliche Diskussion über die äußeren Umstände und speziell die Frage nach der – selbst gewählten oder fremdbestimmten – Todesart. Meines Erachtens geht es da mehr um Interessen als um Objektivität. Den toten Dr. Barschel sollte man endgültig ruhen lassen.“

Wer könnte Barschels Tod gewollt haben?

Wer könnte Barschels Tod gewollt haben? So sehr, dass er vor einem Mord nicht zurückschreckt? Dem gescheiterten Kieler Ministerpräsidenten, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 1987 in Zimmer 317 des Genfer Hotels Beau-Rivage starb, werden viele politische und wirtschaftliche Aktivitäten, Interessen und auch Konflikte nachgesagt, die ihn in Gefahr hätten bringen können. Er könnte von der Stasi oder gewissen Iran-Contra-Verschwörern in eine Falle gelockt worden sein. Oder er wurde von einer international agierenden Gruppe von Waffenhändlern, vom israelischen Geheimdienst Mossad oder der CDU gemeuchelt. Für all diese Theorien gibt es Anhänger und Ermittlungsvorgänge. Doch Püschel erteilt allen eine klare Absage.

„Die Art und Weise, wie der prominente Politiker zu Tode kam, entspricht nach meiner rechtsmedizinischen Erfahrung nicht der Vorgehensweise der Täter bei einem organisierten Verbrechen. Der Tod von Uwe Barschel folgt in seinem Szenarium eher dem Fahrplan von Suizidhilfeorganisationen, wie man dies aus deren Selbstdarstellung heraussuchen kann. Dafür finden sich viele Handlungsanweisungen, ich nenne das Kochrezepte, im Internet. Solche Fälle geschehen gerade in neuerer Zeit häufiger, weil Menschen beim selbst gewählten Ende einem Fahrplan folgen, wie er im Netz vorgegeben ist.“

Maximale Aufmerksamkeit

Uwe Barschel: Schon lange vor seinem mysteriösen Tod in einer Badewanne ist er eine Persönlichkeit gewesen, die maximale Aufmerksamkeit erregt hat. Selten steht der rasante Aufstieg eines Politikers seinem noch schnelleren Absturz gegenüber wie im Fall Barschel. Der 1944 geborene Mann mit den zwei Doktortiteln ist seit 1962 Mitglied der CDU und schon im Alter von 29 Jahren Fraktionschef im Kieler Landtag. Er ist mit einer entfernten Verwandten aus der Familie des Reichskanzlers Otto von Bismarck verheiratet, Vater von vier Kindern, ehrgeizig, konservativ, ehrenwert – kurz: Er gilt als Mustermann. So hat die Öffentlichkeit den studierten Juristen lange Zeit wahrgenommen. Einen Mann, den auch ein Flugzeugabsturz, den er als einziger von vier Menschen an Bord der Maschine schwer verletzt überlebt, nicht bremsen kann. Der nur wenige Wochen später einen anstrengenden Wahlkampf zur Landtagswahl bestreitet und als schleswig-holsteinischer Ministerpräsident mit seinen Ambitionen noch lange nicht am Ziel ist.

Wieso war Barschel nach Genf geflogen?

Und dann der dramatische Niedergang mit der „Barschel-Affäre“ oder dem „Waterkantgate“, wie der Skandal auch genannt wird. Ereignisse, die ganz Deutschland erschüttern. Kurz vor der Landtagswahl im September 1987 wird bekannt, dass das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in seiner nächsten Ausgabe eine sensationelle Story habe: Es werde über eine nach Magazin-Informationen von Barschel initiierte Verleumdungskampagne gegen seinen Herausforderer, den SPD-Mann Björn Engholm, berichtet. Unter der Überschrift „Barschels schmutzige Tricks“ heißt es dann, der Politiker habe versucht, Engholm zu bespitzeln, um ihn zu diskreditieren.

Die Nachricht wirkt sich verheerend auf das Wahlergebnis aus: Die CDU, die vier Jahre zuvor noch die absolute Mehrheit besaß, wird nur noch zweitstärkste Kraft hinter der SPD. Fünf Tage später, am 18. September, gibt Barschel auf einer Pressekonferenz das berühmte Statement ab: „Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holstein und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! –, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“ Doch dieser Schwur kann ihn nicht retten: Wegen des zunehmenden Drucks aus seiner Partei tritt Barschel schließlich am 2. Oktober 1987 als Ministerpräsident zurück. Neun Tage später dann die Schlagzeile, dass der 43-Jährige unter mysteriösen Umständen gestorben ist.

Polizei beginnt mit ihren Ermittlungen

Ein Reporter des „Sterns“, Sebastian Knauer, der Barschel zusammen mit dem Fotografen Hanns-Jörg Anders interviewen wollte, hat den Politiker tot und vollständig bekleidet in der Badewanne des Zimmers 317 im Hotel Beau-Rivage in Genf entdeckt. Der Mund knapp oberhalb des Wasserspiegels, die rechte Kopfseite an ein zusammengerolltes Handtuch angelehnt, der zweite Knopf des Oberhemdes abgerissen, an den Händen Waschhautbildung als Zeichen eines längeren Aufenthalts im Wasser. Knauer schießt das Foto des toten Barschel, das um die Welt geht. Die Polizei beginnt mit ihren Ermittlungen.

Wieso war Barschel überhaupt in Genf? Nach seinem Rücktritt war er mit seiner Frau zunächst nach Gran Canaria gereist. Von dort buchte er einen Flug für sich allein in die Schweiz. Laut seiner Witwe Freya Barschel wollte er dort einen Informanten treffen, von dem er sich Entlastungsmaterial und wichtige Fotos in der Bespitzelungsaffäre erhofft habe. Einem Chefermittler, der später die Todesumstände untersucht, erscheint diese Erklärung zwar nicht ausgeschlossen. Genauso gut sei aber möglich, so Generalstaatsanwalt Erhard Rex, dass Barschel schon seinen Suizid geplant habe. Sicher ist, dass er an jenem Abend aus seinem Hotelzimmer mehrere Telefonate führt. Und fest steht auch, dass er sich eine Flasche Rotwein bestellt, die ihm ein Kellner wenig später aufs Zimmer bringt. Danach hat niemand mehr Barschel lebendig gesehen.

Die Nachricht vom Tod des Politikers schlägt wie eine Bombe ein. Es gibt Eilmeldungen der Agenturen, Radiosender unterbrechen ihr Programm, um die Neuigkeit zu verbreiten.

„Ich erinnere mich noch genau, dass wir als Team der Gerichtsmedizin damals auf der Rückkehr von einer Sektion im schleswig-holsteinischen Heide nach Hamburg waren“, erzählt Püschel. „Wir hatten eine junge Frau obduziert, die unter mysteriösen Umständen in einer psychiatrischen Klinik verstorben war. Wir diskutierten noch über ärztliche Fehldiagnosen und die Fehldeutung der äußeren Umstände eines Krankheitsgeschehens. Da hörten wir die Nachricht, dass Uwe Barschel in der Schweiz erschossen und tot in einem Hotel aufgefunden wurde. Das war wirklich die erste Meldung. Im Verlauf der nächsten Stunde gab es dann eine starke Abwandlung der Ausgangsnachricht. Die Rede war jetzt vom Ertrinken in der Badewanne.

Die Bücher

Zusammen mit meinen akademischen Lehrern Prof. Werner Janssen und Prof. Bernd Brinkmann habe ich schon sehr häufig über die äußeren Umstände eines Todes philosophiert. Gemeint ist die Auffindesituation eines Leichnams, die eine erste Blickdiagnose nahelegt, die allerdings völlig falsch sein kann. Denn die äußeren Umstände sind manipulierbar, der Täter oder auch ein Zeuge oder hinzukommende Personen können die Situation verändern.

Und möglicherweise versucht auch das Opfer selbst, eine falsche Spur zu legen. Zum Beispiel wird mit einem Verkehrsunfall ein Suizid vertuscht, um etwa eine Versicherungssumme zu erlangen. Oder es wird ein erhängter Suizident aus dem Strick genommen, der Strick abgenommen und der Leichnam ins Bett gelegt. Die Strangmarke am Hals kann man noch durch eine Kinnbinde verdecken. Und der Leichenschauarzt vermutet dann einen natürlichen Tod.“

Im Fall Barschel wird über einen natürlichen Tod indes nicht spekuliert. Suizid oder Mord, das sind nach Überzeugung aller die einzig wahrscheinlichen Alternativen. Die in Deutschland zuständige Staatsanwaltschaft Lübeck überlässt das Ermittlungsverfahren zunächst den Schweizer Behörden. Bei den polizeilichen Untersuchungen gibt es jedoch Pannen. So stellt die Schweizer Polizei im Hotelzimmer Verpackungen von Medikamenten sicher, die später jedoch unauffindbar sind. Vermutlich wurden sie von den Ermittlern versehentlich entsorgt.

Insgesamt acht Medikamente gefunden

Zudem stellt sich die polizeiliche Kamera, mit der der Tatort fotografiert wurde, im Nachhinein als defekt heraus. Die Folge: Alle Bilder sind unscharf. Die einzigen verwertbaren Fotos, die es nun noch vom ursprünglichen Zustand des Leichnams und des Hotelzimmers gibt, sind die, die der Reporter des „Sterns“ geschossen hat.

Doch diese Bilder sind nicht weniger aufschlussreich. Sie zeigen unter anderem, dass der Kopf des Politikers oberhalb der Wasseroberfläche ruht. Dass Barschel nicht etwa ertrunken, sondern durch einen Medikamenten-Cocktail zu Tode gekommen ist, bestätigt sich bei der Sektion, die Schweizer Experten vornehmen.

Bei Barschel werden insgesamt acht Medikamente gefunden. Unter diesen befinden sich das Barbiturat Cyclobarbital, ferner ein Schlafmittel, dazu Diazepam und ein stark sedierendes Antihistaminikum, also ein Mittel, das Übelkeit und Brechreiz verhindern soll. Die Genfer Staatsanwaltschaft geht im Ergebnis davon aus, dass Barschel, der zudem seit 1980 in offenbar immer stärkeren Dosierungen das Beruhigungsmittel Tavor konsumiert hat, alle diese Mittel selbst eingenommen hat. Anschließend, so die Überzeugung der Schweizer Ermittler, hat sich der Politiker bekleidet in die gefüllte Badewanne gelegt, ist dort eingeschlafen und schließlich, nach mehreren Stunden im Wasser, an den stark überdosierten Schlafmitteln gestorben. Im Ergebnis also ein Suizid.

Suizidfälle in der Badewanne häuften sich

„Die Berichterstattung in den Medien hatte die übliche negative Konsequenz, dass sich in der Folgezeit Suizidfälle in der Badewanne häuften“, erzählt Püschel. „Über dieses Phänomen habe ich damals eine Doktorarbeit anfertigen lassen. Dabei wurde zum Beispiel überprüft, ob der Auffinde-Ort Badewanne rein statistisch eher für Suizid oder Fremdtötung spricht. Das Ergebnis war ganz eindeutig: In Badewannen werden hauptsächlich Selbstmörder oder plötzliche Todesfälle aus innerer Ursache gefunden. Das sagt natürlich noch nichts darüber aus, wie es im Fall Barschel war.

Selbstverständlich gibt es auch Opfer von Tötungsdelikten, die in der Badewanne entdeckt werden, gelegentlich sind sie auch nur dort abgelegt worden. Geprüft haben wir unter anderem, ob die Tatsache, dass eine Person bekleidet in der Wanne gefunden wird, ein Hinweis darauf ist, dass Gewalteinwirkung von fremder Hand vorliegt, oder ob eventuell auch Suizidenten bekleidet ins Wasser gehen. Die Antwort war ganz eindeutig: Findet man in gefüllter Wanne eine bekleidete oder teilbekleidete Person, dann spricht dies eher für ein suizidales Geschehen. Ich interpretiere das so, dass Menschen mit Selbstmordabsichten offensichtlich nicht gern entblößt gefunden werden.“

Untersuchungsergebnis hin, Studie her: Jedenfalls sind Barschels Witwe Freya und sein Bruder Eike überzeugt, dass die Schlussfolgerung, es handele sich bei Uwe Barschel um Suizid, nicht stimmen könne. Sie wollen „weiterhin nach der Wahrheit forschen“, wie sie betonen. „Die Familie wollte nach Bekanntwerden der Schweizer Ergebnisse unbedingt eine zweite wissenschaftliche Meinung einholen und die Grundlage dafür durch eine Nachsektion schaffen, also eine zweite Leichenöffnung“, so Püschel. „Die Frage war, welche Experten über besonders umfangreiche Erfahrungen mit solchen Nachsektionen und Nachbegutachtungen verfügen.

Die Wahl fiel auf Prof. Werner Janssen in Hamburg, der sich schon wiederholt als Mann für diffizile Fälle herausgestellt hatte, etwa bei Untersuchungen im Zusammenhang mit der Baader-Meinhof-Gruppe und mit Todesfällen an der innerdeutschen Grenze. Der Leichnam von Uwe Barschel wurde aus der Schweiz ins Institut für Rechtsmedizin am UKE gebracht. Dann haben wir, das heißt Janssen, der Toxikologe Achim Schmoldt und ich als Oberarzt, die Nachsektion durchgeführt. Als spezielle Vertrauensperson der Familie Barschel war ein weiterer Rechtsmediziner aus Kiel dabei.“

Sektion verlief gründlicher als üblich

Sie seien damals „ein sehr gutes Team gewesen“, hebt Püschel hervor. „Institutsleiter Janssen galt als der richtige Mann für schwierige Fälle. Mein Kollege Schmoldt war seinerzeit für mich der beste Toxikologe überhaupt. Und ich selbst habe als leitender Oberarzt alle Untersuchungsmaßnahmen koordiniert und dokumentiert.“ Wie muss man sich eine derartige Nachsektion vorstellen? Nach dem Abschluss der Leichenöffnung werden die inneren Organe in den Körper zurückgegeben, abgesehen von all jenen Gewebeteilen und Körperflüssigkeiten, die für weiterführende mikroskopische und chemisch-toxikologische, möglicherweise auch ­DNA-technische und sonstige molekular-biologische oder biochemische Untersuchungen noch benötigt werden.

„Im Fall von Barschel hatten die Schweizer Rechtsmediziner Material für derartige Untersuchungen zurückbehalten. Nicht benötigte Rückstellproben haben sie für die Untersuchungen in Hamburg zur Verfügung gestellt. Die Schweizer hatten eine routinemäßige Sektion mit den vorgeschriebenen Untersuchungen aller innerer Organe durchgeführt. Das Untersuchungsausmaß haben wir im Rahmen der Nachsektion erheblich ausgedehnt. Eine Obduktion dauert üblicherweise zwei bis drei Stunden. Hier haben wir mehr als doppelt so lang gebraucht. Unter anderem lang das daran, dass wir sehr umfangreiche Untersuchungen im Bereich Haut, Unterhautfettgewebe, Muskeln, Sehnen und Knochen vorgenommen haben. Wir sind quasi quadratzentimeterweise vorgegangen und haben gezielt nach möglichen Verletzungen wie Hämatomen oder auch Einstichstellen gesucht. Ich bin mir sicher, dass uns auch nicht die kleinste Verletzung entgangen ist.

Medikamenten-Cocktail nachgewiesen

Auch die Untersuchung der Organe hat länger gedauert als üblich. Zunächst mussten wir die Arbeit der Schweizer Rechtsmediziner nachvollziehen und dann weitere detaillierte Untersuchungen etwa in toxikologischer Hinsicht vornehmen. So haben wir zum Beispiel Flüssigkeit aus dem Wirbelkanal gesichert, weil es darum ging, nicht nur in den Organen, sondern auch in den Körperflüssigkeiten etwaige chemische Substanzen nachzuweisen. Alle Vorgänge wurden zudem sehr ausführlich protokolliert und fotografiert, was auch viel Zeit in Anspruch genommen hat.“

Bei Barschel wird erneut ein ganzer Medikamenten-Cocktail nachgewiesen, einerseits Psychopharmaka, andererseits auch weitere Substanzen in tödlicher oder potenziell tödlicher Konzen­tration. Ein sehr langes Protokoll – Ergebnis der neuerlichen Untersuchung des Leichnams in Hamburg – ergibt, dass zweifelsfrei „todesursächlich“ das Schlafmittel Cyclobarbital und die Beruhigungstabletten Pyrithyldion gewesen sind. Prof. Püschel: „Der Brechreizhemmer Diphenhydramin und das Neuroleptikum Perazin haben die Wirkung verstärkt. Eine versehentliche Überdosierung bei einem bewusstseinsklaren Menschen ist angesichts der nachgewiesenen Substanzmengen nicht denkbar; ebenso unwahrscheinlich ist die Möglichkeit einer unbemerkten Beibringung.“

Die Auffindesituation in der Badewanne sei zudem vereinbar mit diesbezüglichen Hinweisen von Sterbehilfeorganisationen, die eine gestaffelte Medikamenteneinnahme vorschlagen: erst ein Mittel zur Entspannung und zum Verhindern eines Erbrechens, dann die tödliche Substanz. „Darüber hinaus waren ausdrücklich kombinierte Einwirkungen beschrieben, um sicherzugehen. Dazu gehört insbesondere, sich in die mit Wasser gefüllte Badewanne zu legen, um zusätzlich einen Ertrinkungsvorgang herbeizuführen. Zum Untersinken des Körpers von Barschel ist es allerdings nicht gekommen. Man sieht auf dem Foto, dass die Atemöffnungen über der Wasseroberfläche liegen. Ertrinkungsbefunde wurden nicht erhoben. Uwe Barschel hat noch stundenlang im Wasser gelegen. Er hat im komatösen Zustand, gewissermaßen im Sterben, noch eine Bronchitis und eine beginnende Lungenentzündung entwickelt.“

Hatte Stasi oder Mossad die Finger im Spiel?

Das Ergebnis dieser ausgesprochen gründlichen Untersuchung, detailliert aufgeführt auf 55 Seiten, teilen die Hamburger Experten ausschließlich der Familie Barschel mit. Die Untersuchungsbefunde und Schlussfolgerungen der Hamburger Rechtsmedizin werden später – „sicher nicht von uns“, betont Püschel – zuerst scheibchenweise in verschiedenen Medien und dann auch zusammenhängend öffentlich gemacht: zum Beispiel in einer Dokumentation des Generalstaatsanwalts von Schleswig-Holstein, Erhard Rex, und in einem Buch des Leiters der Lübecker Staatsanwaltschaft und Chefermittlers in Sachen Uwe Barschel, Heinrich Wille.

Doch auch schon lange vor dem Erscheinen dieser Veröffentlichungen sind Erkenntnisse aus der Hamburger Expertise lanciert worden, mit denen Vertreter der Mordtheorie ihren Standpunkt zu untermauern versuchen: Bei der Nachobduktion seien zum Beispiel „zwei weitere Hämatome entdeckt worden, am Hinterkopf und am Rücken Barschels“. Unterschiedliche Autoren schreiben daraufhin, die Verletzungen seien „Zeichen ­äußerer, unnatürlicher Gewalteinwirkungen“, zum Beispiel mit einem Sandsack, und führten zur Bewusstlosigkeit des Politikers durch Schläge auf den Kopf. Die Schweizer Mediziner hätten diese Verletzungen übersehen und folglich geschlampt.

Unterstützung für Befürworter der Mordthese

„Aus unserem Gutachten geht ganz klar hervor, dass diese Verletzungen erst nach dem Tod entstanden sind, durch die Präparation sowie bei der anschließenden Lagerung und beim Transport des Leichnams“, erläutert Püschel. „Wir haben das bekannt gegeben, um wilden Spekulationen entgegenzuwirken, und haben damit nur eindeutige Fehlinterpretation und Falschmeldungen zurechtgerückt. Die ursprüngliche Veröffentlichung der Ergebnisse kam definitiv nicht von unserer Seite.“

Gleichwohl bekommen die Befürworter der Mordthese Unterstützung. Sie haben schon lange Zweifel an der Version, dass es ein Suizid war, vor allem, weil es am Tatort eine unklare Spurenlage gab. So ist unter anderem nach dem Tod des Politikers die Flasche Wein unauffindbar, die Barschel noch am Abend beim Zimmerservice bestellt hat. Zudem wird im Flur des Hotelzimmers ein ausgerissener Hemdknopf gefunden, mit Garn in allen vier Knopflöchern. Auch die Position von Barschels Schuhen, die in getrennten Räumen stehen, einer geschnürt, einer nass und offen, erscheint auffällig. Und schließlich wird bei der Obduktion der Leiche ein Hämatom auf der rechten Stirnseite festgestellt, von dem es heißt, es könnte durch Gewaltanwendung entstanden sein.

Plausible Erklärungen

Ein Schweizer Gutachter weist jedoch darauf hin, dass Ursache für diese oberflächliche Verletzung am Kopf Barschels ein Krampf während des Komas gewesen sein könnte. Und auch für alle anderen angeblichen Ungereimtheiten gibt es nach Überzeugung von erfahrenen Ermittlern plausible Erklärungen, die jedenfalls nicht gegen Suizid sprechen. Auch mögliche Motive für einen Freitod im Sinne von Ehrverlust, verlorenem Einfluss und Ansehen erscheinen diesbezüglich befragten Psychiatern und Suizidforschern denkbar.

Befürworter der Mordthese hingegen verweisen auf Gerüchte, nach denen Barschel komplizierte Geschäftsbeziehungen in den Nahen oder Mittleren Osten unterhalten und auch im Waffenhandel mit dem Iran eine Rolle gespielt habe. Ein ehemaliger Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad hat behauptet, Barschel sei Opfer eines Mossad-Tötungskommandos gewesen. Und wieder andere haben wegen zahlreicher Reisen des Politikers in die damalige DDR spekuliert, er könnte sich die Stasi zum Feind gemacht haben – was allerdings nicht belegt wird.

Dennoch nährt der reichliche Medikamenten-Cocktail, der in Barschels Magen, Blut und Urin nachgewiesen worden ist, die Spekulationen, östliche Geheimdienste könnten seinen Tod mit verursacht haben. Denn eines der Präparate gab es seit Jahren nicht mehr in Westeuropa zu kaufen. Doch Barschel ist, wie Ermittlungen unter anderem über die letzten Tage seines Lebens ergeben, durchaus kreativ darin gewesen, sich stattliche Mengen von Medikamenten zu verschaffen. Er hat schon lange diverse Beruhigungs- und Schlafmittel konsumiert, unter anderem offenbar immer stärkere Dosierungen von Tavor, einem Medikament mit angstlösender und sedierender Wirkung.

Der dramatische Flugzeugabsturz in Lübeck wenige Monate vor seinem Tod mag diesen erheblichen Konsum verstärkt haben. Auch an dieser Medikamentensucht liegt es, dass unterschiedliche Theorien von Wissenschaftlern über die Reihenfolge und zeitlichen Unterschiede, in denen die einzelnen Präparate eingenommen wurden, zu Diskussionen führen. „Ein Mensch, der regelmäßig hohe Dosen an Tranquilizern konsumiert hat“, so Püschel, „stirbt anders.“

Und so wird ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen des Verdachts des Mordes an Barschel, das 1993 auf Betreiben der Barschel-Familie eröffnet worden ist, fünf Jahre später schließlich eingestellt. Die Begründung vonseiten der Staatsanwaltschaft: „Erfolg versprechende Ermittlungsansätze wurden nicht mehr gesehen.“

Es bleibt eine Grauzone

Bis dahin haben sich neben den Schweizer Rechtsmedizinern und dem Hamburger Team um Janssen und Püschel noch weitere rechtsmedizinische Experten des Falles angenommen. Zweifel am Selbstmord Barschels werden insbesondere vom Zürcher Toxikologen Prof. Hans Bran­den­berger geäußert, den die Familie Barschel mit einer weiteren Begutachtung betraut hat. Der Experte hat alle Untersuchungsergebnisse und die restlichen Asservate zur Verfügung gestellt bekommen. Die nachgewiesenen Drogenkonzentrationen hat Brandenberger bestätigt.

„Von Prof. Brandenberger wurde allerdings geäußert, eine der nachgewiesenen tödlichen Drogen, Cyclobarbital, ein stark wirksames Schlafmittel aus der Gruppe der Barbiturate, sei zeitlich gesehen erst deutlich später eingenommen worden als die anderen Substanzen“, erläutert Püschel. „Seiner Meinung nach konnte man die Konzentrationsverhältnisse nur erklären, wenn diese Substanz nachträglich aufgenommen wurde, zeitlich deutlich abgesetzt von anderen Substanzen, die da schon weitgehend resorbiert waren. Prof. Brandenberger behauptete, Uwe Barschel müsse da schon bewusstlos gewesen sein, und schlussfolgerte, man habe dem Bewusstlosen das letztlich tödliche Gift nachträglich mittels Magensonde zugeführt. Wobei es von den Sektionsbefunden her keine Anhaltspunkte gab, dass bei Barschel jemals eine Magensonde gelegt wurde. Da haben andere von uns beschriebene Magenschleimhautveränderungen willkürlich und ohne Sachverstand fehlinterpretiert.“

Sektion dauerte sechs bis acht Stunden

Nach Überzeugung der anderen hiermit befassten Toxikologen aus Genf, Hamburg, aus Lübeck und München können die Konzentrationsverhältnisse der nachgewiesenen Substanzen im Blut, im Mageninhalt und im Urin durchaus auch so erklärt werden, dass Barschel die Einnahme selbst zeitlich gestaffelt vorgenommen hat – wie von Sterbehilfeorganisationen empfohlen.

Prof. Werner Janssen hat das später folgendermaßen beschrieben: „Es war Suizid“, sagte Janssen in der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Für eine andere Annahme gab es keine Anhaltspunkte.“ Die Sektion habe sechs bis acht Stunden gedauert, erinnert sich der heute 93-Jährige: „Dreimal so lange wie üblich.“ Aufgrund dieser Hinweise stellte Barschels Bruder Eike Strafanzeige gegen den Rechtsmediziner. Eike Barschel warf Janssen die Verletzung von Privatgeheimnissen beziehungsweise der ärztlichen Verschwiegenheitspflicht vor.

Die vielen detaillierten Untersuchungen werden von noch mehr Literatur ergänzt. Der Fotograf des berühmten Fotos, der damalige „Stern“-Reporter Knauer, hat Originaldokumente abgedruckt. Der damalige ermittelnde Oberstaatsanwalt Heinrich Wille gibt ebenfalls nach seinen eigenen Worten einen „präzisen detaillierten Bericht“ über die Untersuchung der Beweismittel als „Chefermittler“. Später veröffentlicht er das Buch „Ein Mord, der keiner sein durfte“.

Auch der Generalstaatsanwalt des Landes Schleswig-Holstein, Erhard Rex, hat in der Schriftenreihe des Generalstaatsanwalts eine ausführliche Dokumentation des Barschel-Verfahrens herausgegeben. Rex sagt dazu: „Mysteriöse Mordtheorien brechen bei nüchterner Betrachtung zusammen. Der Tod von Dr. Uwe Barschel bleibt rätselhaft. Es kommt auf Fakten an, keine Interpretationen.“ Mit dem Fall befasste Psychiater haben seinerzeit den Tod Uwe Barschels als klassischen Suizid eines gescheiterten, schwer narzisstischen Menschen in einer ausweglosen Situation bezeichnet.

Äußere Umstände sind manipulierbar

Doch an dem Fall Barschel scheiden sich bis heute die Geister. „Wie bei John F. Kennedy oder Marilyn Monroe gibt es immer wieder Todesfälle, bei denen der Tod auch noch nach Jahrzehnten in der Grauzone bleibt“, fasst Püschel zusammen. „Man überlegt, ob es neuere Untersuchungsmöglichkeiten geben kann, die Licht in das Dunkel bringen. Im Fall Barschel sehe ich dies nicht, weil keine Spuren oder Überreste vorhanden sind, die mit neueren Methoden noch gründlicher untersucht werden könnten.“

Und noch einer Sache ist sich Püschel sicher: „Für einen Rechtsmediziner zählen als eindeutige Beweismittel nur die Fakten, für mich persönlich vor allem die eigenen Sektionsergebnisse, mikroskopische Untersuchungsbefunde und Laboranalysen. Die sonstigen äußeren Umstände eines Falls sind manipulierbar und interpretierbar. Die Zeugenangaben aus dem persönlichen Nahbereich sind unter Umständen subjektiv gefärbt. Und sonstige Spekulationen, zum Beispiel über politische Verwicklungen, verwischen den Blick auf das wesentliche Ergebnis der Sektion und der toxikologischen Analytik.“