Kiel

Polizei fasst Marzipan-Erpresser

38-jähriger Kieler war seit Freitag observiert worden. Er hat möglicherweise psychische Probleme

Kiel. Er ist der erste Erpresser in Deutschland, der nicht Bargeld verlangt hat, sondern Bitcoins – also virtuelles, im Internet einsetzbares Geld. Die Kieler Polizei hat dem „Marzipan-Erpresser“ nun das Handwerk gelegt. Am Montagfrüh um 4 Uhr wurde er verhaftet. Der 38-Jährige war seit Freitag observiert worden. Am Sonntagabend beobachteten Beamte, dass er eine Brotdose an einer Bushaltestelle ablegte. Die Haltestelle befand sich in der Nähe einer Schule; der Inhalt der Dose war mit einem Insektizid verunreinigt. Daraufhin erfolgte der Zugriff.

Der Mann soll versucht haben, von der in Kiel ansässigen Zentrale der Supermarktkette Coop drei Millionen Euro in Bitcoins zu erpressen. Nach Angaben der Polizei hat der Mann möglicherweise psychische Probleme. Er soll in den Jahren 2009 und 2010 insgesamt 14 Monate in chinesischer Haft gesessen haben. Gemeinsam mit seinen Eltern soll er eine Webseite betreiben, mit der er sich für Deutsche einsetzt, die im Ausland in Haft geraten sind.

Der Erpressungsversuch hatte in der vergangenen Woche begonnen, und er war chaotisch und verwirrend verlaufen. Der Leitende Polizeidirektor Joachim Gutt sagte am Montag bei einer Pressekonferenz in Kiel: „Für die Tatbegehung hatten wir kein Muster. Das war alles sehr atypisch.“ Am Dienstagmorgen ging in einer Grundschule unweit des schleswig-holsteinischen Landtags eine Mail ein. Man habe verunreinigte Lebensmittel ausgelegt, hieß es in dem Schreiben. Die Polizei fand in der Tat mehrere Marzipanherzen auf dem Schulgrundstück. Eine toxikologische Untersuchung ergab, dass die Herzen vergiftet waren. Es handelte sich um ein Insektizid – ein Stoff, der für Menschen nicht lebensgefährlich ist, aber zu gesundheitlichen Beschwerden hätte führen können. Deshalb erging an alle Schüler die Aufforderung, keine im Freien herumliegenden Lebensmittel aufzuheben oder gar zu essen. Unklar blieb, warum Marzipanherzen auf einem Schulhof die Firma Coop dazu bringen sollten, Geld zu zahlen.

Der Erpresser, der unter einer Mail­adresse mit dem Begriff „coopwillpay“ (Coop wird bezahlen) agierte, machte am Freitag weiter – und stieg von Marzipanherzen auf Explosivstoffe um. An drei Schulen in Kiel werde es Detonationen geben, schrieb er. Die Schulen wurden daraufhin von der Polizei geräumt und gründlich durchsucht. Gefunden wurde nichts.

Kieler Eltern reagierten dennoch mit Sorge auf die Drohungen des Attentäters. Einige behielten ihre Kinder vorsorglich zu Hause. Die Polizeiarbeit lief derweil auf Hochtouren. Das Landeskriminalamt hatte Kollegen zu einer umfangreichen Ermittlungsgruppe zusammengezogen, die dem „Marzipan-Erpresser“ auf die Schliche kommen sollte. Entscheidend war am Ende die „Marzipan-Spur“, wie es Polizeidirektor Gutt formulierte. Die beiden Packungen mit den Herzen waren in einer bestimmten Sky-Filiale erworben worden. Die Auswertung der Überwachungskameras brachte dann erste Hinweise auf den 38-jährigen Kieler. Am Montag wurde er festgenommen, zeitgleich wurde eine weitere Wohnung durchsucht. Dabei soll es sich um die Wohnung der Eltern des Tatverdächtigen gehandelt haben. Dort wurden verschiedene Gegenstände sichergestellt.

In der Landeshauptstadt machte sich nach der Nachricht von der Verhaftung des mutmaßlichen Täters Erleichterung breit. Die Kieler Stadtspitze lobte die Arbeit des Landeskriminalamtes. „Die Polizei hat mit großer Tatkraft ermittelt und wurde belohnt“, sagte Bürgermeister Peter Todeskino. Schuldezernentin Renate Treutel ergänzte: „Es ist gut zu wissen, dass der Tatverdächtige in Gewahrsam ist.“

Auch bei der Polizei war man erleichtert. „Wir sind außerordentlich froh, den Verdächtigen so schnell festgenommen zu haben“, sagte Rolfpeter Ott, der Chef der Kieler Kriminalpolizei. Der Mann habe „die Angst von Kindern und Eltern instrumentalisiert“. Zum Motiv habe er sich nicht geäußert. „Er schweigt“, so Ott. Der 38-Jährige werde nun dem Haftrichter vorgeführt.

„Ohne die Marzipanspur hätten wir wohl immer noch im Nebel gestochert“, sagte Polizeidirektor Joachim Gutt am Ende der Pressekonferenz. „Das war ein guter Krimi. Weil die Gerechtigkeit gesiegt hat.“