Wedel

Ein Elbidyll im Umbruch

Der Yachthafen von Wedel mit dem
Heizkraftwerk hinten

Der Yachthafen von Wedel mit dem Heizkraftwerk hinten

Foto: Marcus Brandt / dpa

Wedelist traditionsbewusst und modern zugleich – und der Ort will kräftig wachsen: 800 neue Wohnungen könnten entstehen. Seine Bürger schätzen nicht nur Beschaulichkeit, Freizeit- und Kulturangebote. Sondern vor allem die außergewöhnliche Lage an der Elbe.

Es gibt einen Ort in Wedel, den kennt in der Stadt wohl jeder. Willkomm-Höft genießt aber auch über Stadt- und Landesgrenzen hinaus Bekanntheit. Denn vor mehr als 60 Jahren in­stallierte der Wedeler Otto Friedrich Behnke hier eine ganz besondere Anlage. Seitdem werden in Wedel Schiffe begrüßt. Das bedeutet: Containerriesen und Kreuzfahrern, die den Hamburger Hafen ansteuern oder verlassen, wird in Wedel ein Begrüßungs- oder Abschiedsgruß entgegengeschmettert – samt Nationalhymne und Flaggensignal. Besucher des neuen Wedeler Anlegers oder des angrenzenden Schulauer Fährhauses erfahren über Lautsprecher etwas über die Schiffe, deren Ziel, Ladung, Baujahr und Nationalität.

Herzlich, weltoffen, international, traditionsbewusst, gleichzeitig modern und doch irgendwie ein wenig verschroben und gediegen: So ist das Fährhaus, so ist Wedel. Wer die historische Gaststätte an der Elbe lange nicht gesehen hat, wird sie kaum wiedererkennen. Genauso wie die Stadt. Das Schu­lauer Fährhaus hat einen neuen Pächter und wurde zudem einer Rundum­-sanierung unterzogen. Auch in der Kleinstadt selbst tut sich einiges. Überall stehen Kräne, an vielen Ecken wird gebaut. Neue Wohnblocks, eine neue Schulmensa, ein neuer Hafen und neuer Businesspark: Wedel ist im Umbruch, manche sagen: im Aufwind.

Sven Nagel und Holger Kwiatkowski sind da skeptischer – und das, obwohl sie an Wedels begehrter Seite arbeiten und sogar wohnen dürfen. Jeden Tag haben die Wedeler die Elbe im Blick, ihnen weht frischer Wind um die Nase. Denn die beiden sind als Hafenwarte für den Yachthafen tätig. Der heißt zwar Hamburger Yachthafen, weil die Hansestadt das Gelände einst für die Umsiedlung der Schiffer kaufte, er liegt aber am Wedeler Deich und ist mit seinem fast 2000 Liegeplätzen und 50 Vereinen der größte tideunabhängige Sportboothafen in Nordeuropa.

Er bietet aber auch Nagel und Kwiatkowski ein Zuhause. Denn sie leben in Gebäuden auf dem weitläufigen Gelände. Wedel ist seit Jahrzehnten ihre Heimat. „Das Schöne an Wedel ist das Kleinstadtflair. Hier ist es viel ruhiger als in Hamburg. Zumindest noch“, sagt Kwiatkowski. Er beobachtet die derzeitigen Entwicklungen kritisch. Der 51-Jährige fürchtet um die Atmosphäre seiner Heimatstadt, die sich derzeit so schnell verändere. Viele alte Häuser seien Neubauten gewichen. „Wedel verliert sein Gesicht“, sagt Kwiatkowski. Der 43-jährige Nagel, dessen Vater schon Hafenwart in Wedel war, nickt. Viele, denen Blankenese und Rissen zu teuer werden, ziehe es nach Wedel. „Es wird immer anonymer, größer und kühler“, sagt Nagel.

Dabei gibt es Pläne, dass Wedel noch deutlich mehr wachsen soll. Im Norden der Stadt könnten auf 58 Hektar Baumschulland 800 neue Wohneinheiten für 2000 Bewohner entstehen. Die Eigentümer haben sich zu einer Verkaufsgemeinschaft zusammengeschlossen, einen Ideenwettbewerb gab es bereits. Doch noch ist das Zukunftsmusik, genauso wie Hotelpläne am Hafen und Ansiedlungen von neuen Unternehmen im 18 Hektar großen Gewerbegebiet an der Landesgrenze.

Mögen Alteingesessene etwas kritisch mit ihrer Heimatstadt ins Gericht gehen, so erfreut sich Wedel bei Besuchern einiger Beliebtheit. Es gibt ein modernes Schwimmbad, einen BeachClub, eine Fachhochschule und zahlreiche kulturelle Anlaufpunkte wie das Ernst-Barlach-Museum, das Theater, das Reepschlägerhaus, das Stadtmuseum sowie das Theaterschiff „Batavia“. Von der S-Bahn-Station ist es ein Fußweg zum zentralen Einkaufsquartier und von dort nicht weit zum Mühlenteich und der beschaulichen Altstadt samt Kirche. Vor dieser hat die Stadt auch einer ihrer größten Persönlichkeiten, dem Dichter und Prediger Johann Rist, ein Denkmal gesetzt.

Doch der größte Pluspunkt Wedels ist die Lage an der Elbe. Spaziergänge auf dem Deich, ein Cocktail mit Blick aufs Wasser oder einfach im Sommer am Strandbad liegen und den Sonnenuntergang genießen: Das macht den wohl größten Charme des Ortes aus.