Gedenkstätte

Ein Stein erinnert an das KZ Wittmoor in Norderstedt

Die Gedenkstätte des KZ Wittmoor im Fuchsmoorweg in Norderstedt

Die Gedenkstätte des KZ Wittmoor im Fuchsmoorweg in Norderstedt

Foto: Helge Buttkereit

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Wir erzählen die Geschichte der Gedenkorte für die Opfer des Krieges im Kreis Segeberg.

Norderstedt. Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor.“ Dieses bekannte Lied der Moorsoldaten entstand 1933 im KZ. Zwar war es im Börgermoor im Emsland, aber das Lied hätte auch für das Wittmoor gepasst. Hier im heutigen Naturschutzgebiet, das über mehrere Wege zur Erholung durchwandert werden kann, mussten ab April 1933 die Gegner der Nationalsozialisten schuften. Denn an seinem Rande, dort wo heute der Baustoffhandel Beckmann und der Plaza-Baumarkt ihre Waren anbieten, entstand kurz nach der Machtübergabe an Adolf Hitler das Konzentrationslager Wittmoor.

Auf dem Gelände der Torffabrik, die im Zuge der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre geschlossen worden war, wurden bis zu 140 sogenannte Schutzhäftlinge festgehalten – überwiegend Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch Zeugen Jehovas, Transvestiten und Homosexuelle. Gebäude des ehemaligen Lagers gibt es heute nicht mehr. An der Segeberger Chaussee erinnern eine Stele und eine Tafel an die Geschichte des Geländes. Wer zur Gedenkstätte selbst möchte, der muss einige Hundert Meter in Richtung Hamburg dem Wegweiser am Fuchsmoorweg folgen und kommt nach einigen Hundert Metern an einen Feldweg. Von hier aus geht es zu Fuß weiter bis zum Gelände, auf dem seit 1987 am Rande des Moores dem KZ und seinen Insassen gedacht wird.

Gefürchtet waren vor allem die SA-Leute aus der Lüneburger Heide

Das Konzentrationslager im damaligen Dorf Glashütte, das zum Kreis Stormarn gehörte, wurde bereits im Oktober 1933 wieder aufgelöst. Dort werde „zu wenig geprügelt“, stellte der Hamburger Reichsstatthalter Karl Kaufmann nach einem Besuch im Lager im August 1933 fest. Das heißt allerdings nicht, dass es in diesem frühen Lager der Nazis human zuging. Gleichwohl galt es, so der Hamburger Schriftsteller Heinz Liepmann in einem 1933 veröffentlichten Bericht, „als eines der humansten Lager“. Insbesondere SA-Leute aus der Lüneburger Heide, die eine Zeitlang für die Bewachung der Häftlinge zuständig waren, haben aber nach Liepmanns Worten die Inhaftierten offen misshandelt. „Als sie abgelöst wurden, atmete das Lager auf. Zurück blieben Zerschlagene, Blutige, Verzweifelte, Verblödete“, schrieb er für die im Exil erscheinende Zeitung „Neue Weltbühne“. Der in seinem 1933 in Amsterdam erschienenen Roman „Das Vaterland“ häufig wiederholte Vers „Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Wittmoor kumm!“ macht klar, dass das Lager nur im Vergleich mit späterem Terror als „human“ bezeichnet werden kann.

Warum aber entstand das Lager und warum gerade in Glashütte? Nachdem am 27. Februar 1933 der Reichstag unter nicht endgültig geklärten Umständen brannte – gegen die These der Alleintäterschaft des später verurteilten Marinus van der Lubbe gibt es bis heute berechtigte Zweifel –, gingen die Nationalsozialisten verstärkt gegen ihre Gegner vor. Zudem wurde die Gleichschaltung der Behörden vorangetrieben, am 5. März 1933 wurde beispielsweise der SA-Standartenführer Alfred Richter zum Reichskommissar für die Hamburger Polizei ernannt. Die Zahl der verhafteten politischen Gegner stieg an, von März bis Mai 1933 auf 1750 Personen.

Wer Zeitung las, der wusste, was im KZ Wittmoor los war

Diese Schutzhäftlinge sollten umerzogen werden. In einem Bericht der „Hamburger Nachrichten“ vom 26. Mai 1933 über den Besuch von Alfred Richter im KZ Wittmoor heißt es: „Die volle Schwere des Gesetzes trifft alle, die sich erwiesenermaßen gegen den Staat vergingen. Daneben stehen aber die Ungezählten, die von dem kommunistischen Gift verseucht wurden und es weitertrugen, ohne dass sie krimineller Vergehen bezichtigt werden können. Hier gilt es zu retten, was noch zu retten ist.“ Nur kurz darauf titelt das „Hamburger Tageblatt“ einen Artikel über das Lager mit „Staatsfeinde werden erzogen“. Wer Zeitung las, wusste also, wo es langging.

Die Torffabrik kam vermutlich aus mehreren Gründen als Standort in Frage. Sie wurde bereits vor 1933 laut einem ehemaligen Häftling von der Hamburger SA als Kaserne für Übungszwecke genutzt, auch weil die Schleswig-Holsteiner den Nazis in größerer Zahl folgten als die Hamburger. Nach Aussage der historischen Quellen war es zudem 1933 geplant, in der Torf­fabrik ein Lager für den freiwilligen Arbeitsdienst zu errichten. Zunächst aber wurde beschlossen, „die Kommunisten dort unterzubringen“. Zuvor saßen die Schutzhäftlinge im Hamburger Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis ein, als es immer mehr wurden, entstand das Konzentrationslager Fuhlsbüttel (Kolafu) sowie eben das Lager im heutigen Norderstedt. Anfang April kamen die ersten 20 Gefangenen ins Lager, sie wurden von 14 Polizisten bewacht, später auch von SA-Männern.

Der junge Kommunist Helmuth Warncke gehörte zu den ersten Inhaftierten. Er beschrieb die Unterkunft später wie folgt: „Aus Baubohlen war ein langer Tisch zusammengenagelt worden, ebenso ein paar Holzbänke. Unterm Dach war ein primitiver Raum abgeteilt, in denen die Betten stockwerkweise so viel Platz einnahmen, dass wir Mühe hatten, in sie hineinzukommen.“ Die Häftlinge erkämpften gemeinsam mit ihren Angehörigen Besuchsrecht und protestierten ebenfalls erfolgreich gegen das schlechte Essen. Warncke, dessen Leidensweg im KZ Wittmoor begann und der später auch im Kolafu einsaß, berichtet in der Rückschau, dass so etwas später nicht mehr möglich gewesen wäre: „Wittmoor ist mit keinem der späteren großen Sammlungslager, Arbeits- und Vernichtungslager zu vergleichen.“ Man dürfe nicht pauschalisieren. Das Lagersystem zur Vernichtung des antifaschistischen Widerstands und des Judentums habe sich in einem Prozess entwickelt, „der mit der Errichtung von relativ harmlosen Schutzhaftlagern, wie Wittmoor es war, begann“. Die Vernichtungslager stellten dann den Endpunkt der Entwicklung dar.

Das Lager in Glashütte wurde bereits im Oktober 1933 geschlossen, bis zum November wurden aber noch etwa 30 Gefangene von Fuhlsbüttel aus ins Wittmoor zur Torfgewinnung gebracht. Die Polizeibehörde war gegenüber dem Pächter Verpflichtungen eingegangen, die noch zu erfüllen waren.

Die Geschichte des KZ blieb danach lange unbearbeitet. Anfang der 1980er-Jahre begann der Fachbereich Jugendbildung der VHS Norderstedt unter Leitung von Willy Klawe ein Projekt „Jugend unter dem Hakenkreuz“, in dessen Rahmen die Teilnehmer auf Dokumente zum KZ Wittmoor stießen. Durch historische Quellen und Zeitzeugengespräche näherten sie sich der Geschichte des Lagers, die 1987 schließlich in einem Buch dokumentiert wurde. Schon 1985 hatte die FDP-Fraktion im Norderstedter Stadtrat den ersten Antrag für eine Gedenktafel gestellt, die ihrer Ansicht nach an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern und in der Eingangshalle des Rathauses aufgestellt werden sollte.

Chaverim pflegt die Gedenkstätte und veranstaltet dort Gedenkfeiern

Im Januar 1987 entschloss sich der Kulturausschuss nach langen Beratungen und einem Vortrag von Klawe und seinen Mitstreitern, im Moor einen Stein aufzustellen. Auf ihm ist ein Teil der berühmten Rede abgedruckt, die Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 gehalten hatte. Durch Initiative des Vereins Chaverim steht dort auch eine Infotafel, der Verein pflegt die Gedenkstätte und veranstaltet dort auch die Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht am 9. November und zur Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar. Im Jahr 2009 hat Chaverim zudem die Gedenk-Stele am Gelände des ehemaligen KZ aufgestellt. Auf dem Gelände selbst war es nicht möglich, denn der Besitzer des Baustoffhandels Beckmann hatte dies abgelehnt. Er fürchtete rechtsextreme Anschläge. Unweit der Stele erinnert eine weitere Tafel an die Torffabrik und ihre Geschichte.