1000 Schwestern bangen um Jobs

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Uniklinikum Schleswig-Holstein kündigt Verträge mit DRK-Schwesternschaften. Dahinter steckt ein Sparprogramm.

Kiel/Lübeck. Weil das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Verträge mit den DRK-Schwesternschaften gekündigt hat, droht rund 1000 Pflegefachkräften und Auszubildenden in Lübeck und Kiel der Verlust ihres Arbeitsplatzes. Zusätzlich könnte sich die bereits bestehende Pflegelücke enorm verschärfen: Schon heute hat das Uni-Klinikum Schwierigkeiten, offene Pflegestellen zu besetzen. Oberin Martina Egen, Vorsitzende der DRK-Schwesternschaft Lübeck e.V., sagte zum Abendblatt: „Mit einer Kündigung haben wir überhaupt nicht gerechnet. Wir standen regelmäßig mit dem Vorstand des UKSH in engem Kontakt. Es kamen nie Klagen oder Wünsche nach Neuverhandlungen der Verträge.“

Als Grund für den Rauswurf nennt der Chef des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Jens Scholz, jüngerer Bruder des alten und neuen Hamburger Bürgermeisters Olaf Scholz, notwendige Sparmaßnahmen. Die Landesregierung stellte sich nach einem Ausschussgipfel mehrheitlich hinter die Personal-Entscheidung von Scholz. Auch, wenn dabei die mangelnde Kommunikation zwischen UKSH und den DRK-Schwesternschaften kritisiert wurde. Die CDU forderte, die Kündigung des DRK-Vertrages auszusetzen. „Wir sind gern bereit, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und neu zu rechnen“, so die Vorsitzenden der Kieler und Lübecker DRK-Schwesternschaften, Maria Lüdeke und Martina Egen.

Im Dezember kündigte das UKSH die seit mehr als 100 Jahre bestehenden, sogenannten Gestellungsverträge mit den DRK-Schwesternschaften Lübeck und Kiel. Bisher sind die betroffenen Krankenschwestern Mitglied in den gemeinnützigen Vereinen des Deutschen Roten Kreuzes und werden auch von diesen bezahlt. Sie erhalten eine zusätzliche Altersversicherung und werden bei berufspolitischen und persönlichen Interessen von den DRK-Schwesternschaften intensiv unterstützt.

Das Klinikum will die Pflegekräfte nun direkt bei sich anstellen, um Kosten zu senken. Wollen die DRK-Schwestern ihre bisherigen Konditionen behalten, müssen sie sich bis spätestens 21. Februar um ihre Positionen bewerben, danach fällt diese Zusicherung weg und die Stellen werden ausgeschrieben. Die Schwesternschaften vermuten, dass die neuen Verträge dann – ganz im Sinne der vom landeseigenen Klinikum geplanten Kosteneinsparung – schneller kündbar sein werden. „Ich werde mich jedenfalls nicht beim UKSH bewerben“, sagt Anna P., die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte – aus Sorge, ihre Offenheit könne ihr noch weitere berufliche Nachteile einbringen. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet im Auftrag der DRK-Schwesternschaft Lübeck e.V. seit zweieinhalb Jahren am Uni-Klinikum in der Hansestadt. „Auch meine Mutter ist DRK-Schwester, und ich bin quasi im Haus der Schwesternschaft aufgewachsen.“

Für Anna P. ist ihre Arbeit mehr als nur ein Job. „Wer sich für einen Pflegeberuf entscheidet, muss mit ganzem Herzen dabei sein. Nur dann wird man als Pflegender seiner Aufgabe gerecht“, ist sie überzeugt. Die Anforderungen seien enorm, oft habe sie während ihrer Schichten nicht einmal die Zeit, auch nur die kleinste Pause zu machen. „Wir jammern aber nicht, denn schließlich steht der Patient im Vordergrund. Ihm soll es gut gehen und darauf legen wir den allergrößten Wert.“ Diese Haltung habe Anna P. in der DRK-Schwesternschaft vermittelt bekommen. „Hier wird Menschlichkeit gelebt.“ Unmenschlich findet sie dagegen das Vorgehen der Verantwortlichen des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. „Wie kann man eine 100-jährige Tradition so mit Füßen treten? Menschen in Pflegeberufen haben oft genug mit geringer Wertschätzung zu kämpfen. Und nun auch noch das.“

Martina Egen, Oberin der DRK-Schwesternschaft Lübeck ergänzt: „Die UKSH-Führung forciert mit ihrem Handeln eine Abwertung des Berufes und fördert somit den hauseigenen Pflegenotstand weiter.“ Denn viele DRK-Schwestern bekämen bereits Angebote von anderen Kliniken und Pflegeeinrichtungen oder machten sich selbst auf die Suche nach Alternativen.

So, wie Anna P. Sie sagt: „Am liebsten würden wir gar nichts mehr mit dem UKSH zu tun haben. Obwohl es uns leid tut um die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen dort. Und natürlich auch um die Patienten, die uns während der letzten Wochen große Solidarität bekundet haben. Aber wer sich von den Klinik-Chefs als ‚Leiharbeiter‘ bezeichnen lassen muss und ohne Vorwarnung auf die Straße gesetzt wird, der will nicht weiterhin dort tätig sein.“ Doch es gäbe auch diejenigen, die auf das UKSH als Arbeitgeber angewiesen seien, so Anna P. Vor allem alleinerziehende oder ältere Kolleginnen stünden unter besonders großem Druck.