Spaziergänger gefährden „Heuler“

Seehundstation in Norddeich muss elf verwaiste Kegelrobben pflegen, fast dreimal so viele wie 2014

Norddeich. Sie sind aber auch zu niedlich – mit ihrem weichen, weißen Fell und den großen Kulleraugen. Kleine Kegelrobben an der Nordseeküste sind eine Attraktion für Strandbesucher. Genau das ist aber auch das Problem einiger Jungtiere. „Leider kommt es immer wieder vor, dass unbedarfte Strandbesucher sich den Jungtieren bis auf wenige Meter nähern und sie regelrecht belagern – oft über Stunden“, kritisierte der Leiter der Seehundstation Nationalpark-Haus im ostfriesischen Norddeich, Peter Lienau, am Sonntag.

„Damit hat das Muttertier keine Chance, wieder zu seinem Jungtier zu gelangen.“ Elf kleine Kegelrobben sind von ihren Muttertieren weggerissen worden, sie werden in der Seehundstation aufgepäppelt.

Die Strandspaziergänger sind aber nicht der einzige Grund dafür, dass die Jungtiere von ihren Müttern getrennt wurden: Auch bei schweren Winterstürmen können sich Mutter- und Jungtier verlieren. Außerdem sei die Zahl der Kegelrobben im niedersächsischen Wattenmeer in den vergangenen Jahren gestiegen, sagte Lienau. Auch deshalb sei die Zahl der von der Station beherbergten „Heuler“ in diesem Jahr vergleichsweise hoch – im vergangenen Jahr waren es vier Tiere, 2013 nur drei.

Anders als Seehunde bringen Kegelrobben ihre Jungen mitten im Winter zwischen November und Januar zur Welt. Sie werden mit einem weißen Embryonalfell geboren. Es schützt die Tiere vor Kälte, ist allerdings nicht wasserdicht und daher zum Schwimmen ungeeignet. Ihre ersten Lebenswochen verbringen Kegelrobben deshalb an Land. Dort werden sie von den Müttern gesäugt und während der Nahrungssuche am Strand abgelegt.

Diese Jungtiere sind meistens nur vorübergehend verlassen und sollten von Menschen gemieden werden. 300Meter Abstand empfiehlt der Leiter der Seehundstation. Und: „Prinzipiell sollte man kein Tier draußen anfassen.“ Wird ein Jungtier tatsächlich von der Mutter getrennt, zieht die Seehundstation den kleinen „Heuler“ auf.

Bevor sie zurück in die Freiheit dürfen, müssen sie ein Gewicht von 45 Kilogramm erreichen, sagt Lienau. Das dauere zweieinhalb bis drei Monate. Ende Februar dürften also die ersten der jungen Kegelrobben in der Nordsee schwimmen. Meist kommen die Jungtiere mit einem Gewicht zwischen zwölf und 26 Kilogramm in die Station.

Eines der Tiere, das seit Ende Dezember in der Station lebt, wurde auf den Namen Mathilda getauft. Alle Heuler wurden auch auf das Influenza-Virus getestet – eine Infektion wurde nicht festgestellt. An der Nordseeküste war es Ende 2014 wegen einer Grippewelle zum massenhaften Sterben von Seehunden gekommen.