Auszeit im Kloster liegt im Trend

Sehnsucht nach Stille: Immer mehr Menschen füllen ihre Kraftreserven hinter dicken Mauern auf

Hannover. Einst klopften Pilger und Wanderer an die Klosterpforte, heute fliehen Menschen vor der Tretmühle aus Hektik, Lärm und Leistungsdruck hinter die dicken Mauern. Bei Stundengebeten, Schweigetagen und Meditation blühen sie wieder auf. Auch die evangelischen Klöster in Niedersachsen ziehen immer mehr Stressgeplagte an. „Das Kloster gilt als Zufluchtsort, um mit sich selbst in Kontakt zu kommen und die verkümmerte Seele wieder aufblühen zu lassen“, sagt Kristina Weidelhofer, Sprecherin der Klosterkammer Hannover. Die Kammer verwaltet zahlreiche kirchliche Liegenschaften in Niedersachsen. Dazu gehören auch 17 evangelische Klöster und Stifte. In 15 leben Frauengemeinschaften mit Äbtissinnen, Konventualinnen oder Kapitularinnen. Das Gethsemane-Kloster Riechenberg (Goslar) hat die Klosterkammer an eine Männerkommunität vermietet, das Kloster Bursfelde (Kreis Göttingen) dient der Landeskirche als Geistliches Zentrum.

„Jedes Kloster hat ein eigenes Profil. Für jeden Suchenden ist etwas dabei“, sagt Weidelhofer. Manche Häuser öffnen sich dem Publikum nur für Führungen, andere bieten Seminare, Konzerte und Einkehrtage. „Die Nachfrage ist riesig“, sagt Gabriele-Verena Siemers, Äbtissin des nahe Hannover gelegenen Klosters Wennigsen. „Wir können längst nicht alle Menschen aufnehmen, die bei uns anfragen.“ Renner sind in Wennigsen die offenen Meditationsabende und das Tanzen des Weihnachtsoratoriums. Die Mehrzahl der Teilnehmer ist weiblich.

„Die Menschen finden im Kloster etwas, was sie im normalen Gottesdienst nicht finden“, sagt der Göttinger Theologe Joachim Ringleben. „Es gibt sehr viele Menschen, die sich eine Woche zurückziehen wollen. Es ist eine gute Alternative zum Stress.“

Das Stift Börstel (Kreis Osnabrück) setzt auf Aktiv- und Outdoor-Angebote. „Das beliebteste Angebot ist das Bogenschießen“, sagt die Äbtissin Britta Rook. Hier seien die Männer in der Überzahl. Neue Ideen wie das meditative Spinnen würden ebenfalls gut angenommen.

Die Nachfrage nach Klostereintritten ist unterschiedlich. Die Interessenten sollten alleinstehend – also ledig, geschieden oder verwitwet sein. „Mit dem Nachwuchs ist es schwierig. Es gibt immer Männer, die für eine Zeit mitleben möchten. Aber den Schritt in die Verbindlichkeit suchen wenige“, sagt Achim Gilbert, Prior des Gethsemaneklosters (Goslar).

„Nachwuchssorgen haben wir nicht“, heißt es dagegen in Wennigsen. Dort herrscht wie in Börstel keine Residenzpflicht. Börstel ist zudem seit 400 Jahren gemischt besetzt – mit katholischen und evangelischen Frauen. „Wir haben sehr viele Bewerbungen. Aber 80 Prozent sind überhaupt nicht geeignet“, sagt Rook. Aufnahmebedingung sei psychische und physische Gesundheit. „Wir lassen uns bis zu zwei Jahre Zeit. Uns geht es hauptsächlich um Jüngere, möglichst keine über 60.“