Lernen aus der Love-Parade

Notärzte im Norden wollen Großveranstaltungen mitplanen, um Katastrophen zu verhindern

Travemünde. Eine Massenpanik beim Konzert, eine Lebensmittelvergiftung im Zeltlager oder ein Blitzschlag beim Volksfest – bei solchen Ereignissen kommt es auf schnelle und gut organisierte Hilfe von Notärzten und Sanitätern an. Der Vorsitzende des Forums Leitende Notärzte Schleswig-Holstein, Wolfgang Lotz, fordert deshalb jetzt, diese Fachleute für den medizinischen Rettungsdienst schon so früh wie möglich an den Planungen von Großveranstaltungen zu beteiligen.

Die Rolle der Notärzte bei der Planung solcher Veranstaltungen war das Thema einer Tagung am Wochenende in Lübeck-Travemünde, an der 40 Notfallmediziner aus ganz Norddeutschland teilnehmen.

„Wir wollen keine Spaßbremsen sein und auch den Veranstaltern nicht das Geschäft vermiesen“, sagt Wolfgang Lotz. Doch eine realistische Risikobewertung und entsprechende Vorbereitung seien bei Veranstaltungen mit vielen Besuchern sehr wichtig. „Dadurch könnten Unglücke wie die Love-Parade-Katastrophe von Duisburg im Jahr 2010 mit 21 Toten vermieden werden“, glaubt er.

Deshalb sei es wichtig, nicht nur Ordnungsbehörden, Polizei und Feuerwehr, sondern auch den Notarzt frühzeitig an den Planungen einer Großveranstaltung zu beteiligen. Eine Pflicht dazu besteht jedoch nicht. Vorgesehen ist der Einsatz von Leitenden Notärzten nach dem Landesrettungsdienstgesetz nur bei Unfällen, Bränden und anderen Ereignissen mit vielen Verletzten oder Erkrankten.

Dann übernehmen die Leitenden Notärzte die Koordination der medizinischen Rettungskräfte, sichtet Verletzte und legt fest, in welcher Reihenfolge sie behandelt und in Krankenhäuser gebracht werden müssen. Bei der Tagung am Wochenende sollen die Ärzte unter anderem den Rettungsdienst bei Großereignissen im Norden wie der Kieler Woche, dem Volksfest Holstenköste in Neumünster oder dem Wacken Open Air planen.

„Bei der Risikobewertung spielt die Zahl der erwarteten Besucher ebenso eine Rolle wie der Veranstaltungsort und die Art der Veranstaltung. Ein Heavy-Metal-Konzert zieht nun mal andere Fans an als ein Konzert von Hansi Hinterseer. Die Breite der Flucht- und Rettungswege ist ein wichtiger Faktor, aber auch die Möglichkeit, Behandlungsräume für Verletzte einzurichten“, sagt Wolfgang Lotz. Letztlich sei es immer eine Mischung aus vielen Faktoren, die über die Sicherheit entscheide.

Ebenso wichtig sei jedoch die Kommunikation zwischen den Veranstaltern und den Rettungskräften, bevor es zu ungeahnten Gefahrenlagen kommt. Ein Beispiel: „Wenn in einem Kindergarten eine Schlafparty mit 30 Kindern stattfindet, sollte die örtliche Feuerwehrleitstelle das wissen. Schließlich geht die Feuerwehr bei einem Brand zunächst einmal davon aus, dass sich nachts keine Kinder in dem Gebäude befinden“, sagt Wolfgang Lotz.