Brautpaare auf Amrum abkassiert

Sechs Standesbeamte angeklagt. Sie sollen sich an Eheschließungen bereichert haben. Auch Amtschefin droht Prozess

Nebel. Amrum ist ein Mekka heiratswilliger Pärchen. Sie reisen teils von weit her an, um sich auf der Insel das Jawort zu geben. Bei gerade mal 2300 Einwohnern, zählt das Eiland südlich von Sylt vier Standesbeamte, mindestens, denn so genau weiß man das nicht, weil dort sehr viele Staatsdiener Eheschließungen beurkunden dürfen. Vor allem in den wärmeren Monaten geht es bei den Trauungen Schlag auf Schlag. Und wer denkt am schönsten Tag seines Lebens schon ans Geld?

Aktuell vor allem die Justiz. Sechs Amrumer Standesbeamte im Alter zwischen 31 und 52 Jahren ließen sich, so lautet der Vorwurf der Flensburger Staatsanwaltschaft, das Glück der anderen vergolden, sprich: Sie sollen sich an den Trauungen bereichert haben. Deshalb läuft in Flensburg der kuriose Prozess wegen unrechtmäßig erhobener Gebühren, gemeinschaftlicher Untreue und Unterschlagung. Möglicherweise werden sich auch die Vorgesetzten der Beamten schon bald vor Gericht verantworten müssen.

Im Kern geht es darum, dass die sechs Standesbeamten ihre Tätigkeit „privatisiert“ haben sollen. Dass sie für Trauungen außerhalb der Dienstzeit überhöhte Gebühren verlangt, das Geld auf ein eigenes Konto eingezahlt und dann untereinander aufgeteilt haben. Hunderte von Fällen aus den Jahren 2005 bis 2009 hat die Staatsanwaltschaft zusammengetragen.

Doch aufgeklärt ist bisher so gut wie nichts. Der Prozess stockt, kommt kaum voran. Hier die Verteidiger, die mit einer Flut von Anträgen und einer Besetzungsrüge die Verhandlung ausbremsen. Dort die Angeklagten, die wie am gestrigen Mittwoch zu den Vorwürfen schweigen. „Er kann gar nicht erkennen, was er gemacht haben soll“, sagte ein Verteidiger beim Prozessauftakt für seinen Mandanten.

Es bleiben also Fragen offen. Man fragt sich unter anderem, warum eine so kleine Insel sechs Standesbeamte benötigt. Werden Ehen im Minutentakt geschlossen? Zumindest in den Sommermonaten rennen die Paare den Standesbeamten buchstäblich die Hütte ein. „140 bis 150 Paare sind es bestimmt im Jahr“, sagt Gisela Riemann, stellvertretende Amtsdirektorin von Föhr.

Besonders attraktiv sind für Brautpaare Termine am Wochenende und exklusive Locations wie der Leuchtturm, die Windmühle oder das Öömrang Hüs. Für die Staatsdiener indes sind die Eheschließungen primär Amtsakte. Und dann auch noch solche zur Unzeit.

Für sie geht es vor allem um die geleisteten Überstunden und die Frage, wie sie sich diese unbürokratisch vergüten lassen. Im Jahr 2000 tun sich mehrere Beamte zusammen, gründen eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), den „Hochzeitsservice“. Die Grundidee besteht darin, dass Paare, die außerhalb der Dienstzeiten heiraten wollen, für diesen Service zahlen sollen. Und zwar direkt an die Beamten.

„Rund 100 Euro sollen sie für jede außerdienstliche Eheschließung erhalten haben“, sagt Otto Gosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft Flensburg. Die Paare, alle auf Wolke sieben, zahlten den Betrag meist ohne Murren. Anschließend kam das Geld auf das Konto der GbR. Mal waren es 11.000 Euro für rund 100 Eheschließungen, mal 4500 Euro für 46 Trauungen. Den Gesamtbetrag sollen die Standesbeamten am Jahresende unter sich aufgeteilt haben.

Offenbar profitierten weit mehr als die aktuell sechs angeklagten Staatsdiener von den Erträgen der GbR. Auf Amrum war es Usus, dass Verwaltungsbeamte aus den unterschiedlichsten Bereichen den Job als Eheschließer zeitweise miterledigten. Beamte, die sich vor 2005 an dem Geschäft beteiligt hatten, müssen indes keine Strafverfolgung fürchten: „Die Fälle gelten als verjährt“, sagt Gosch. Ein Ermittler, der seinen Namen nicht nennen will, spricht von Verhältnissen „wie in einer Bananenrepublik“ und von „Seeräubertum“. Die Gebühren hätten nie erhoben werden dürfen, weil sie „schlicht nicht durch das Gesetz gedeckt sind“.

Auf Amrum nahm offenbar kaum jemand Anstoß daran, bis auf eine anonyme Anzeige hin Anfang 2010 die Ermittlungen begannen. Dabei stellten die Ermittler fest, dass auch die höheren Amtsträger ihre Untergebenen über Jahre einfach gewähren ließen. Drei von ihnen hat die Staatsanwaltschaft deshalb schon vor zwei Jahren nach Paragraf 357 des Strafgesetzbuches (Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat) angeklagt, darunter auch Amtsdirektorin Renate Gehrmann. 2007 wurden die Verwaltungen von Föhr und Amrum zusammengelegt, der Apparat befindet sich seither unter ihrer Ägide. Eröffnet die Große Strafkammer des Landgerichts Flensburg das Hauptverfahren, sind sogar Freiheitsstrafen von vier Jahren und mehr denkbar.

Nach Abschluss des Strafprozesses drohen den Beamten, die allesamt noch tätig sind, disziplinarrechtliche Konsequenzen. Sollten sie zu einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr oder einer entsprechenden Geldstrafe verurteilt werden, sind sie ihre Jobs los. Die Gebührenordnung auf Amrum ist inzwischen klar geregelt: Wer an Sonn- und Feiertagen im Standesamt heiraten will, zahlt 80 Euro – an die Staatskasse.