Mord an Joggerin

Norman L. war seit 24 Jahren in der Datenbank

Die DNA verrät den mutmaßlichen Mörder der Joggerin Anna-Lena U. Polizei nimmt vorbestraften Familienvater in seiner Lübecker Wohnung fest. 45-Jähriger hat ein langes Vorstrafenregister.

Herrnburg/Lübeck. Der mutmaßliche Mörder von Anna-Lena U. wohnte nur knapp 1,5 Kilometer Luftlinie von der Sandfläche entfernt, an der die 29-Jährige vor fünf Tagen erstochen wurde. Am Donnerstagmorgen um 2.30 Uhr stürmte das in Kiel stationierte Spezialeinsatzkommando (SEK) der schleswig-holsteinischen Polizei die Parterrewohnung des 45-jährigen Lübeckers in einem grau verputzten zweigeschossigen Mehrfamilienhaus im Stadtteil Eichholz und nahm ihn wegen des dringenden Tatverdachts fest.

Im Westen wird Eichholz von dem Fluss Wakenitz begrenzt, im Osten schließt der Stadtteil direkt an die Landesgrenze und das Dorf Herrnburg (Landkreis Nordwestmecklenburg) an, das nach dem Tötungsdelikt bundesweit in die Schlagzeilen geraten war. Unweit des Dorfes auf einem alten Kolonnenweg entlang der ehemaligen Grenzanlagen war die Mutter eines zweijähriges Jungen getötet worden.

Der Tatverdächtige Norman L. wurde nach Schwerin gebracht, die dortige Staatsanwaltschaft leitet die Ermittlungen der 32-köpfigen Mordkommission. Der 45-Jährige wurde am Donnerstagnachmittag einem Richter vorgeführt, der Haftbefehl erließ.

Er wurde daraufhin in das Gefängnis in Bützow gebracht und sitzt in Untersuchungshaft. Man sei sich sehr sicher, den Täter gefasst zu haben, sagte der Rostocker Polizeipräsident Thomas Laum am Donnerstag. Allerdings habe der Verhaftete bislang weder ein Geständnis abgelegt noch sonst Angaben zur Tat gemacht.

Norman L. sei zwischen 1997 und 2004 mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, sagte Laum. Wegen Diebstahls, Leistungserschleichung, Vermögensdelikten und Verkehrsstraftaten. 1987 wurde er als Täter einer gefährlichen Körperverletzung ermittelt. 1989 versuchte er, eine Frau zu vergewaltigen. Für diese Tat saß er zwei Jahre und neun Monate in Haft. Damals war er nicht nur erkennungsdienstlich behandelt worden, die Polizei nahm seine DNA – den genetischen Fingerabdruck – auch in ihre Datenbank auf.

Die Spuren des Täters an der Leiche der 29-Jährigen und am Messer, das in der Nähe des Tatorts gefunden worden war, hatten nach einem Datenbankabgleich auf die Spur des 45-Jährigen geführt. Das Ergebnis der DNA-Auswertung habe noch Mittwochnacht vorgelegen, daraufhin sei die Festnahme vorbereitet worden. Zudem gebe es Ähnlichkeiten zwischen den früheren Taten von Norman L. und dem aktuellen Tötungsdelikt, so die Polizei.

Laut der Ermittler scheiden Raub oder eine Beziehungstat als Motiv aus, Opfer und Täter sollen sich nicht gekannt haben. „Ein sexuelles Tatmotiv ist nicht auszuschließen, ist sogar das naheliegendste Tatmotiv“, hieß es. Allerdings soll die 29-Jährige nicht vergewaltigt worden sein. Ob Norman L. nach der Tat nach Hause gegangen sei, oder was er sonst gemacht habe, weiß die Polizei noch nicht. Die Ermittlungen in dem Fall seien noch nicht zu Ende, betonte Polizeipräsident Laum.

Die gebürtige Lübeckerin Anna-Lena U., die einen Italiener geheiratet hatte und in der Nähe von Florenz gelebt haben soll, war zu Besuch bei ihren Eltern in der Hansestadt. Am vergangenen Sonntagmorgen war sie zum Joggen in die Palinger Heide aufgebrochen, einem bei Lübeckern beliebten Waldgebiet. Dort hatte der Täter sie überrascht. Spuren am Tatort zeigen, dass die Frau sich gewehrt haben muss. Sie starb durch einen Messerstich in den Hals, möglicherweise war ihre Kehle durchtrennt worden.

Nach der Festnahme am frühen Morgen rückten gegen 11 Uhr Mordkommission und Spurensicherung der Kriminalpolizei in Eichholz an und durchsuchten die Wohnung des Festgenommenen. Am Nachmittag trugen Beamte große braune Papiertüten aus dem Haus und luden sie in einen VW Bus. Zum Inhalt der Tüten ist noch nichts bekannt. Medienberichten zufolge soll der 45-Jährige arbeitslos sein, drei Kinder haben, aber nach seiner Scheidung allein leben.

Noch am Mittwochabend hatte die Polizei ihre Ermittlungen deutlich ausgedehnt und die Spurensuche mit Spürhunden im Stadtteil Marli und an der Bundesstraße 75 fortgesetzt. Am Tag zuvor waren bereits die Lübecker Stadtteile Holstentor Nord und Buntekuh durchkämmt worden, beide liegen etwa fünf Kilometer vom Tatort entfernt. Insgesamt sollen die Beamten in den vergangenen Tagen ein Gebiet von mehr als 25 Quadratkilometern abgesucht haben.

Die Polizei dankte der Bevölkerung für ihre rege Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Insgesamt seien 87 Hinweise bei der Mordkommission eingegangen. Die Polizei prüft derzeit auch, ob der Verhaftete noch für weitere Straftaten verantwortlich sein könnte.

Noch ungeklärt ist beispielsweise der Mordfall Christin M. Die 36-jährige Krankenschwester und ihr damals fünfjähriger Sohn waren 2007 in einem Wald bei Kröppelin nahe Rostock von einem Unbekannten überfallen worden. Die Frau war durch Schläge mit einem Ast so schwer verletzt worden, dass sie am Tag darauf starb. Ihr Sohn überlebte. Ein Massen-DNA-Test hatte bislang nicht zu dem Täter geführt.