Wahlkampf mit Beschimpfung und Bespitzelung

Vor der Oberbürgermeister-Wahl in Hannover blamiert sich die SPD gleich doppelt. Juso-Chef hetzt gegen die Liberalen

Hannover . Seit die britische Besatzungsmacht 1948 freie Wahlen verordnete, wird die niedersächsische Landeshauptstadt von Sozialdemokraten regiert. Folglich schien auch die am 22. September anstehende Neuwahl des Oberbürgermeisters irgendwie wie eine reine Formsache: Es kandidiert Stefan Schostok, der bei der Landtagswahl im Januar ganz siegessicher gar nicht erneut angetreten war.

Nun aber ist bei der SPD etwas ganz Ungewohntes eingekehrt: Unruhe. Binnen weniger Tage hat sich die Partei gleich zweimal blamiert. Ausgerechnet beim fröhlichen Umzug zum Christopher Street Day, an dem es um Toleranz geht, flippte der örtliche Juso-Vorsitzende Philip Le Butt aus. Er stellte sich vor den Wagen mit einem Häuflein Liberaler und brüllte: "Wir füllen unser Schwimmbad mit dem Blut der FDP." Und machte dann alles noch schlimmer, als er auf Facebook ironisierte: "Ich habe ja nie gesagt, dass das Blut nicht freiwillig abgegeben werden kann." Erst als die Parteioberen ihm aufs Dach rückten und offen von einer "riesengroßen Dummheit" sprachen, gab es eine richtige Entschuldigung.

Da aber hatte die Partei schon das nächste Problem: Ihr Stadtverbandsvorsitzender Alptekin Kirci soll, so enthüllte es die "Hannoversche Allgemeine Zeitung", den CDU-Spitzenkandidaten und Rechtsanwalt Matthias Waldraff ausspioniert haben. Die Zeitung präsentierte am Donnerstag ihren Lesern eine E-Mail, in der sich Kirci, angeblich nur im Auftrag eines Journalisten, bei einem türkischen Anwalt erkundigt, was dieser denn so von Waldraff halte. Jener hatte gemeinsam mit eben diesem türkischen Kollegen vor Jahren den Uelzener Jugendlichen Marco W. verteidigt, der wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen rund acht Monate in Antalya in Untersuchungshaft saß. Dass es zwischen den deutschen und türkischen Rechtsanwälten Reibereien gegeben hat, gilt als sicher.

Der CDU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Dirk Töpfer empörte sich prompt, er fühle sich an die Barschel-Affäre erinnert: "Das hatten wir doch schon mal in Schleswig-Holstein." Die FDP hat übrigens zugunsten des Promianwalts Waldraff auf einen eigenen Kandidaten verzichtet.

Es gibt also vielleicht in Hannover für die CDU nach langer Zeit ein erstes Mal.