Wetten auf jede Stimme

Umfragen, Wahlbörsen und Tippspiele haben vor der Landtagswahl in Niedersachsen Konjunktur

Hannover. Ungefähr drei, gut vier oder doch knapp über fünf? Wenn die großen Meinungsforschungs-Institute ihre Wahlumfragen veröffentlichen, richten sich derzeit alle Blicke auf das FDP-Ergebnis in Niedersachsen. Mal knacken die Liberalen die Fünf-Prozent-Marke, zwei Tage später wieder nicht - die Zahlen schwanken, auch für andere Parteien. Politiker bejubeln die "Sonntagsfragen" entweder als klaren Ausdruck des Wählerwillens oder bezweifeln ihre Aussagekraft, je nach Interessenlage. Aber sind die Ergebnisse überhaupt aussagekräftig?

"Es ist ganz normal, dass Umfragen, die zum gleichen Zeitpunkt durchgeführt werden, verschiedene Ergebnisse bringen. 1000 bis 2000 Befragte repräsentieren dabei das ganze Wahlvolk", erklärt Professor Markus Klein von der Universität Hannover. Zudem entschieden viele Wähler sich erst kurz vor der Wahl, wo sie ihr Kreuz setzen. "Umfragen bilden also nur eine Stimmung zu einem Zeitpunkt ab", betont der Soziologe.

Das Ergebnis der Landtagswahl am 20. Januar ziemlich genau vorhersagen will dagegen Professor Walter Mohr. Der Mathematiker ist Mitgründer des Prognose-Dienstleisters Prognosys in Handewitt bei Flensburg, zum Unternehmen gehört auch eine Wahlbörse. Wie mit Wertpapieren können die Mitspieler mit Parteiaktien handeln. Aktuell liegen die Freien Demokraten in Niedersachsen dort knapp über der Fünf-Prozent-Marke, Rot-Grün schlägt Schwarz-Gelb jedoch mit hauchdünnem Vorsprung.

"Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen waren wir auf Platz eins, besser als alle sechs Umfrageinstitute", erzählt Mohr. In Schleswig-Holstein habe nur eine Umfrage besser gelegen. Seine Wahlbörse funktioniere, weil ein fester Kern von etwa 30 gut informierten Spielern vor jeder Wahl dabei sei. Mitspieler, die etwa über Kooperationen mit Zeitungen gewonnen würden, sorgten für das nötige Lokalkolorit. 80 Menschen beteiligen sich Mohr zufolge an der Börse zur Niedersachsen-Wahl. Der Unterschied zu den Umfragen der Institute sei, dass die Börsen-Spieler nicht von ihrer eigenen politischen Vorliebe ausgingen, sondern einschätzten, wie die Stimmung im gesamten Wahlvolk sei. Auf demselben Prinzip beruhen auch Wahl-Tippspiele. Auf www.wahlrecht.de haben mittlerweile schon fast 2500 Menschen das Ergebnis der Wahl getippt. Die krisengeschüttelte FDP liegt dort derzeit knapp unter fünf Prozent. "Da kommt, wie bei uns auch, die Schwarmintelligenz zum Tragen", sagt Mohr.