Stralsund

Tauziehen um Entlassung von Stadtarchiv-Chefin Nehmzow

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Nachdem sich der Hauptausschuss der Stadt Stralsund mit dem Fall beschäftigt hat, nimmt nun auch die Bürgerschaft die Ermittlungen auf.

Stralsund. Das politische Tauziehen um die umstrittenen Vorgänge im schimmelbelasteten Stadtarchiv Stralsund geht weiter. Nach dem Hauptausschuss der Stadt wird sich die Bürgerschaft in einer Dringlichkeitssitzung mit der fristlosen Kündigung der nach einem Bücherverkauf in die Kritik geratenen Stadtarchivleiterin Regina Nehmzow befassen.

„Wir wollen, dass der Beschluss des Hauptausschusses durch einen Beschluss der Bürgerschaft ersetzt wird“, begründete Michael Adomeit von der Wählergruppe Adomeit den Vorstoß am Freitag. Die Bürgerschaft müsse zunächst umfassend über die Vorgänge aufgeklärt werden, bevor personelle Entscheidungen getroffen werden können. Die Linksfraktion steht hinter dem Antrag, wie Linkspolitiker Bernd Buxbaum sagte.

Der Hauptausschuss hatte am Donnerstag die fristlose Kündigung der Archivleiterin beschlossen. Als Begründung wurde ein laut Verwaltung nicht autorisierter Bücherverkauf durch Nehmzow im März 2012 angeführt – und nicht die öffentlich kritisierte Veräußerung von 6000 historischen Büchern im Sommer. Nehmzow hatte im Frühjahr durch den Verkauf von 1000 Büchern einen Erlös für die Stadtkasse von 20.000 Euro erzielt.

Wie ein Hauptausschuss-Mitglied am Freitag sagte, habe Nehmzow in der nicht öffentlichen Sitzung berichtet, dass der Verkauf einzelner Bücher seit den 1990er Jahren Praxis gewesen sei, nachdem die Stadtverwaltung notwendige Gelder zum Erhalt des historischen Buchbestandes nicht genehmigt habe. Das Archiv habe begonnen, sogenannte Dubletten zu verkaufen. Sie habe diese Praxis nach der Ernennung zur Archivleiterin ab 2009 fortgeführt. Nehmzow, gegen die inzwischen die Staatsanwaltschaft ermittelt, war am Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Unklar ist bislang, ob die Stadtspitze von den möglicherweise seit Jahren praktizierten Vorgängen wusste. Der Vize-Oberbürgermeister Holger Albrecht habe im Ausschuss entsprechende Vorwürfe von Nehmzow zurückgewiesen. Teile der Bürgerschaft bezweifeln, dass Albrecht die Wahrheit gesagt hat. Die Stadtverwaltung will sich mit Verweis auf die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen nicht zu den Vorgängen äußern. Die Bürgerschaft kommt am kommenden Mittwoch zu einer nicht öffentlichen Sondersitzung zusammen.

Inzwischen hat die Stadtverwaltung einen Fahrplan entwickelt, wie mit dem schimmelbelasteten Johanniskloster, in dem das Stadtarchiv untergebracht ist, umgegangen werden soll. Demnach soll das Haupthaus des Johannisklosters geräumt und die Bücher zunächst in Thermocontainer und später in ein Gebäude in Nähe der Fachhochschule Stralsund umgelagert werden.

Der Umbau des Gebäudes koste Schätzungen zufolge rund zwei Millionen Euro. Die Stadt hofft auf finanzielle Unterstützung des Landes. Vor der Umlagerung sollen die Bücher gereinigt werden. Größter Wunsch sei es aber, das Johanniskloster langfristig wieder als Heimstätte für das Archiv zu nutzen, sagte Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU).

( (dpa) )

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