Rostock-Lichtenhagen

Demonstranten gedenken der Opfer rassistischer Gewalt

| Lesedauer: 4 Minuten
Katrin Aue und Katrin Schüler

Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit: Teilnehmer fordern besseres Asylrecht. Häme für offizielle Gedenkfeier "20 Jahre Lichtenhagen".

Rostock. Am Vortag der offiziellen Gedenkfeier für die Opfer der ausländerfeindlichen Übergriffe 1992 im Stadtteil Lichtenhagen haben bereits am Sonnabend mehrere Tausend Menschen in Rostock gegen rassistische Gewalt demonstriert. Zu einem Gedenkmarsch nach Lichtenhagen hatte ein bundesweites Bündnis antifaschistischer und antirassistischer Initiativen, von Parteijugenden und Gewerkschaften aufgerufen. Die Polizei hatte die Veranstaltungen mit einem Großaufgebot begleitet, da sie von einem „Konfliktpotenzial“ ausging. Es gab bis zum Abend jedoch keine Zwischenfälle.

Am Vormittag war am Rostocker Rathaus eine Gedenktafel zur Erinnerung an Opfer ausländerfeindlicher Anschläge in Rostock und anderen deutschen Städten eingeweiht worden. Sie ist ein Duplikat jener Tafel, die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld kurz nach dem Brandanschlag in Lichtenhagen 1992 in Rostock anbringen wollte, woraufhin sie aber festgenommen wurde. Sie freue sich, dass diesmal die Stadt die Einwilligung gegeben habe, ließ Klarsfeld übermitteln, die bei der Kundgebung nicht dabei sein konnte.

+++++Rostock-Lichtenhagen: Ein Leben nach der Angst +++++

+++++Warnung vor Verharmlosung+++++

Mit ihrer Organisation „Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich“ habe sie damals ein Zeichen der Solidarität setzen wollen, sagte Klarsfeld. Mit ihrer Aktion im Oktober 1992 sei sie dann aber auf eine Polizeigewalt gestoßen, die es acht Wochen zuvor beim Anschlag in Lichtenhagen nicht gegeben habe, sagte Klarsfeld. „Keine andere Organisation wollte uns zu dieser Demonstration die Hand reichen“, umso mehr begrüße sie die Unterstützung jetzt, 20 Jahre nach dem Brandanschlag.

Der Kundgebung in der Innenstadt folgte eine Protestdemonstration durch Rostocks Neubauviertel nach Lichtenhagen, der sich immer mehr Teilnehmer anschlossen. Fahnen von Antifa, Linken, Grünen, Piraten und VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten) bestimmten das Bild der Demonstranten. Auf Spruchbändern forderten sie „Aufmucken gegen Nazis“. In Erinnerung daran, dass sich die Ausschreitungen 1992 gegen die Bewohner des sogenannten Sonnenblumenhauses richteten, brachten diverse Demonstranten Sonnenblumen mit.

+++ Rostock im Gedenken an Ausschreitungen von Lichtenhagen +++

Mit etwa 6.000 Teilnehmern sei die Resonanz auf den bundesweiten Aufruf respektabel, sagte Jochen Thelo, Sprecher des Bündnisses „20 Jahre nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus“ und ergänzte: „Wir sind zufrieden.“

Während der Demonstration waren die Teilnehmer mehrfach aufgerufen worden, sich nicht von rechten Störern provozieren zu lassen. Allerdings stichelten auch die Demonstranten, unter anderem gegen die Einwohner von Lichtenhagen. Man sei hier, um auch an jene zu erinnern, die damals nicht die Feuerwehr gerufen hätten, als das Asylbewerberheim angegriffen wurde, rief eine Rednerin. Nach Schätzungen der Stadt lebt etwa ein Drittel der Einwohner von 1992 noch im Quartier.

Mit Häme wurde auch die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt am Sonntag kommentiert, zu der sich Bundespräsident Joachim Gauck angekündigt hat. Sie sei nur ein „Feigenblatt“, um das Ansehen Rostocks vor Deutschland und der Welt „reinzuwaschen“, hieß es. Wie vor 20 Jahren werde diese Gedenkfeier nur Festtagsstimmung verbreiten, statt zum Nachdenken anzuregen.

Lichtenhagen sei kein Ereignis der Vergangenheit, sondern wiederhole sich in Deutschland tagtäglich, begründete Ulrike Seemann-Katz, Vorsitzende des Flüchtlingsrates Mecklenburg-Vorpommern, das unterschiedliche Anliegen der Veranstalter. „Wir erinnern heute nicht nur an 20 Jahre Ausschreitungen in Lichtenhagen, sondern auch an 20 Jahre Aushöhlung des Grundrechts auf Asyl. Wir brauchen eine Politik, die Flüchtlinge schützt und Rassisten die Stirn bietet.“

Ein Zeichen des „Alltagsrassismus“ sei die hohe Zahl von Opfern ausländerfeindlicher Gewalt, sagte Seemann-Katz weiter. Allein 2011 habe es bundesweit dadurch 600 Verletzte gegeben, 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Nach einer Kundgebung vor dem damaligen Asylbewerberheim in Lichtenhagen war am Abend noch ein Konzert geplant. (dapd)

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