Wie Bremen den Klinikskandal aufarbeitet

Der Tod von drei Frühchen beschäftigt das kleinste Bundesland nach wie vor. Das letzte Wort wird die Gesundheitssenatorin haben

Bremen. Untersuchungsausschüsse sind das schärfste Schwert der Opposition, lautet eine der Weisheiten aus dem Politikbetrieb. Wenn das so ist, muss das Exemplar, das sich die Bremer CDU gegriffen hat, entweder besonders stumpf sein, oder die Konservativen sind im Umgang mit Waffen aus der Übung. Rund 80 Zeugen haben die zwölf Mitglieder des Bremer Untersuchungsausschusses "Krankenhauskeime" seit Dezember vernommen. Sie haben Büros durchsuchen lassen, Akten beschlagnahmt und Tausende Seiten Papierproduziert. Der parlamentarische Motor dreht auf höchster Drehzahl - nur offenbar im Leerlauf.

Denn Renate Jürgens-Pieper lässt das alles unbeeindruckt, obwohl sieGesundheitssenatorin ist und damitdie politisch Verantwortliche für das Hygienedesaster am kommunalen Klinikum Bremen-Mitte. Drei Frühgeborene kamen dabei ums Leben, und bei rund 30 dieser kleinsten Patienten wurde ein multiresistenter Krankenhauskeim nachgewiesen.

Auch wer die Sozialdemokratin nicht mag, räumt ein, dass sie die Krise geschickt von sich fernhält. Drei Beteiligte kosteten die dramatischen Ereignisse am Klinikum bisher ihre Jobs: den ehemaligen Chefarzt der Station, dessen fristlose Kündigung allerdings von einem Gericht aufgehoben wurde; weniger Chancen auf eine Rückkehr haben der ehemalige Chef der städtischen Krankenhausholding Gesundheit Nord (Geno), Diethelm Hansen, und der ehemalige Krankenhaushygieniker Axel Kappler — beide Posten sind bereitsneu besetzt.

Von Renate Jürgens-Pieper hingegen wurde ein Rücktritt nicht gefordert. Die CDU hat sie vor ein paar Tagen gerade mal dazu aufgefordert, ihren Vorsitz im Aufsichtsrat der Geno niederzulegen. Zuvor wurde bekannt, dass das Krankenhaus Bremen-Mitte womöglich 24 Millionen Euro Verlust in diesem Jahr machen werde. Dem Klinikum rennen die Patienten in Scharen davon. Der Keimskandal hat den Ruf des Hausesruiniert. Doch die Forderung nach ihrem Rückzug aus dem Aufsichtsrat hält die Senatorin für "durch nichts untermauert". Diese Position sei ihre einzige Möglichkeit, um die Geno überwachen zu können, sagte sie dem Abendblatt.

Doch Renate Jürgens-Pieper hat die Geno an der langen Leine laufen lassen. Der geschasste Ex-Chef Hansen und sie haben übereinstimmend auf Nachfrage gesagt, sie seien nicht von den offenbar dramatischen Zuständen auf der Frühchenstation unterrichtet worden. Das ist bemerkenswert, denn es ging umLeben und Tod. Wenige Wochen vorund nach Jürgens-Piepers Amtsantritt (am 30. Juni 2011) verschickten leitende Oberärzte und acht Mitarbeiter voller Verzweiflung Briefe an ihre Chefs. Darin geht es um eine chronische personelle Unterbesetzung: "Das gefährdet unsere Patienten", schreiben sie. Und noch dramatischer warnen sie davor, dass die leeren Kassen der Geno "nicht die Gefährdung von Menschenleben rechtfertigen, wie dies zur Zeit auf der 4027 geschieht". 4027, das ist die Nummer der Station für Frühgeborene.

Wenige Wochen nach diesen Brandbriefen kam es zum Keimausbruch auf 4027. Weder als Gesundheitssenatorin noch als Geno-Aufsichtsrätin hat Jürgens-Pieper davon erfahren. Die Klinik ging Anfang September 2011 von einem "gehäuften Auftreten" der gefährlichen Bakterien aus. Zu dem Zeitpunkt waren bereits zwei Kinder mit Keimnachweis verstorben, bei weiteren wurden die Klebsiellen diagnostiziert. Jetzt erst griff jemand aus der Klinik zum Telefon und rief im Gesundheitsamt an. Bis die dramatischen Ereignisse von dort bei der Senatorin, der auch das Gesundheitsamt nachgeordnet ist, ankommen, vergehen noch einmal Wochen. ErstAnfang November will Renate Jürgens-Pieper erfahren haben, dass es auf der Frühgeborenen-Intensivstation eine Katastrophe gibt.

Als die Informationen endlich bei ihr waren, musste die Öffentlichkeit informiert werden. Jürgens-Pieper schickte andere vor. Am 2. November präsentierten zerknirschte Chefs der Klinikgesellschaft und des Klinikums samt Jürgens-Piepers Staatsrat Joachim Schuster (SPD) der Presse den Skandal. Die Senatorin informierte abseits der Kameras die Gesundheitsdeputation der Bürgerschaft. Die ersten Bilder vom Keimskandal gingen ohne sie bundesweit über die Sender.

Erst am Tag danach lud sie selbst zu einer Pressekonferenz ein und präsentierte sich als Macherin, die zunächst die Krise managen wolle. Um Versäumnisse sollte es erst später gehen. Neben ihr: der immer noch zerknirschte Diethelm Hansen und ein leitender Mitarbeiter ihrer Behörde. So ging das immer wieder. Mal ordnete sie die Schließung der Station an, mal informierte sie die Öffentlichkeit vom Rauswurf Hansens. Sie war immer aktiv.

Das hat Methode und zeigt, dass die CDU nicht in der Lage ist, den Skandal bei ihr aufzuhängen. Vor ein paar Wochen ließ Renate Jürgens-Pieper einen Experten eine mögliche Keimquelle präsentieren. Der Mann heißt Martin Exner, ist Professor für Hygiene und leitet ein Institut an der Universität Bonn. Jürgens-Pieper nahm gerne neben ihm und vor den Kameras Platz.

Denn Exner hatte für die Öffentlichkeit eine Botschaft: Die Klinik habe sich nichts vorzuwerfen, und er habe DNA-Reste von Klebsiellen in einem Desinfektionsmitteldosiergerät gefunden. Die Theorie dazu ist so sperrig wie der Begriff. Denn Exner kann nicht erklären, wie die Keime in das Gerät gekommen sein sollen. Und seine Theorie erklärt auch nicht, dass Keime auch dann noch übertragen wurden, als die Station geräumt war und die kleinen Patienten an einem anderen Ort behandelt wurden. Die Klebsiellen seien "retrograd" in das Gerät gelangt, sagt Exner. Das bedeutet, die Keime seien durch den Desinfektionsmittelauslass ins Gerät gekommen - gegen die Flussrichtung des Gemischs, das in dem Automaten aus Konzentrat und Leitungswasser angerührt wird.

Damit lieferte Exner etwas, das Jürgens-Pieper sehr gut gebrauchen kann: eine Hypothese, die Klinik und Verantwortliche entlastet. Von einer "heimtückischen" Quelle sprach der Bonner Wissenschaftler, den die Senatorin als Chef der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) vorstellte. Von dieser, so sagte sie, seien ja auch Gutachter im Untersuchungsausschuss gehört worden. Dabei hat sie wohl nur an einen gedacht: Klaus-Dieter Zastrow, neben Exner im Vorstand der DGKH. Der hatte die Schuldfrage immer wieder bei der Klinikorganisation gesucht - nicht zuletzt bei den Gesellschaftern der Geno: also Bremen, vertreten durch Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper.

Zastrow war einer der Ersten, die darauf hinwiesen, dass ein zu geringer Personalschlüssel ein enormes Risiko für die Frühgeborenen darstelle. Dem Abendblatt sagt er jetzt: "Die Behandlung der Frühgeborenen ist eine hochfiligrane Tätigkeit. Wenn Sie da wegen zu wenig Personal in Zeitnot geraten, sind Katastrophen programmiert."

Zastrow hält Exners Thesen für eine "wissenschaftliche Zumutung". Ihm erscheint Exners Erklärung, die Jürgens-Pieper präsentierte, als ein Versuch, die "Verantwortung aus der Klinik herauszuverlagern". Und: "Der soll mir mal erklären, wie der Keim durch den Desinfektionsmittelauslass ins Gerät geklettert sein soll."

Exners These hat Wirbel gemacht. Die Firma Bode, Hersteller des Desinfektionsmittelkonzentrats, sagt auf Nachfrage: "Gegenüber den Patientenisolaten aus Bremen war unser Mittel absolut wirksam." Das sei im Bonner Labor Exners geprüft worden, so Professor Günter Kampf vom Bode Science Center. Er hält die These Exners deshalb für "eher unwahrscheinlich".

Widerspruch kommt auch von einem Juristen. Burkhard Kirchhoff ist Patientenanwalt in vielen Krankenhausskandalen, so auch in Bremen: "Ich finde es merkwürdig, dass Herr Exner oft ins Spiel kommt, wenn es für die Kliniken eng wird und wir es dann mit Theorien zu tun haben, die schwer zu prüfen sind." So verweist Kirchhoff auf das Uniklinikum in Mainz. Dort starben drei Frühchen, die zuvor verunreinigte Infusionslösungen erhalten haben sollen. Exner entlastete die Klinik, indem er eine Infusionsflasche zur Quelle erklärte. Ähnlich wie in Bremen eine besonders heimtückische Täterin. Womöglich unter einem Etikett und damit für niemanden sichtbar seien die Keime durch einen Haarriss in die Nährlösung gelangt.

In Bremen musste Exner jetzt vor dem Untersuchungsausschuss einräumen, dass es nicht gelungen sei, seine Theorie zu beweisen. Aus dem DNA-Fund im Desinfektionsmitteldosierer ließ sich nicht mehr ableiten, ob es sich um den Ausbruchsstamm handele. Für die Klinik ein Rückschlag. Jürgens-Pieper saß diesmal nicht neben Exner.

Die Landeschefin der CDU übt sich derweil in Attacke. So sagt Rita Mohr-Lüllmann, die auch im Untersuchungsausschuss sitzt: "Wir haben es mit organisierter Verantwortungslosigkeit zu tun." Die Senatorin habe die Informationen offenbar nicht zusammenlaufen lassen und Verantwortliche immer weit weg von ihrem Schreibtisch gefunden.

Vielleicht kommt es am 17. Juli zum Showdown. Die Senatorin ist an dem Tag als letzte Zeugin vor dem Untersuchungsausschuss geladen.