Mecklenburg-Vorpommern

Verkehrsstatistik: Raue Sitten auf der Straße

Foto: dpa-Zentralbild

Nirgendwo ist das Risiko zu sterben oder schwer verletzt zu werden größer als in Mecklenburg-Vorpommern. Über die Ursachen wird gerätselt.

Rostock. Die Zahlen schockieren: Von Januar bis Juni starben auf den Straßen Mecklenburg-Vorpommerns mit 71 Menschen 16 mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch wenn der dramatische A19-Unfall im März mit 8 Toten „herausgerechnet“ ist, zeigt sich doch, dass auf den Nordost-Straßen bezogen auf die Einwohnerzahl bundesweit die meisten Menschen sterben. „Für die Steigerung gibt es keine schlüssige Erklärung“, sagt Rostocks Polizeipräsident Thomas Laum. Seit 2001 war die Zahl der Toten und Verletzten stetig gesunken. 2010 starben auf den Straßen im Westen des Landes – im Zuständigkeitsbereich des heutigen Rostocker Polizeipräsidiums – 48 Menschen, 66 Prozent weniger als vor 10 Jahren, 530 wurden schwer verletzt, ein Rückgang um 60 Prozent. Dies sei der technischen Entwicklung der Autos und dem Straßenausbau geschuldet, aber auch den Kontroll- und Präventionsmaßnahmen , betont Laum.

Die Statistik lenkt den Blick auf die teils rohen Verkehrssitten, die nach Worten des Polizeipräsidenten jeder wahrnehmen kann. „Es gibt ein gewisses Maß von Aggressivität, gepaart mit Rücksichtslosigkeit, unterstützt durch weit verbreiteten Alkoholkonsum.“ Dies belegen Unfallzahlen aus 2010. Bei rund 25 Prozent der schweren Unfälle wurde gerast, bei 14 Prozent war es Alkohol am Steuer. Mit 36 Alkoholunfällen pro 100.000 Einwohner war der Nordosten unrühmlicher deutscher Spitzenreiter.

Prinzipiell zufrieden ist Laum mit den Kontrollen. „Wir tun, was möglich ist.“ Dabei träten die Polizisten nicht mehr so sichtbar wie früher auf, was auch den von ihm heftig kritisierten Blitzerwarnungen im Radio geschuldet ist. „Das ist doch moralisch schief.“ Eine Kontrollstelle könnte eigentlich nach einer halben Stunde wieder abgebaut werden. Konsequenz sei, dass es nun viele und sehr kurzfristige Verkehrskontrollen gebe. Bei Autofahrern unter Drogeneinfluss habe die Polizei noch „ein Erkenntnisproblem“, räumt Laum ein, doch daran werde mit Hochdruck gearbeitet.

Das Überfahren von roten Ampeln spiele im Unfallgeschehen eine kleinere Rolle. In der Statistik 2010 tauchten nur 64 Unfälle mit Rotlichtverstößen auf. „Der Kontrolldruck an Ampeln ist dem Problem angemessen“, betont Laum. Keinen Unfallschwerpunkt stellten auch die Handy-Telefonierer am Steuer dar, auch wenn dieses Verbot eines der am wenigsten beachteten zu sein scheint. „Wir gehen nicht davon aus, dass wir mit den 3570 Handy-Feststellungen im vergangenen Jahr die meisten erfasst haben“, sagt Laum mit Sarkasmus.

Für den Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Michael Silkeit, sind die hohen Verkehrsopferzahlen auch auf die immer geringer werdende Zahl von Polizisten zurückzuführen. 2001 gab es laut Innenministerium knapp 5600 uniformierte Polizisten, vergangene Woche waren es 5046. „Es fehlt der Kontrolldruck“, betont Silkeit. Vor zehn Jahren habe es kurzfristig eine Besserung gegeben, als eine „immense Zahl von Polizisten“ bei Kontrollen eingesetzt wurden, das sei Geschichte.

Klar sei aber: „Repression alleine hat noch nie etwas gebracht.“ Kontrollen müssten auch für die Autofahrer nachvollziehbar sein, fordert Silkeit. Das Raserproblem könne in Wohngebieten mit baulichen Veränderungen verringert werden. Zudem müssten die Kommunen die Ampelschaltungen überprüfen, die nach Ansicht Silkeits für viel Verdruss und riskantes Verhalten bei Autofahrern sorgten.

ADAC-Sprecher Matthias Schmitting lenkt einen Teil der Verantwortung für die hohe Verkehrsopferzahl und das Treiben von Verkehrsrowdys in Richtung Politik. „Wir haben keinen Respekt vor Politikern, die einerseits populistisch sagen, dass mehr Prävention und Repression notwendig sind und dann mit den notwendigen Kosten beim Finanzministerium scheitern.“