Blackout in Hannover

Stromausfall: 72 Minuten stand Hannover still

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Der Vorhang fiel um kurz nach halbelf: 600.000 Menschen waren für eineinhal Stunden ohne Strom, Dunkelheit legte sich über Hannover und Umgebung.

Hannover. Der Vorhang fiel um kurz nach halbelf: 600.000 Menschen waren für eineinhal Stunden ohne Strom, Dunkelheit legte sich über Hannover und Umgebung. Zeitgleiche Störungen in einem Kraft- und einem Umspannwerk haben in Hannover und dessen Umland einen totalen Stromausfall verursacht. Nach Angaben des lokalen Versorgers Enercity saßen am Mittwochabend ab 22.34 Uhr insgesamt 600.000 Menschen im Dunkeln. In den Straßen breitete sich kurz vor Ende des Frauen-WM-Halbfinales zwischen Japan und Schweden ungewohnte Ruhe aus. Zwischen 22.43 und 23.55 Uhr wurde die Stromversorgung schrittweise von Stadtteil zu Stadtteil wieder hergestellt.

Nach dem Ausfall seien zwei andere Verbindungen zum Hochspannungsnetz aktiviert und zudem ungenutzte eigene Kraftwerkskapazitäten hochgefahren worden, berichtete der Sprecher. Die genaueren Ursachen des Stromausfalls werden untersucht. Einen bundesweiten Mangel an Kraftwerkskapazität habe es nicht gegeben.

785 Notrufe bei Feuerwehr

Nach dem Zusammenbruch des Stromnetzes gingen bei der hannoverschen Feuerwehr binnen dreieinhalb Stunden 785 Notrufe meist von besorgten Bürgern ein. Tatsächlich ausrücken musste die Feuerwehr nach dem Ausfall 75 Mal. Allein 45 Einsätze verursachten Feuermelder, die mangels Strom vermeintliche Brände signalisierten. Neun Personen holte die Feuerwehr aus festsitzenden Fahrstühlen. In acht Pflegeheimen sorgte sie für eine Versorgung mit Notstrom, um Beatmungsgeräte in Gang zu halten. Insgesamt waren 350 Feuerwehrleute im Einsatz.

In den beiden größten hannoverschen Industriebetrieben Volkswagen Nutzfahrzeuge und Conti kam es zu Produktionsausfällen. Bei VW Nutzfahrzeuge seien durch die Stromunterbrechung mehrere Produktionsmaschinen beschädigt worden, sagte ein VW-Sprecher. Es habe eine zweistellige Zahl von Fahrzeugen nicht gebaut werden können. Bei Continental mussten Mitarbeiter der Nachtschicht bis in den Donnerstag hinein Maschinen von erkalteter Gummimasse reinigen, wie eine Conti-Sprecherin sagte.

Einbrecher nutzen Gelegenheit

Menschen kamen nach Polizeiangaben durch den Stromausfall nicht zu Schaden. Auch bei der Polizei gingen viele Anrufe besorgter Bürger ein. Es habe aber nicht mehr Einsätze als sonst gegeben, sagte eine Sprecherin. Bei Einbruchdiebstählen hätten unbekannte Täter die durch den Ausfall entstandene Dunkelheit aber ausgenutzt. Sie hätten Scheiben von vier Geschäften zerschlagen und vor allem Zigaretten gestohlen.

Die Polizei registrierte keine erhöhten Unfallzahlen, obwohl im hannoverschen Stadtgebiet zeitweise alle Ampel ausfielen. Auch die Auswirkungen des Stromausfalls auf den Bahn- und Luftverkehr blieben gering. Im Hauptbahnhof Hannover sorgten Notstromaggregate für eine per Notbeleuchtung. Einige Vorortbahnhöfen lagen zeitweilig im Dunkeln. Dort verminderten durchfahrende Züge die Geschwindigkeit. Die Bahnbetriebszentrale versorgte sich durch Notstromaggregate. Auch auf dem Flughafen Hannover Langenhagen sorgte nach einem kurzen Blackout die Notversorgung für Strom.

Blackout in der Klinik

Wenn plötzlich der Strom ausfällt, wird es für Sekundenbruchteile auch im Krankenhaus dunkel. Dort wo Leben und Gesundheit vieler Menschen von elektrisch betriebenen Apparaten abhängen, mussten in der Nacht zum Donnerstag Kliniken im Großraum Hannover auf ihre Notstromaggregate zurückgreifen. Für bis zu zwei Stunden fiel der Strom aus. Der Notfall hielt Techniker und Oberärzte in Atem – auch in der Notaufnahme einer Klinik, wo gerade ein Patient wiederbelebt wurde.

Altenheime ohne Notstrom riefen die Feuerwehr mit ihren Aggregaten zur Hilfe. In acht Heimen habe die Feuerwehr die medizinischen Geräte am Laufen gehalten, sagte Sprecher Jan Feichtenschlager. Solche Aggregate gebe es auf jedem Löschfahrzeug. „Wir haben auch Heime gezielt angerufen und gefragt, ob sie Unterstützung brauchen.“ In sämtlichen Notlagen hätten seine 350 Kollegen helfen können.

„Zum Glück gab es keine Operation, die lief“, sagte der Sprecher des Klinikums Nordstadt, Bernhard Koch. Der Notstrom versorge alle wichtigen Geräte, Monitore zur Überwachung schalteten auf Akkus um. Die Notbeleuchtung sei schummeriger als normales Licht. Eine Ärztin lief deswegen gegen eine Glastür – sie arbeitete mit einer blutigen Lippe weiter. Auch eine Reanimation konnte trotz des Blackouts erfolgen.

„Wir führten zum Glück zu der Zeit keine Operationen durch. Nur auf eine Schwangere, die auf einen möglichen Kaiserschnitt wartete, mussten wir aufpassen“, sagte Prof. Hans Anton Adams an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Drei Stunden lang blieb dem mit 1200 Patienten voll ausgelasteten Krankenhaus der Strom weg. Zwischenzeitlich rückte auch die Feuerwehr ein: Ein Feuermelder hatte auf die Abgase des Notstromdiesels reagiert und Alarm ausgelöst.

„Während der Umschaltphase gibt es einige Sekunden, wo nichts da ist“, sagte der stellvertretende technische Leiter des Diakoniekrankenhauses Annastift, Peter Lappenberg. Dann sei der Schiffsdiesel samt Generator angesprungen. Als Lappenberg den Weg aus der komplett dunklen Innenstadt in die Klinik geschafft hatte, war der Strom wieder da. Per Hand musste er sicherstellen, dass alle elektrischen Geräte wieder liefen.

In den Gängen eines Pflegeheims auf der Lister Meile schummerte grünes Notlicht, die Feuertüren schlossen automatisch, das Rufsystem auf den Zimmern funktionierte nicht. Die Nachtschicht kontrollierte mit Taschenlampen die Zimmer – und ging zuerst zu zwei Patienten, die künstlich ernährt werden. „Die Akkus der Geräte sind angesprungen und hätten auch noch längere Zeit gehalten“, sagte Heimleiterin Christine Effne. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Die Lehre für das Pflegeheim: „Wir werden uns mehr Taschenlampen anschaffen.“

Im St. Monika-Heim blieben die Bewohner vom Stromausfall unbehelligt – sie schliefen, als die Notstromaggregate ansprangen. „Wir waren gut vorbereitet und hatten alles im Griff“, sagte die Heimleitung. Ebenfalls cool blieb die Nachtschicht im Kleefelder „Stephansruh“, als kurzfristig das Telefonsystem zusammenbrach. Der eilig gerufene Elektriker war schnell vor Ort – kurz nach Ende des Ausfalls liefen die Geräte bereits wieder.

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