Rentner nach Todesschuss angeklagt

Ernst B. erschoss einen flüchtenden Räuber. Staatsanwaltschaft glaubt nicht mehr an Notwehrlage

Sittensen/Stade. Wie schmal der Grat zwischen Notwehr und Totschlag ist, zeigt eine aktuelle Entscheidung der Staatsanwaltschaft Stade. Die Ermittler haben jetzt doch Anklage wegen Totschlags gegen den Rentner erhoben, der im Dezember 2010 einen Räuber auf der Flucht erschossen hatte. "Es spricht einiges dafür, dass er nicht in einer Notwehrsituation gehandelt hat", sagte Staatsanwaltschaftssprecher Burkhard Vonnahme gestern.

Der 78 Jahre alte Rentner Ernst Diedrich B. war am 13. Dezember 2010 von fünf jungen Männern auf seinem Anwesen am Rande der Samtgemeinde Sittensen im Landkreis Rotenburg/Wümme überfallen und ausgeraubt worden. Die Bande flüchtete über die Terrasse, als plötzlich der Alarm losging. Jäger Ernst Diedrich B. griff nach einer Pistole und schoss den Räubern hinterher. Er traf den damals 16-jährigen Labinot S., der auf der Terrasse zusammenbrach und verblutete.

Seine Komplizen flüchteten, stellten sich aber zwei Tage später der Polizei und gestanden die Tat. Das Landgericht Stade verurteilte sie wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung zu mehrjährigen Haftstrafen.

Wenige Tage nach dem Urteil stellte die Staatsanwaltschaft im Juli 2011 die Ermittlungen gegen den Rentner ein. Er habe in Notwehr gehandelt, weil er sein Eigentum beschützen wollte, hieß es von der Behörde.

Doch im Namen der Angehörigen von Labinot S. legte Rechtsanwalt Hendrik Prahl Beschwerde ein - wegen der Tatsache, dass das Opfer in einer Höhe von etwa 1,20 Metern getroffen wurde. Es sei kein Warnschuss abgegeben und auch nicht auf die Beine gezielt worden, sagte Prahl. Die Einschusshöhe sei ein Grund für die Neubewertung, bestätigte Staatsanwalt Vonnahme.

Die Ermittlungsbehörde habe nach der Beschwerde die Verurteilten erneut befragt und deren Aussagen neu bewertet. Das Landgericht Stade entscheidet nun, ob die Anklage zugelassen wird und dem Rentner der Prozess gemacht wird.