Hausbesuch

Familienglück in einem Bootshaus am Osterbekkanal in Barmbek

Malte Kramer und seine Familie lieben es, auf dem „Bootsdeck“ der Doppelhaushälfte zu essen und zu trinken.

Foto: Andreas Laible

Malte Kramer und seine Familie lieben es, auf dem „Bootsdeck“ der Doppelhaushälfte zu essen und zu trinken.

Architekt Malte Kramer hat nicht nur die vier preisgekrönten Häuser mit acht Doppelhaushälften entworfen, er wohnt auch in einer davon.

Hamburg.  Unbestritten – wer an Alster oder Elbe wohnt, der gehört zu den Privilegierten in der Hansestadt. Man kann sich aber auch am Osterbekkanal in Barmbek-Nord wie ein König fühlen.

Das darf behaupten, wer Architekt Malte Kramer besucht. Der hat sich dort zusammen mit seiner Lebensgefährtin Heike B. (38), ebenfalls Architektin, und seinen beiden Kindern Stuart (14) und George (13 Wochen alt) zwar keinen Palast gebaut, dafür aber ein sehr charmantes und vor allem maritimes Nest.

Konkret bewohnt er eines von vier Bootshäusern in Form von Doppelhaushälften mit drei, eigentlich aber fünf Ebenen.

Gleich zweifach wurden die Häuser ausgezeichnet

Hübsch sind die acht „Hälften“ in südlicher Verlängerung vom Löschplatz Lämmersieth anzusehen. Mit ihrer weißen Putzfassade, der dunklen Fensterrahmung und dem in Holzoptik aufgesetzten Boots- oder Sonnendeck geben sie am Kanal ein schönes Bild ab.

Und so verwundert nicht, dass dieses 2012 fertiggestellte Projekt gleich zweifach mit dem Fiabici Prix d’Excellence ausgezeichnet wurde. Er kann als so etwas wie der Oskar für Bauvorhaben angesehen werden – eine sehr begehrte und exklusive Auszeichnung.

Malte Kramer hat also guten Grund, uns so strahlend an diesem schönen Sommertag an der Haustür zu begrüßen. Sein Büro SKAI Siemer Kramer Architekten hat nämlich die Häuser entworfen.

Bauherr und Architekt sind damit eins; welch gute Grundlage, dass die Qualität eines Bauprojekts überzeugt.

Rotweinabende mit den Nachbarn

Der 48-Jährige hat die Planung und den Einzug in eines dieser Häuser deshalb auch noch keine Sekunde bereut – ebenso wenig wie seine Nachbarn.

„Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen zu Rotweinabenden. Es gibt nämlich eine Baulast, die uns alle miteinander verbindet: die Hebeanlage gleich hier am Haus unter dem Gulli“, erzählt der Architekt. Die Treffen seien ein gern vorgeschobener Anlass, um sich immer mal wieder zu sehen, erzählt er augenzwinkernd.

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Dabei öffnet er die Fenster in der Küche weit und wirft mit ausholenden Bewegungen im Sekundentakt ganze Toastbrotscheiben in die Luft. Augenblicklich findet sich mit lautem Geschnatter eine Schar von Enten, Möwen und Wildgänsen ein.

„Ist das nicht herrlich?“, fragt Kramer. „Mitten in der Stadt wohnen und trotzdem so viel Natur! Wenn ich Lust habe, kann ich mit dem Kanu direkt in die Stadt paddeln.“

Gegen zu hohe Verdichtung und Ghettoisierung

Eine gute Gelegenheit, den Architekten zu fragen, wie er die geplante und in manchen Quartieren Hamburgs bereits erfolgte Verdichtung bewertet.

Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Es darf nicht zu dicht gebaut werden, keiner sollte dem anderen aufs Brot schauen können“, stellt er klar. Ganz wichtig sei auch, es nicht zu einer Ghettoisierung in den Quartieren kommen zu lassen – vor allem aber gelte es, nachhaltig zu bauen.

„Unser Büro errichtet beispielsweise gerade an der Kieler Straße ein Haus in Massivbauweise mit Vollklinker. Die Wohnungen sind für die öffentliche Unterbringung von Menschen mit Bleiberecht gedacht und könnten nach Ablauf der Mietzeit auch als Studentenwohnungen genutzt werden“, erzählt er, während wir am Esstisch in der Küche sitzen.

Rettungsring an der Küchenwand

Hier ist auf 55 Qua­dratmetern alles maritim, lässig und liebevoll eingerichtet. Selbst für den kleinen George ist vor der dunkelblau gestrichenen Wand mit dem leuchtend orangefarbenen Rettungsring ein kleines Plätzchen zum Schlafen und Spielen eingerichtet.

Stolz verweist der Hausherr auf die graue Arbeitsplatte aus Beton – „die ist 300 Kilogramm schwer!“ – und die runde Dunstabzugshaube, integriert in die Herdplatte. „So was von praktisch!“ Ein gutes Stichwort, denn Malte Kramer hat offenbar ein Faible für Funktionalität.

Die beiden an der Küchenwand hängenden Ablagen aus Holz mit den vielen kleinen Fächern für eingerollte Leinentaschen hat er beispielsweise selbst gefertigt. Und die Garderobe im kleinen Flur aus Ketten mit Karabinerhaken am Ende auch. Sehr clever und sehr maritim.

Eine Idee, die sich zwei Etagen höher, dort, wo sich das Schlafzimmer und das Bad des Architektenpaares befindet, im Ankleidezimmer wiederfindet.

Einen Werkraum gibt es auf dem Dach

Eine Etage tiefer entdecken wir bei der Hausbegehung einen Wohnzimmertisch auf Rollen, gefertigt aus der Hälfte eines urigen Baumstammes. „Den habe ich auch selbst gebaut“, sagt Kramer.

Und wo hat er fürs Werkeln den Platz? „Na, ganz oben auf dem Sonnendeck, wo wir in einem kleinen Raum zugleich auch eine kleine Küche eingerichtet haben“, so Kramer.

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Damit ist ein wichtiger Punkt angesprochen: das Treppenlaufen. Kramer findet das nicht schlimm. „Ist doch gut für die Figur, schreiben Sie ruhig: ‚Zu Besuch bei Familie Knackarsch!‘“, witzelt der Architekt, um ernst hinzuzufügen: „Mehrere Ebenen sind richtig praktisch fürs Generationenwohnen. Mein Sohn Stuart hat gerade sein Zimmer im oberen Geschoss gegen das in der Kanuebene getauscht.“

Im Haus wurde sogar schon gemordet

Der 14-Jährige lächelt bestätigend und zeigt uns stolz sein Reich auf Augenhöhe mit Wasser und Enten. „Ich habe jetzt sogar einen eigenen Zugang zu meinem Zimmer“, freut sich der Teenager, der Sport und Sprachen zu seinen Lieblingsfächern zählt.

So pfiffig und schön, wie das Haus eingerichtet ist, wundert es nicht, dass es auch schon als Location für einen Film genutzt wurde.

„Dort, wo Sie gerade gesessen haben, wurde jemand von hinten vor Kurzem erschlagen“, erzählt Malte Kramer augenzwinkernd. In der Sendung „Morden im Norden“ sei das zu sehen gewesen. Ein Ereignis mit Erinnerungswert, denn tatsächlich kamen kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg echte Einsatzkräfte der Polizei bei den Dreharbeiten zum Einsatz.

Leider nahmen sie ihren Job zu genau: Statt nur vorzugeben, mit einer Ramme die Haustür öffnen zu wollen, setzten sie das Werkzeug tatsächlich ein. Nur kurz zwar, aber der Schaden war getan: eine kleine Delle in der Haustür.

Malte Kramer findet es eher lustig. „Ich habe denen vom Film gesagt, lasst mir das tolle Bild, das ihr für die Dreharbeiten über unser Bett gehängt habt.“ Und so ist es dann auch gekommen. Jetzt ist dort auf der schwarzen Wand ein leuchtend grünes Bild von dem Künstler Uwe Berthold zu sehen.

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