Hausbesuch

Offene Türen im Mehrfamilienhaus auf der Uhlenhorst

Beatrice Züll (li.) mit den beiden Töchtern Lisa

Beatrice Züll (li.) mit den beiden Töchtern Lisa

Foto: Michael Rauhe

Eine gute Hausgemeinschaft bereichert das Leben von Beatrice Züll und ihren Kindern – insbesondere in Zeiten, in denen Trost guttut.

Hamburg.  In der weihnachtlich geschmückten Küche von Beatrice Züll herrscht Hochbetrieb: Ihre Töchter Lisa und Carla haben den Teig für die Weihnachtsbäckerei ausgerollt und stechen die Backform des „kleinen Phönikks“ in die Knetmasse. Den Teig hat Gerardo Goffredo gestiftet, der im Haus sein gleichnamiges Restaurant betreibt und auf einen kurzen Nachmittagsplausch vorbeigekommen ist. Auch die Nachbarn und Freunde Dana und Torsten Oppermann umstehen mit ihren Zwillingen Louisa und Benedict den Küchenblock und bewundern die Backform der kleinen Figur.

Sie verweist auf die gleichnamige Stiftung, die sich um an Krebs erkrankte Menschen und ihre Familien kümmert. Beatrice Züll, seit 2014 geschäftsführender Vorstand der traditionsreichen Einrichtung, will die Kekse am nächsten Tag bei einigen ihrer Schützlinge als Weihnachtsgruß vorbeibringen. „Unser kleiner Phönikks ist gerade für krebskranke Kinder in Form einer Holzfigur zu einer Trostfigur geworden, warum also nicht auch als großer Weihnachtskeks?“, sagt die gebürtige Schwäbin.

Familien-Zusammenkünfte stehen auf der Tagesordnung

Zusammenkünfte der Familien an diesem vorweihnachtlichen Nachmittag ist keine Ausnahme, sondern an der Tagesordnung. In dem Mehrfamilienhaus auf der Uhlenhorst bilden die meisten der insgesamt zwölf Parteien eine große Gemeinschaft – mit insgesamt 18 Kindern nahezu gleichen Alters.

Man könnte auch sagen: Es ist das Haus der offenen Türen, denn damit die Kinder ungehindert ihre Freunde auf allen Stockwerken besuchen können, sind die Wohnungstüren meist nur angelehnt. „Gegessen wird, wo gerade etwas auf den Tisch kommt“, sagt Torsten Oppermann. Es sei wie früher auf dem Dorf, nur hier halt mitten in der Stadt und im geschützten Raum eines Hauses.

Auch zwischen den Erwachsenen sind Freundschaften entstanden

Wie die Kinder, sind auch viele Erwachsene mittlerweile eng befreundet. Auch sie gehen in den identisch geschnittenen Altbauwohnungen ohne Anmeldung ein und aus. Der Grundriss aller Wohnungen entspricht dabei dem sogenannten Hamburger Knochen mit drei repräsentativen, ineinandergehenden Räumen im vorderen Bereich sowie Küche, Bad und Schlafzimmern im hinteren Trakt.

Für Beatrice Züll, die mittlerweile allein mit ihren drei Kindern im Haus lebt, ist es „ungeheuer spannend und inspirierend“ zu sehen, wie viele Wohnwelten auf der gleichen Fläche möglich sind. Während sie es beispielsweise eher höhlenartig gemütlich mag, lieben Dana und Torsten Oppermann den puristischen Stil.

Die Mitglieder der Hausgemeinschaft helfen sich gegenseitig

Lieblingsstück des Hausherren ist allerdings eine Kommode aus Birnenholz. „Die ist schon mit mir nach San Francisco gezogen und hat hier in der Stadt auch schon fünfmal den Platz gewechselt“, erzählt er.

Alle aber schätzen den Zusammenhalt innerhalb der Hausgemeinschaft. „Es ist ein Netzwerk für gute und schlechte Zeiten, wo jeder jedem hilft“, sagt Dana Oppermann. Wer krank sei, werde umsorgt und bekocht, kein Kind sei nach der Schule allein zu Hause. „Wir helfen uns untereinander und organisieren gemeinsam unser Leben“, bestätigt Beatrice Züll.

Deko macht Wohnung zum Weihnachtstraum

Als sie ihre Wohnung zum Beispiel weihnachtlich dekorieren wollte, habe ihr Dana geholfen. Als bekennender „Weihnachtsjunkie“ hat die wiederum ihre eigene Wohnung bereits seit dem Lichterfest in einen wahren Weihnachtstraum verwandelt – mit einem weißgeschmückten Tannenbaum im Wohnzimmer, Girlanden und Lichterketten an den Türrahmen, einer Spielzeugeisenbahn und liebevollen Arrangements auf Kunstschnee. „Mittlerweile freuen sich fast alle im Haus auf meine Deko, das spornt mich natürlich an“, gesteht die 36-Jährige und lacht.

Ihr Mann Torsten sorgt dagegen für das Wohl der männlichen Bewohner: Für Fußballübertragungen installiert er seinen Fernseher im Flur des Hauses. „Das schafft lebendige Nachbarschaft, die glücklich macht“, sagt der Agenturchef. Seit 2014 wird die „lebendige Nachbarschaft“ im Haus gelebt, seit Einzug der Familien Züll und Oppermann.

Soziales Engagement verbindet den Freundeskreis

Vor allem die Frauen verbindet viel: Beide sind beruflich engagiert und setzen sich für soziale Zwecke ein. Während Beatrice Züll Spenden für ihre Stiftung sammelt – „es müssen jährlich 750.000 Euro zusammenkommen, um die am Leben zu erhalten“ –, betreibt Dana Oppermann das Verbraucherportal „flugrecht.de“ und näht in ihrer Freizeit für ihr Projekt „charibag“ in jeder freien Minute Turnbeutel und Taschen für einen guten Zweck.

„Von jeder verkauften Tasche gehen zehn Euro an soziale Projekte“, sagt sie. Derzeit näht sie den „kleinen Phönikks“ auf Sportbeutel, ihre Nähmaschine steht direkt neben ihrem Computer in der „Waschküche“.

Ein Ort zum Energietanken

Torsten Oppermann indes hat sich für seinen Stadtteil engagiert: Als Initiator der Bürgerbewegung gegen die Busbeschleunigung hat er viele der alten Bäume im Hofweg und der Papenhuder Straße gerettet, die dem Vorhaben geopfert werden sollten, wie er erzählt.

Für Beatrice Züll ist ihr Zuhause vor allem ein „Kraftort“. In ihrer gemütlichen Sitzecke in der Küche oder im Schaukelstuhl verarbeitet die dreifache Mutter die belastenden Erlebnisse ihres Arbeitsalltags und tankt neue Energie.

Leid und Schicksale der krebskranken Kinder sind belastend

„Die Schicksale der an Krebs erkrankten Kinder und das Leid ihrer Angehörigen machen mir oft sehr zu schaffen“, gibt die 48-Jährige zu. Meist helfe dann ein Gespräch mit ihrer Freundin Dana oder sie entspannt in ihrem schönen Badezimmer – ein Erbe des Vormieters.

Dass es sie und die Familie 2014 beruflich nach Hamburg verschlagen hat, wertet sie als Glücksfall. Die Aufgabe in der Stiftung und die Wohnung seien ihr quasi vor die Füße gefallen. Die Hausgemeinschaft erweise sich dabei gerade jetzt in Zeiten der Trennung von ihrem Mann als größte Stütze. „Das Gefühl, auch die Tränen eine Tür weitertragen zu können, ist eine gute Erfahrung.“

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