Wenn die Wände klingen

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Friederike Ulrich

Lautsprecher werden unsichtbar verbaut – hinter Glas, Fliesen, Bildern und sogar in Möbeln

Der raumfüllende Klang eines Klavierkonzerts scheint aus dem Nichts zu kommen. Doch seine Quelle ist nirgends zu entdecken. Weder an den Wänden, an der Decke noch in den Ecken sind Lautsprecher zu sehen. Dabei müssten dort eigentlich mehrere Boxen installiert sein, denn die Musik erklingt in Stereo.

„Nicht nur Kabel, ganze Lautsprecher können unter Putz montiert werden“, sagt Ulrich Holz und lüftet das Geheimnis. „Das ist ein völlig neues Klangerlebnis.“ Der gelernte Steinmetz und Bildhauer ist Spezialist für fugenlose Wand- und Wohnraumgestaltung – sprich: für Feinputz und metallische Oberflächenbeschichtungen. Hin und wieder lässt er für seine Kunden auch Lautsprecher dahinter verschwinden. Tapete, Gips und Spachtelmasse bis fünf Millimeter können dem Klangbild nichts anhaben; Mörtel und Fliesen sind dagegen eher ungeeignet.

Die „klingenden Wände“ werden von Wohnraumdesignern mittlerweile in verschiedenen Ausstellungen vorgeführt, darunter im Badezimmer-Showroom „Bad Elemente“ in Winterhunde. Den Einbau der 60 mal 40 Zentimeter großen Sonos-Lautsprecher hat Medientechniker Daniel Hansen übernommen, die anschließende Wand- und Deckengestaltung Ulrich Holz. Lediglich ein Bedienelement, so groß wie eine Doppelsteckdose, und eine Dockingstation für iPhone oder iPod sind zu sehen – die Musik lässt sich aber auch über Bluetooth übertragen. „Bei Kunden stößt diese Art der Musikwiedergabe auf großes Interesse“, sagt Mike Günther, Chef von „Bad Elemente“.

Unsichtbare Lautsprecher werden bei Musikliebhabern, die Wert auf Raumästhetik legen und nicht auf Kabel und Boxen blicken möchten, zunehmend beliebter. „Die Idee ist nicht neu, aber die Klangfähigkeiten haben sich verbessert“, sagt Daniel Hansen von dem Pöseldorfer Unternehmen Inhouse Media Systems. Er beschäftigt sich seit 2004 mit der Planung von Audiotechnik und Mediensteuerung und installiert immer häufiger auch Einbaulautsprecher oder „unsichtbare“ Boxen. Beim Hersteller purSonic etwa bestehen sie aus einer Gipskartonplatte, an deren Rückseite ein flacher Lautsprecher eingelassen ist – aufgehängt in einem Metallrahmen, damit er schwingen kann. Soundboards werden die Platten genannt. Diese spezielle Flächenlautsprecher-Membran lässt sich nach Herstellerangaben im Gegensatz zu anderen Produkten auch bei Glas, Fliesen und sogar absorbierenden Wand- und Deckenflächen einsetzen. Ihre Belastbarkeit reicht von 20 bis 400 Watt, der Abstrahlwinkel beträgt bis zu 180 Grad.

Der Einbau selbst geht recht schnell – je nachdem, ob nur eine Wand gezogen oder aber eine Decke abgehängt werden soll. Zuvor muss jedoch anhand von Raumgröße und Raumhöhe die Anzahl und die Positionierung der Lautsprecher berechnet werden. Auch die Beschaffenheit der Oberflächen im Raum spielen eine große Rolle.

„Harte Oberflächen wie Parkett und Stein oder große Glasflächen sollten bei der Platzierung von Lautsprechern berücksichtigt werden, da sie den Klang reflektieren“, rät Hansen. „Lautsprecher in der Decke, die senkrecht nach unten schallen, eignen sich bei hohen Räumen und harten Bodenbelägen weniger als Wandlautsprecher, die waagerecht in den Raum klingen. Diese sollten aber wiederum nicht auf große Glasfenster treffen.“ Im privaten Bereich sei eine genaue Planung besonders wichtig; in einem gut besuchten Restaurant dagegen würden die Gäste den Schall absorbieren und die Wirkung der Oberflächen verringern.

Nach dem Einbau der Soundboards geht der Wandgestalter ans Werk. Er verspachtelt die Fugen, verputzt Gipsplatten und Lautsprecher-Membrane und gestaltet die Oberfläche dann entsprechend den Kundenwünschen.

Während der Einbau des unsichtbaren Soundsystems vom Fachmann übernommen werden sollte, kann man die Wandgestaltung auch selbst übernehmen. Es sei denn, man legt Wert auf außergewöhnliches Design. So hat Ulrich Holz mit der Designer-, Architekten- und Handwerkergemeinschaft „Wand Eins“ schon Lautsprecher in eine Y-förmige Trockenbausäule oder in einen ebenso ungewöhnlich geformten Tisch integriert. Mit dabei waren die Designer von Barefoot, ein Unternehmen der Brüder Til und Nik Schweiger. Wer wenig Aufwand betreiben möchte, kann seine Lautsprecher statt hinter einer Wand auch hinter einem Bild verschwinden lassen.

Die Tantus Photo Galerie in den Colonnaden etwa bietet sogenannte Akustikbilder an, in denen ein Soundsystem integriert ist. Jedes Element besteht aus drei Grundkomponenten: der Rahmenkonstruktion aus ultraleichtem Aluminium, einer frei gestaltbaren Textilbespannung und dem integrierten Soundmodul. „Als Motiv können unsere Kunden nahezu alle Bilder aus unserem Portfolio wählen“, sagt Galeristin Iris Hahn. Wer sich nach ein paar Jahren am Motiv leidgesehen habe, könne es austauschen.

Die Kosten für ein etwa ein mal 1,40 Meter großes Akustikbild liegen bei ungefähr 2000 Euro.

Ein in Wand oder Decke integriertes Soundboard ist je nach Lautsprechergröße und -anzahl mindestens ebenso teuer – dabei aber viel weniger leicht zu warten oder auszuwechseln. „Bei unsichtbaren Lautsprechern gibt es keinen zerstörungsfreien Austausch“, sagt Daniel Hansen. „Auch die Position kann nicht mal eben verändert werden.“ Klingende Wände können noch andere Risiken und Nebenwirkungen haben: Wenn sich die Schwingung der Lautsprecher auf die Oberflächen der Umgebung übertragen, kann es sein, dass auch der Nachbar die Musik hört. Obwohl er das vielleicht gar nicht will.

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