Historische Baumaterialien: Alte Balken, Ziegel, Fliesen und Dielen sind begehrt - auch Repliken werden angeboten

"Dank des Internets verkaufen wir unsere Produkte bis in die USA"

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Holmer Stahncke

103 000 Ziegelsteine wurden in dem Neubau an der Elbchaussee verbaut. Das an sich ist nicht ungewöhnlich. Außergewöhnlich aber ist, dass es sich...

103 000 Ziegelsteine wurden in dem Neubau an der Elbchaussee verbaut. Das an sich ist nicht ungewöhnlich. Außergewöhnlich aber ist, dass es sich dabei um alte Ziegel handelt, die beim Abbruch eines historischen Gebäudes gerettet wurden. "Unsere Kunden lieben diese einzigartigen Ziegel, die so heutzutage gar nicht mehr hergestellt werden", sagt Rainer W. Leonhard (www.rainer-w-leonhardt.de). Der gelernte Tischler und Steinmetz gehört zu den Baustoffhändlern, die sich auf historische Baumaterialen spezialisiert haben. "Vieles haben wir selbst aus Abbruchhäusern gesichert, bevor es für immer vernichtet wurde", sagt Leonhardt. Deren Besitzer würden sich an ihn wenden, um dieses unwiederbringliche Material anzubieten. Es komme auch vor, dass er sich am Abriss beteilige, wenn es beispielsweise gelte, alte Balken, Ziegel oder Dielen zu bergen, sagt Leonhardt. Hausbesitzer könnten dabei bis zu 70 Prozent der Abrisskosten sparen.

Ein Blick auf die großräumigen Lager der auf historisches Material spezialisierten Baustoffhändler zeigt, was an wertvollen Bestandteilen in vielen alten Häusern zu finden ist. Da lagern neben Ziegeln, Fliesen und Pflastersteinen auch Balken, Dielen und Holzfußböden, Türen, Fenster und die entsprechenden Beschläge, Kamine, alte Öfen, Herde, Gitter und Zäune, Briefschlitze, Säulen, Brunnenrohre und was sonst in einem alten Haus zur Wohnkultur gehörte. Viele Kunden - Bauherren, Architekten und Hausbesitzer, die ihr Heim durch historische Accessoires wohnlicher machen wollen - nehmen weite Wege auf sich, um in den großflächigen Lagern historischer Baustoffhändler nach den Dingen zu suchen, die ihr Herz höher schlagen lassen. "Dank des Internets verkaufen wir unsere Produkte bis in die USA", sagt Rainer Blei. Der Architekt betreibt mit seiner Familie einen historischen Baumaterialhandel im hessischen Reiskirchen-Ettingshausen ( www.bau-antik.de ). Wichtig sei eine eingehende Beratung der Kunden, betont er. Die wenigsten wissen, welcher Türbeschlag in welcher Zeit und welcher Region benutzt wurde. So hatte man früher auf dem Lande andere Türbeschläge als in der Stadt. "Wer sein altes Haus denkmalgerecht instand setzen will, sollte nicht nur nach seinem persönlichen Geschmack kaufen", so Rainer Blei. Auch der Berliner Reinhard Leonhardt betont den Wert einer fundierten Beratung. Er habe schon mal lieber auf einen Verkauf verzichtet, als dass ein falsches Stück den Besitzer gewechselt hätte. "Es ist nicht schön, wenn man etwas in sein Haus ein- oder anbaut, das historisch oder regional so gar nicht passt."

Vertrauen ist ein großes Gut im historischen Baustoffhandel. So konnten sich die Profis im Gewerbe einen festen Kreis von Stammkunden aufbauen. "Die Architekten und Hausbesitzer wissen, dass wir für sie auch gezielt nach einem Teil suchen, wenn wir es nicht auf Lager haben", sagt Reinhard Leonhardt. In der Regel aber würden die Kunden im Lager finden, was sie suchten. Sollten sie von einer Garnitur Beschläge, von der nicht die notwendige Anzahl vorhanden sei, um alle Türen oder Fenster auszustatten, derart begeistert sein, dass kein anderes Produkt infrage käme, könnten auch Repliken angefertigt werden, um die Garnitur zu ergänzen. "Auf Wunsch auch patiniert, damit sie nicht als Repliken auffallen", so Leonhardt.

Das alles ist nicht billig. "Eine Zimmertür kostet im Schnitt 750 Euro", sagt Rainer Blei, zu dessen Spezialitäten alte Türen zählen. Dafür bekommt der Kunde Originale, die sorgfältig gesäubert wurden. Alte Lacke werden mit Heißluft entfernt. Andere Teile in einem Labor durch Begasung von Schadstoffen gereinigt. "Hölzer, die in einem bestimmten Kontext verbaut wurden, sodass eine Schadstoffbelastung wahrscheinlich ist, kommen erst gar nicht in unser Lager", betont Leonhardt. Auch würden alte Hölzer untersucht, wenn der Verdacht besteht, dass sie später mit schädlichen Holzschutzmitteln behandelt wurden.

Historische Baumaterialien kommen nicht nur in alten Häusern gut zur Geltung, weiß Rainer Blei. So habe er eine jahrhundertealte Tür verkauft, die ihren Platz in einem coolen Neubau gefunden hat. Viele Kunden aber wollen ihr altes Heim, dass im Laufe der Zeit durch Modernisierungen seinen Charme verloren hat, wieder seine alte Würde zurückgeben. Da ist es mitunter nicht mit dem Kauf einer alten Tür getan. "Früher waren Türen und Fenster nicht genormt", sagt Blei. Da muss der Handwerker schon mal zu Hammer und Meißel greifen, um die Öffnung in der Wand entsprechend anzupassen. Auch müssen zu den neuen "alten Türen" die passenden Zargen (Türrahmen) angefertigt werden.

Viele Hausbesitzer, die ihr Heim historisch aufwerten wollen, sind versierte Do-it-yourself-Handwerker. Der Umgang mit dem historischen Material, das so leicht nicht wiederzubeschaffen ist, verpflichtet sie, Fehler zu vermeiden. Für sie gibt es im Internet mit der Webseite www.baurat.de ein Forum, auf dem sie nicht nur hilfreiche Links und die Adressen zahlreicher spezialisierter Händler finden, sondern wo sie auch gegenseitig Erfahrungen austauschen können.

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