Wird sie die Innenstadt spalten?

Das neue Einkaufszentrum soll die City Ost und West verbinden. Experten befürchten aber das Gegenteil.

Die schwarzen Schuhe oder doch lieber die braunen? Ein Einkaufsbummel bringt schwierige Entscheidungen mit sich. Die erste drängt sich in der Hamburger Innenstadt oft schon auf, bevor man das erste Geschäft betreten hat: Geht es zum Shopping in den östlichen Teil der Innenstadt mit Spitaler- und Mönckebergstraße, kurz City Ost? Oder zum Gänsemarkt, Neuen Wall, Poststraße und Jungfernstieg in die City West?

Untersuchungen der Hamburger Passantenströme belegen, daß die Mehrheit der Kunden in einer der beiden Innenstadthälften bleibt. Das soll mit der Eröffnung der Europa-Passage am Ballindamm im Herbst 2006 anders werden. "Die Passage ist als städtebauliches Bindeglied zwischen Ost und West gedacht", sagt Klaus Zorn, bei der Allianz Center Management Gesellschaft für die Vermietung der Europa-Passage zuständig.

"Das Konzept sieht vor, mit der Europa-Passage diese beiden vom Händlerprofil doch sehr unterschiedlichen Teile der Innenstadt einander näherzuführen", so Zorn. Dem Verbraucher komme das entgegen. "Man trägt heute ein Joop-Hemd mit einer Hose von H&M", sagt er. "Diese Mischung ist längst selbstverständlich."

Doch ob die Passage die Passantenströme tatsächlich vom Neuen Wall in die Mönckebergstraße führen wird, gilt unter Hamburgs Immobilienexperten nicht als sicher. "Sie könnte die Trennung zwischen den Innenstadtlagen noch stärker forcieren", glaubt Sven Gröning vom Immobilienmakler Kemper's. Der Kunde brauche künftig im Schnitt zwei Stunden, um die 120 Läden in der 30 000 Quadratmeter großen Europa-Passage zu erkunden. Für den Bummel durch die Stadt nehme er sich maximal noch einmal genausoviel Zeit. Fazit: Zuwenig für City Ost plus City West. "Der Einkäufer wird sich nach wie vor für ein Gebiet entscheiden."

Auch Einzelhandelsexperte Arne Sporleder von Engel & Völkers hält es für möglich, "daß die Kunden sich auf die Europa-Passage konzentrieren und sie nicht als Bindeglied annehmen". Christian Philipp Hass von Jones Lang LaSalle glaubt, daß mit der Passage eine Polarisierung kommt. "Die Kaufkraft wird sich im Zentrum bündeln. Darunter leiden vor allem Randlagen wie Großer Burstah oder Colonnaden." Die Mönckebergstraße dagegen werde mit den neuen Mietern H&M, Esprit und Mango ihren Status als eine der beliebtesten Einkaufsmeilen Deutschlands weiter ausbauen, so Hass. In der Passantenzählung von Engel & Völkers liegen Mö und Spitalerstraße mit je rund 14 000 Kunden in zwei Stunden (Sonnabend, 11 bis 13 Uhr) bundesweit auf Platz neun und zehn unter den Top-Einkaufsstraßen. Der Neue Wall liegt dagegen mit nur rund 4000 Passanten auf Platz 25, verfügt aber über eine höhere Kaufkraft der Kunden als die City Ost.

Bis zu 35 000 Kunden könnten von Herbst 2006 an pro Tag durch die Europa-Passage flanieren, schätzt Gröning. "Die Innenstadt gewinnt dadurch auf jeden Fall, auch wenn kleinere Einkaufsstraßen Passanten verlieren dürften." Das befürchte so mancher Händler in der Bergstraße. Auch dem unteren Teil der Mönckebergstraße und dem Rathausmarkt könnte dies drohen. Gröning: "Die liegen im Windschatten der Passage, das kann schwierig werden."

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