Wie gefährdet sind wir? Zehn Fragen an Deutschlands Chef-Biologen

Das in Mexiko grassierende Grippevirus hat weltweit die nationalen Gesundheitsbehörden alarmiert. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin beobachtet die Situation mit Sorge.

Hamburg. Das in Mexiko grassierende Grippevirus hat weltweit die nationalen Gesundheitsbehörden alarmiert. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin beobachtet die Situation mit Sorge. Prof. Jörg Hacker, Präsident des RKI, beantwortet die wichtigsten Fragen im Abendblatt:


Wie gefährlich sind die Erreger der Schweinegrippe für Menschen?

Die klassischen Schweine-Influenza-Viren, der Subtyp A/H1N1, können die Menschen normalerweise nicht infizieren. Das trifft auch auf die Subtypen H1N2, H3N3 und H3N1 zu. Allerdings wurden in der Vergangenheit sporadische Infektionen bei Menschen beobachtet, die engen Kontakt mit Schweinen hatten. Meist ohne tödlichen Ausgang. Doch gegenwärtig gibt es eine neue genetische Variante von A/H1N1, die zu den aktuellen Erkrankungen in Kalifornien, Texas und Mexiko geführt hat, weil sie von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.



Was zeichnet diesen Subtyp aus?

Das Virus enthält Erbgut, das von Vögeln, Schweinen und dem Menschen stammt. Alle Influenza-Viren stammen von Vögeln, sie sind sozusagen die natürlichen Wirte. Das Schwein ist das klassische "Misch-Gefäß" für Viren. Denn diese Tiere können durch Schweine-Influenza-Viren, durch Vogel-Influenza-Viren und durch menschliche Influenza-Viren infiziert werden. Zwischen diesen hat sich dann ein Austausch von Genen vollzogen, sodass diese Variante von A/H1N1 entstand. Diese genetische Zusammensetzung des Virus ist neu.



Wie weist man dieses Virus nach?

Mit dem Standard-Diagnose-Verfahren konnte es in den USA nicht nachgewiesen werden. Aber das Nationale Referenzzentrum (NRZ) für Influenza am Robert-Koch-Institut kann das Virus diagnostizieren. Zur Diagnose sollte der Arzt einen Rachenabstrich, Nasenabstrich oder Schleim aus der Lunge möglichst rasch nach Beginn der Erkrankung an das NRZ für Influenza schicken, natürlich nur nach vorheriger Ankündigung.



Wie verläuft die Ansteckung?

Es wird vermutlich beim Husten, Niesen oder auch Händeschütteln übertragen.



Wie kann man die Krankheit behandeln?

Offenbar lässt sich das Virus wirksam mit den neueren Neuramidase-Hemmern bekämpfen. Sie unterbinden den Vermehrungszyklus der Viren, sofern sie kurz nach Ausbruch einer Virusgrippe gegeben werden.



Welche Symptome treten auf, wenn Menschen daran erkranken?

Fieber, Müdigkeit, Appetitlosigkeit sowie Husten treten fast immer auf. Einige Menschen berichten auch, dass sie unter Schnupfen, Halsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall gelitten haben.



Warum erkranken vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren?

Das wissen wir nicht. Möglicherweise, aber das ist noch Spekulation, wird das Immunsystem durch den Virustyp zu stark aktiviert. Erst vor zwei Jahren konnte ein japanisch-amerikanisches Forscherteam zeigen, dass die verheerende Auswirkung der Spanischen Grippe von 1918 auf einer derartigen Überreaktion des körpereigenen Abwehrsystems beruhte. Da junge Erwachsene im Allgemeinen ein starkes Immunsystem besitzen, verlief die Erkrankung bei ihnen am schwersten. Denn bei dem Angriff des Abwehrsystems auf die Viren wurden nicht nur die Viren vernichtet, sondern auch das Lungengewebe zerstört. Die Zerstörung körpereigenen Gewebes durch das schwächere Immunsystem von Kindern und alten Menschen war hingegen wesentlich geringer.



Warum sterben in Mexiko viele Erkrankte, nicht aber in den USA?

Wir wissen nicht, warum es diese Unterschiede im klinischen Verlauf gibt, denn alle scheinen denselben Virustyp zu haben. Wir werden die weiteren Untersuchungen abwarten müssen.



Kann die Schweinegrippe nach Europa kommen?

Das kann niemand mit Sicherheit ausschließen, denn das Virus hat die Potenz, ein pandemisches Geschehen auszulösen. Aber wenn die Schweinegrippe wirklich nach Europa käme, würde uns das nicht unvorbereitet treffen. Wir haben einen guten Pandemieplan. Die Bundesländer sind vorbereitet und haben beispielsweise Neuramidase-Hemmer eingelagert.



Wie kann man sich selber schützen?

Wenn man die allgemeinen Hygiene-Regeln einhält, ist schon viel getan, um jedweder Virusgrippe zu entgehen. Man sollte sich also nicht die Hand geben, nicht anhusten oder anniesen lassen, Einmal-taschentücher benutzen und diese gleich entsorgen. Regelmäßiges, gründliches Händewaschen ist auch sehr wirksam.