Psyche: Wenn Menschen an ihre Leistungsgrenzen stoßen

Was ist dran am Burnout?

Frühe Warnzeichen sollten ernst genommen werden, um schwere Krisen wie Angststörungen und Panikattacken zu vermeiden.

Ausgebrannt, leer, mit der Kraft am Ende - klassische Zeichen eines Burnout-Syndroms. Doch was ist dran an diesem Phänomen, das anscheinend immer mehr Menschen betrifft? "Burnout ist ein Begriff, hinter dem sich viele Menschen versammeln können, weil er nicht mit dem Stigma einer psychiatrischen Diagnose behaftet ist. Durch die Beschreibung dessen, was dahintersteht, finden mehr Menschen einen Ausdruck für das diffuse Gefühl, dass etwas mit ihrem Leben nicht stimmt", sagt Prof. Michael Sadre-Chirazi-Stark, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Asklepios-Westklinikum in Rissen.

Wenn Menschen mit einem Burnout zu ihm kommen, heißt die klassische psychiatrische Diagnose meist "Anpassungsstörung". "Sie ist ein Frühwarnzeichen dafür, dass Menschen mit ihrer Leistungskapazität am Ende sind. Wenn sie diese Signale übersehen, können schwere psychische Erkrankungen entstehen, Angststörungen, Panikattacken oder eine schwere Erschöpfungsdepression. Welche Folgen das Burnout hat, hängt von der Persönlichkeit ab, der Vorgeschichte und den Belastungen."

Klar ist aber: Es ist immer eine Reaktion auf Lebensumstände, die die eigenen Kräfte übersteigen. Als Beispiel folgende Situation: "Jemand hat Schwierigkeiten im Job, befürchtet, dass die Firma verkauft wird, und dann wird ein Elternteil pflegebedürftig. Wenn mehrere solcher außergewöhnlichen Ereignisse zusammenkommen, gerät das Leben aus den Fugen. Bei manchen reicht schon ein solches Ereignis, weil sie von ihrer Grundpersönlichkeit her sowieso schon an der Grenze zur Erschöpfung leben, getrieben von der Vorstellung: Ich bin nichts wert, wenn ich nichts leiste", erklärt Stark.

Anstrengende Ereignisse, ausgeprägter Perfektionismus und hohes Engagement, oft verbunden mit schwachem Selbstwertgefühl sowie schlechte Organisation am Arbeitsplatz sind die drei Ursachen für Burnout: "Wenn man den Schreibtisch voll hat und keine sinnvolle Struktur hat, wie man die Dinge abarbeitet, versinkt man jeden Tag in seinem eigenen Chaos. Und das kostet Kraft." Für Stark ist die Kraft "ein Seelenenergiefass, mit dem wir haushalten müssen, vergleichbar dem Tank im Auto. Wenn wir nicht nachtanken, ist er irgendwann leer. Und wenn das rote Lämpchen anzeigt, dass wir auf Reserve laufen, ist das vergleichbar mit dem Burnoutgefühl: Ich kann nicht mehr, ich bin an den Grenzen meiner Leistungskraft."

In diesem Stadium senden Körper und Seele deutliche Signale: Schlafstörungen, Gereiztheit, steigender Alkohol- und Zigarettenkonsum, hungern oder zu viel essen. "Wenn wir diese roten Lämpchen nicht beachten, bleiben wir irgendwann stehen." Der Vergleich mit dem Auto zeigt auch den Ausweg: Das Prinzip der Therapie, vom Coaching bis zur Psychotherapie, heißt: Nachtanken. "Dinge in Angriff nehmen, die gut tun und Kraft geben, im Alltag die Energieräuber entdecken und lernen, wie man sie in den Griff bekommt, bei der Arbeit die Balance zu finden, sodass Familie und Partnerschaft nicht darunter leiden. Soziale Beziehungen und Hobbys sind wichtig, weil sie Energiespender sind. Denn sie bieten die Möglichkeit, ohne Anstrengung Schönes zu erleben. Aber leider sind diese Bereiche auch die ersten, die aus Zeitgründen vernachlässigt werden, wenn der Stress überhandnimmt." Und der lauert am häufigsten in der Arbeitswelt: "In der Wirtschaft steht die Ökonomie im Vordergrund, nicht mehr Firmenkultur. Früher konnte jemand, der in einer Firma begann zu arbeiten, fast sicher sein, dass er dort bis zur Rente bleiben konnte. Diese Sicherheit gibt es nicht mehr. Stattdessen wird durch alle Ebenen, vom Arbeitslosen bis zu Führungskräften, immer größere Flexibilität und Mobilität verlangt. Die Verankerung in sozialen Bezügen geht verloren, das Energiefass wird leerer", sagt Stark.

Hinzu kommt ein Phänomen, das der Berliner Psychosomatik-Professor Michael Linden als "Verbitterungssyndrom" bezeichnete: Die anhaltende und tiefe Verbitterung aufgrund einer persönlichen Kränkung. "Das trifft Menschen, die Kraft und Leidenschaft in ihre Arbeit gesteckt haben und plötzlich erfahren müssen, dass ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird. Was die Menschen so erschüttert, ist, dass für die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes nicht mehr ihre Leistung ausschlaggebend ist, sondern dass es Faktoren sind, die sie nicht beeinflussen können", sagt Stark.

Und die Flut von Informationen, die via Telefon, E-Mail, und Medien täglich bei uns ankommt, macht das Leben nicht einfacher. "Wir erleben unsere Zeit als Beschleunigung. Wir werden schwellenartig immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, die die technische Entwicklung mit sich bringt. Was für die nächste Generation selbstverständlich ist, ist für uns noch Überforderung."

Überforderung ist auch das Stichwort, das hinter diesen Bezeichnungen steckt, sei es Burnout oder das neu geprägte "Attention defizit trait", die massenhafte Zerstreutheit als Folge der Informationsüberflutung - oder als Extrem das japanische Karoshi - der Tod durch Überarbeitung.

Das bedeutet aber auch: Es ist höchste Zeit für einen Gegenentwurf: Jeder Einzelne muss lernen, eigene Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren - notfalls mit Unterstützung von außen. Auch dafür gibt es einen neuen Begriff: Im Internet unter www.burnon.de bietet ein Beratungsunternehmen unter Leitung des Psychosomatik-Professors Georg Schürer seine Dienste an - offensichtlich mit Erfolg. "Etliche große Firmen buchen ihn als Trainer und für Kurse zur Arbeitsstruktur. Vorreiter ist die Industrie", weiß Stark.

Weitere Informationen: www.prof-stark.de

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