Die Pest geht wieder um

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Angela Grosse

Seuchenforschung: Allein 200 Fälle im Osten des Kongo. Wissenschaftler am Institut Pasteur in Paris sorgen sich um neue Ausbrüche in Afrika. Denn einigen Kranken helfen die bisher wirksamen Antibiotika nicht. Die Pestbakterien sind gegen sie resistent.

Wir beobachten, dass die Pest dort wieder auftaucht, wo sie bereits seit Jahrzehnten verschwunden war", sagt Prof. Elisabeth Carniel vom Institut Pasteur in Paris, an dem sie - auch im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - die Pest erforscht. Kürzlich präsentierte sie ihre Erkenntnisse in München.

Lange schien es so, dass diese Seuche der Vergangenheit angehörte. 80 Jahre war die Pest beispielsweise in Jordanien verschwunden, aber 1997 kehrte sie zurück. 50 Jahre lang erkrankte niemand in Algerien, doch 2003 tauchte die Seuche wieder auf. Regelmäßig bricht die Pest in den Ländern Asiens, Nord- und Südamerikas und Afrikas aus. "Die Pest ist noch lange nicht ausgerottet. Gegenwärtig gibt es 200 Pestfälle im Osten des Kongo, mehr als 100 Menschen sind bereits daran gestorben", sagt die Forscherin. Dieser Teil des Kongo zählt zu den am stärksten von der Pest betroffenen Regionen der Erde, rund 1000 Fälle werden dort jährlich gezählt. 2118 Infektionen in neuen Ländern listete die WHO vor drei Jahren auf - rund 200 davon endeten tödlich.

Mehr Sorge als diese Ausbrüche bereiten den Forschern allerdings Beobachtungen, die sie auf Madagaskar machten. Dort entdeckten sie zwei Varianten des Pesterregers, die gegen Antibiotika resistent sind. Diese Medikamente sind aber bis heute die einzige scharfe Waffe im Kampf gegen den Schwarzen Tod, nur sie erlauben es, diese Krankheit zu heilen. "Bei einem 16 Jahre alten Jungen, der an Beulenpest erkrankt war, entdeckten wir Pestbakterien, die gegen ein Antibiotika resistent waren. Bei einem 14 Jahre alten Jungen versagten sogar acht unterschiedliche Antibiotika", berichtet die Forscherin, die eine Ausbreitung dieser resistenten Pestbakterien fürchtet. Die Resistenzgene lieferten vermutlich die Flöhe, die die Pest übertragen. Die Blutsauger wiederum erbten diese Gene wohl von Bakterien, die bei Menschen und Tieren im Darm vorkommen. Es sei am wahrscheinlichsten, dass die Flöhe als Mischgefäß gedient hätten, so Prof. Carniel.

Die Pest ist eigentlich eine Tierkrankheit. Sie wird von Flöhen, die als Schmarotzer im Fell der Ratten leben, übertragen. Die kleinen Blutsauger nehmen die Erreger in sich auf und geben sie weiter, wenn sie die nächste Ratte stechen. Finden die Flöhe keine Ratten, nehmen die Insekten notgedrungen auch Menschen als Wirt und infizieren diese dann mit der Pest. Das geschieht besonders häufig, wenn viele Ratten aufgrund der Pest sterben. Bis heute kommen die Krankheitserreger bei wild lebenden Nagetieren wie den Präriehunden, Erdhörnchen und Murmeltieren vor. Diese Populationen sind die natürlichen Reservoire.

Um die Pest besser in Griff zu bekommen, haben die Wissenschaftler mit modernsten biotechnologischen Verfahren die Geschichte der Erreger erforscht. Sie kann in ihren Genen nachvollzogen werden. Das Pestbakterium ist eines von zwölf Subtypen, die zur Art "Yersinia" gehören. Drei von ihnen - Yersinia enterocolitica, Yersinia pseudotuberculosis und Yersinia pestis - können beim Menschen Krankheiten auslösen. Sie alle haben einen gemeinsamen Vorfahren, der vor etwa 100 Millionen Jahren existierte. Aus ihm entwickelten sich zunächst zwei der drei Erreger, die den Menschen zu schaffen machen. "Wir waren sehr überrascht, als wir entdeckten, dass der Pesterreger erst vor etwa 20 000 Jahren in Zentralasien entstanden ist, und zwar aus Yersinia pseudotuberculosis. Seit dieser Zeit existieren die beiden sehr unterschiedlichen Subtypen nebeneinander", so Carniel.

Während Yersinia pseudotuberculosis über kontaminierte Nahrungsmittel oder Wasser übertragen wird, wird Yersinia pestis durch Flöhe verbreitet. Wie sich der Pesterreger genetisch so veränderte, dass er mit den Blutsaugern übertragen werden kann, darüber spekulieren die Wissenschaftler noch immer. Sicher ist nur, dass eine einzige genetische Mutation der Grund dafür ist, dass Yersinia pestis über die Flöhe die Welt eroberte. Gleich dreimal gab es große Seuchenzüge um den Globus. "Wir leben noch in der vierten Infektionswelle der Pest", sagt Prof. Carniel. Einen weltumspannenden Ausbruch befürchtet die Expertin nicht, aber die Warnungen der WHO sollten alle Reisenden unbedingt beachten, rät die Wissenschaftlerin. Sie sollten eingehalten werden, um sich vor dieser "immer noch gefährlichen Krankheit", wie die WHO betont, zu schützen. Denn trotz intensiver Forschungen, die insbesondere britische und amerikanische Militärs betreiben, gibt es keine Impfung gegen die Pest.

Informationen im Internet: http://www.who.int/en/

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