Hilfe für kranke Seelen

Psychatrie: Wie wirkt die Psychotherapie? Wann brauchen traumatisierte Menschen professionelle Hilfe? - Das sind Hauptthemen eines Kongresses im CCH.

Wie läßt sich die Wirkung einer Psychotherapie beweisen? Welche neuen Entwicklungen gibt es in der Versorgung von psychisch kranken Menschen? Welche neuen Psychotherapien können bei Psychosen helfen? Das sind die Hauptthemen des dreitägigen Kongresses "Forum Rehabilitation 2005 - Brennpunkte in der Psychiatrie", der kommende Woche mit bis zu 700 Teilnehmern im Hamburger Congress Centrum stattfindet.

"Neue Forschungsergebnisse haben gezeigt, daß sich mit dem Kernspin Veränderungen in der Intensität des Gehirnstoffwechsels nachweisen lassen", erklärt Prof. Michael Sadre-Chirazi-Stark, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Asklepios Westklinikum in Hamburg-Rissen und einer der Organisatoren des Kongresses. Als Beispiel nennt er eine Untersuchung aus den USA: "Dort hat man zeigen können, daß bei schweren Zwangserkankungen durch eine Verhaltenstherapie wieder eine Normalisierung der Funktionen in unterschiedlichen Gehirnregionen erreicht werden kann, genauso gut wie zum Beispiel durch Medikamente." Auf diesem Gebiet, der sogenannten Neurobiologie, gebe es immer mehr Erkenntnisse, daß sich Erfolge der Psychotherapie durch ähnliche Befunde in den Funktionen des Gehirns beweisen lassen.

Vorgestellt werden auch neue Psychotherapien bei Psychosen, die in Skandinavien bereits praktiziert werden, zum Beispiel bei der Schizophrenie: "Dort wird vermehrt die Familientherapie eingesetzt, und auch die soziale Integration der Patienten ist sehr wichtig. Ein neues Schlagwort ist die ,bedürfnisorientierte Behandlung'. Im Vordergrund steht die Frage: Was braucht der Patient, um nach einer solchen Erkrankung wieder in seinem sozialen Umfeld leben zu können?"

Auch die gemeindepsychiatrische Versorgung in Deutschland steht auf dem Programm, besonders die Frage, wie diese Versorgung der Patienten in ökonomisch schwierigen Zeiten ausreichend sichergestellt werden kann.

Im Rahmen des Kongresses finden auch drei öffentliche Veranstaltungen statt. Am Donnerstag hält Prof. Rainer Thomasius aus dem UKE einen Vortrag über die Suchtgefährdung bei Jugendlichen. Ein aktuelles Thema, denn der Drogenkonsum bei Jugendlichen nimmt nach neuesten Studien immer weiter zu, mit bedenklichen Folgen: "Viele Patienten, die mit Psychosen zu uns kommen, haben in ihrer Jugend Drogen genommen", so Sadre-Chirazi-Stark. Mittlerweile sei erwiesen, daß Drogenkonsum nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern auch ein Risikofaktor für eine spätere schwerwiegende psychiatrische Erkrankung sei.

Am Freitag findet eine Veranstaltung zu psychischen und materiellen Belastungen der Angehörigen von psychisch Kranken. statt. "Patienten werden heute schneller wieder aus dem Krankenhaus entlassen als früher, das heißt, sie sind bei der Entlassung kränker, und sie sind stärker auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen. Hinzu kommen die finanziellen Belastungen durch die Gesundheitsreform. Viele Patienten können sich die Zuzahlungen für Medikamente nicht mehr leisten und setzen diese eigenmächtig ab, mit der Folge, daß sie wieder stationär behandelt werden müssen. Auf diese Weise entsteht eine neue Drehtürpsychiatrie, bei der die Patienten ständig zwischen ambulanter und stationärer Therapie hin- und herpendeln", betont der Psychiater.

"Rettet uns vor den Rettern" - lautet der etwas provokante Titel der Podiumsdiskussion am Freitag über Umgangsweisen mit Menschen, die seelische Traumatisierungen erlitten haben.

"Wir wollen kritisch hinterfragen, ob jeder Mensch, der eine Katastrophe erlebt hat, automatisch professionelle Hilfe braucht. Es wird dabei leicht außer Acht gelassen, daß jeder Mensch auch eigene Bewältigungsmechanismen hat, um mit solchen Erlebnissen fertig zu werden", so Sadre-Chirazi-Stark. Erst wenn Störungen wie Schlaflosigkeit, sogenannte Flash backs, also Bilder der Katastrophe, die immer wieder vor dem inneren Auge auftauchen, und Grübeleien zwei Monate nach dem Erlebnis immer noch nicht nachlassen, sei eine Traumatherapie angebracht. Bis dahin handele es sich bei solchen Symptomen um einen ganz normalen seelischen Verarbeitungsprozeß.

Öffentliche Veranstaltungen im Rahmen des Kongresses:

Suchtgefährdung bei Jugendlichen,

Donnerstag, 28.4., 19-20.30 Uhr,

Psychische Erkrankung in der Familie - Hilfe und Selbsthilfe der Angehörigen,

Freitag, 29.4., 19.30-21 Uhr,

Rettet uns vor Rettern - Möglichkeiten und sinnvolle Grenzen bei der Unterstützung von Menschen nach Traumaerleben,

Sonnabend, 30.4., 13.30-15 Uhr.

Alle Veranstaltungen sind kostenfrei

und finden statt im CCH, Saal 4.

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