Hier lernen die Nachteulen

Protokoll: Während Hamburg schläft, sitzen einige Studenten und büffeln. Eine Nacht in der Law-School-Bibliothek.

Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr, können die 480 Studenten der Bucerius Law School in Hamburg ihre Bibliothek nutzen. Die Nachtaktiven unter ihnen nehmen das Angebot dankend an.

21.20 Uhr Sonnenlicht ist hier nicht notwendig, um wach zu bleiben. Die Bibliothek der Bucerius Law School in Hamburg ist in taghelles elektrisches Licht getaucht.

"Nachts sind hier weniger Leute, und es ist einfach ruhiger", erklärt Konstantin Fahr, der ausschließlich in der Nacht lernt. Wenn er sich auf Klausuren vorbereitet, ist er schon mal bis drei Uhr morgens hier. Er hat den Vorteil, die Bibliothek zu jeder Tages- und Nachtzeit nutzen zu können. Seine Zugangsberechtigung im Format einer Kreditkarte öffnet ihm einen Sesam voller juristischer Fachbücher. Sensoren und Nachtwächter schützen vor Diebstählen. Es riecht nach neuen Büchern, Staub und Linoleum. Die Renovierung vor fünf Jahren hat dem fast hundertjährigen Gebäude ein klinisches Flair verliehen, alles ist in Weiß gehalten. Zu den Tischen auf der Galerie gelangt man über steile, metallene Wendeltreppen. Trennwände schirmen die Tische voneinander ab. Der Eindruck von Ausgewogenheit täuscht, nur ein Drittel der hier Studierenden ist weiblich.

22.15 Uhr Die jungen Männer konferieren über Büchern und einem Notebook. Poloshirt oder Hemd scheinen zum Dresscode zu gehören. Als die Frauen gehen, machen sie leise Musik an, die an das Hintergrundplätschern in asiatischen Restaurants erinnert. Ihr Lachen und ihre lauten Gespräche durchbrechen die feierliche Stille der Bibliothek. Thomas Scheffel ist einer der vier und müßte eigentlich noch "ganz viel machen", denn er ist in Verzug. "Der akademische sowie der soziale Druck von Familien und Freunden ist riesig", gesteht er. 9000 Euro betragen die Studiengebühren jährlich. Ob er in der Nacht gut lernen kann, beantwortet er prompt mit "Am besten. Nachts kann mich nichts ablenken. Da habe ich meine Ruhe." Er läßt sich aber doch dazu überreden, mit seinen Studienkollegen einen trinken zu gehen.

0.00 Uhr Es ist Mitternacht, still und plötzlich dunkel. Die Studenten haben das Licht hinter sich ausgeschaltet. Nur im Lesesaal beißt es noch grell in die Augen.

Die U-Bahnen fahren nicht mehr. Die Studenten, die jetzt noch da sind, müssen mit Auto, Nachtbus oder zu Fuß den Heimweg antreten. Zu ihnen gehört Fabian Heilemann. Er lernt seit acht Stunden hier, "weil es zu Hause tausend Ablenkungen gibt. Man arbeitet dann nicht so effizient und haut sich ständig Essen rein".

1.25 Uhr Mit zwei Dosen Red Bull und einem Stapel Büchern kommt Mark Schmitz in den Lesesaal. "Ich habe schon in der Schulzeit morgens nicht aufstehen können", begründet er, warum er lieber nachts arbeitet.

In das untere Stockwerk der Bibliothek gelangt man über eine enge Betonwendeltreppe. Oranges Straßenlicht fällt durch große Fenster in die Räume und läßt die Ecken noch dunkler erscheinen. Es fügt die Schatten der Stühle, Lampen und Regale zu bizarren Figuren zusammen. Hier lernen die Geister. So nennt Fabian die Examenskandidaten, die seit Wochen für ihr Staatsexamen büffeln. Sie sitzen in Extraräumen in Einzelkabinen. Milchglas oder Holz schirmt sie von der Außenwelt ab. Schilder mahnen: "Nur für Examenskandidaten". Drinnen ist es dunkel. Fabian behauptet, daß die Geister gelegentlich sogar hier schlafen. In seiner Stimme liegt Ehrfurcht. Ist also noch jemand da?

2.50 Uhr Das helle Licht im Lesesaal oben trickst die innere Uhr der Studenten aus, um sie vor Schläfrigkeit zu bewahren. Fabian hat noch 30 Seiten vor sich, Mark gerade erst angefangen. Man sieht ihnen die Müdigkeit an.

3.35 Uhr In der dunklen Eingangshalle im Erdgeschoß sitzt der Nachtwächter allein. Nachdem die Tür zum Parkplatz hinter dem letzten Nachtlerner zugefallen ist, schaltet er das Licht aus.